Arbor Ira – Weltenfresser (Rezension)

Arbor Ira - Weltenfresser

Es ist wie immer: Hurra, hurra, das neue Jahr ist da! Alles wird wieder neu, alles wird wieder viel besser. Für ein paar wenige Tage gibt sich die hirngewaschene Masse der illusorischen Vorstellung hin, dass man alles wieder ganz einfach ins rechte Licht rücken kann, mit einem „eisernen“ Willen und einer Menge guter Vorsätze. Für zwei bis höchsten vier Wochen (denn spätestens dann hat der „eiserne“ Wille die Konsistenz eines vom Weichmacher abhängigen Gummibärchens erreicht) werden fast alle wieder anfangen mehr Sport zu treiben (z. B. um die im Fett ertränkten Gelenke wieder einigermaßen bewegen zu können), viel bewusster essen (weil man einen halbe Sekunde andauernden Geistesblitz in Form einer Silvester-Rakete im eigenen Hirn aufleuchten sah, und man überraschenderweise feststellen musste, dass man sich nicht nur ausschließlich von McDreck und kackbrauner Cola-Brühe ernähren kann), nett zu den Nachbarn sein (denen man bei der ersten Unstimmigkeit wegen eines offenen Fensters oder etwas in der Art wieder am liebsten gleich gepflegt die Hackfressen polieren würde) und so weiter und so fort. Von Problemen globaler Ausmaße und Auswirkungen, wie z. B. der akuten Vermüllung und Vergiftung durch Plastik, will ich hier gar nicht erst anfangen. Doch lange Rede kurzer Sinn. Ergo: Nix wird besser, im Gegenteil, wahrscheinlich noch schlimmer, denn trotz seiner Intelligenz ist der gemeine Mensch an sich einfach nur dumm und dazu auch noch ein Weltenfresser. Auf einer Stufe mit den schon im Alten Testament erwähnten Heuschreckenplagen gleichzustellen. Ein nimmersatter und maßlos gieriger Insektoid auf zwei Beinen und einer wabernden Puddingmasse hinter dem Vorhang namens Gesicht. Zum Schluss, wenn die Erde unheilbar kaputt sein wird und man auch mit der Geldscheinsuppe den Welthunger nicht unter Kontrolle kriegt, wird sich die Menschheit gegenseitig den Hirnpudding genüsslich aus ihren Hohlschädeln auslöffeln. So wie es beispielweise die ach so zuckersüßen Marienkäfer auch schon mal tun. Habt ihr euch schon mal einen Marienkäfer etwas näher angeschaut, unter einer Lupe vielleicht? Ein fieses Killerinsekt ist das und kein Glückskäfer, für die Läuse der Alptraum. Aber genug der lustigen Zukunftsprognosen…

„Weltenfresser“ heißt auch das aktuelle Album von Arbor Ira oder dem Baumzorn, das vierte Album (auch wenn ich anfangs vom dritten ausgegangen bin, da mir „Ohne Welt und Aber“ unbekannt war) in der Discographie, vier Jahre nach der letzten EP „Zerfall“. Und auch wenn sich nur der letzte Song „Wundersame Heilung“ direkt mit der Thematik des Weltuntergangs beschäftigt, gelingt es bereits allein nur dem Albumtitel mir solcherlei Gedanken in den Kopf zu spülen. Die anderen Songs befassen sich allerdings auch mit dem menschlichen Versagen, mit all den hässlichen Dingen in der Existenz des Menschen, die indirekt letztendlich zu zerstörerischen Handlungsweisen führen. Und ja, mit dem, was sie sagen, haben Arbor Ira ganz und gar nicht so unrecht. Wenn der bLUM z. B. „Menschlein – bist du noch bei Trost – du sägst an dem Ast auf dem du sitzt“ singt, dann habe ich gleich wieder die eine lustige Karikatur im Kopf, welche ich in einer kritischen Obdachlosenzeitung mal gesehen habe: Ein Roboter sägt an dem Ast auf dem er sitzt, während sich die Wissenschaftler riesig freuen, dass die künstliche Intelligenz endlich auf dem Niveau der menschlichen angekommen ist. Hahahaha… Voll Banane! Diese natürlich genormt, voll mit Insektiziden behandelt, riesengroß weil genmanipuliert und wahrscheinlich um mehr als die halbe Welt gereist. Eine echte Weltenbummler-Banane für den echten Weltenfresser eben…

Aber langsam sollte ich auch zur Musik übergehen, denn um diese soll es hier schließlich primär gehen. Bereits in meinen Hammerheart-Rezensionen habe ich festgestellt, dass Arbor Ira permanent an sich arbeiten und sich mit jeder Veröffentlichung immer etwas verbessern. Und auch diesmal ist dies der Fall, wenn auch „Weltenfresser“ qualitativ nur einen kleinen Steinwurf weiter entfernt als die wirklich gut gelungene EP „Zerfall“ liegt. Die sieben Songs sind erneut durch sich relativ langsam aufbauende und sehr melancholisch anstimmende Kompositionen gekennzeichnet, die auf jeden Fall mehrere Anläufe brauchen, um sich in den Gehörgängen erst so richtig breit machen zu können. Ist diese Hürde jedoch überwunden (was sicherlich nicht jedem gelingen wird), kommt man automatisch in den Genuss der feingesponnen Melodien, welche nicht nur von den Gitarren sondern häufiger auch von der Violine und dem Cello bestens getragen werden. Hört euch mal am besten den kürzesten, jedoch heftigsten Track „Taurus Divina“ mal an, dann bekommt ihr eine genauere Vorstellung davon. Durch den konsequenten Einsatz der Streichinstrumente ist ein Vergleich zu My Dying Bride immer noch sehr angebracht, wenn auch hier und da verschiedenfarbige andere Einflüsse durchsickern bzw. feststellbar sind. Dasselbe gilt für den Gesang, der von klassisch tiefen Death-Growls über den sauberen Klargesang bis hin zu einem leicht überspitzten Wahnsinnsgebrabbel reicht. Zugegeben, letzteres ist nicht mehr so stark ausgeprägt wie auf den früheren Werken, aber es reicht noch gerade so, um den Ausdruck Doom Death Psycho rechtfertigen zu können. Den gesellschaftskritischen und zuweilen schon nach Poesie stinkenden Texten gelingt dies aber umso einfacher. Das einzige was ich an diesem Album vermisse, sind so geile und tonnenschwere Riffs, wie man sie noch im Song „Ein gar teuflisch Gift“ auf dem Album „…meine Träume, vergangene“ zu hören bekommt. Dennoch, ein gutes Death-Doom-Album ist „Weltenfresser“ auf jeden Fall geworden. Und auch der weibliche Gesang auf dem sechsten Track „Nemorivagus“, einem sehr waldhalligen Titel übrigens, weiß voll zu überzeugen. Frau N. Zimmer könnte mal ruhig öfters zum Mikro greifen, finde ich.

Wer sich etwas mit meinen Gedanken anfreunden kann oder zumindest an dem einen oder anderen Punkt seine Hirnwindungen wieder angeworfen hat, der kann sich getrost diese Digipak-CD in sein dunkles Kämmerlein stellen. Das gilt vor allem für Freunde der sterbenden Braut, aber auch all diejenigen, die sich die neue Monolithe oder auch die Ocean of Grief vorbestellt haben, sollten hier ein Ohr riskieren, oder auch zwei…