Eneferens – In The Hours Beneath (Rezension / Review)

Eneferens - In The Hours Beneath
DeutschEnglish
Es ist noch gar nicht so lange her, da konnte mich das kurze aber feine Debüt „The Inward Cold“ des amerikanischen Solokünstlers Jori Apedaile mit seiner eisigen Thematik und der überraschenderweise gar nicht mal so frostigen Musik wahrlich vom Hocker hauen. Gerade einmal drei Monate später liegt mir das erste „echte“ Album von Apedaile und seinem Projekt Eneferens vor. „In The Hours Beneath“ ist ein wundervoll fragiles und dennoch vor Kraft nur so strotzendes Album, das alle bereits auf „The Inward Cold“ zu findenden Elemente in noch beeindruckenderer Form präsentiert.

Beginnend mit „Morning“ schreiten wir auf „In The Hours Beneath“ in die Stunden zwischen dem Alltag und den Stunden, die ganz und gar uns alleine gehören: Den Stunden, in denen wir in uns selbst hineinhorchen können. So zumindest wäre meine Interpretation des Albums, in meiner Vorstellung eine imaginäre oder vielleicht auch reale Wanderung, die uns nicht nur an die Grenzen unserer körperlichen sondern auch unserer seelischen Kraft führt, um alles hinter uns zu lassen. Diese Vorstellung drängte sich mir jedoch nur nach dem ersten Hördurchlauf auf, ohne dass ich mich näher mit den Texten der einzelnen Songs beschäftigt habe. Denn eigentlich ist „Morning“ der trügerisch-seichte Auftakt in einen Tag bzw. in ein Album voller Verzweiflung, Schuldgefühlen und innerer Zerrissenheit. Gefühle, die nur augenscheinlich so gar nicht zu der harmonischen Ruhe auf dem Album-Cover passen möchten. Stimmigerweise setzt dieser Song vollständig auf den zerbrechlich wirkenden Klargesang in Verbindung mit einem ebenso fragilen Gitarrenspiel, was mich bereits auf dem Vorgängeralbum begeistert hat. Dieser Morgen glitzert in den Seen der Berge und in den Eiszapfen an den Bäumen – obwohl er lyrisch eher den Start in einen nicht enden wollenden Albtraum darzustellen scheint. Es ist faszinierend, wie kontrastreich Text und Musik hier zusammen agieren.

Erst ab dem zweiten Song „Chrysanthemum“ befinden wir uns in tiefschwarzen Gefilden und in den Abgründen eines verstörten Geistes. Black Metal und Blumen? Ich glaube, nur wirklich Außenstehende werden diese Verbindung tatsächlich merkwürdig finden. Passt doch die Verletzlichkeit, welche wir mit Blüten im Allgemeinen verbinden, wunderbar zu dem Schmerz, welcher in  „Chrysanthemum“ besungen wird. Da die Pflanzen bis in den Herbst hinein blühen – wenn andere Blumen schon längst verblüht sind – und so noch einige Farbtupfer in das neblige Herbstwetter bringen, stehen sie vielleicht für das letzte bisschen Hoffnung, welche trotz aller Verzweiflung zwischen den Zeilen mitschwingt. Oder ist es eher die Hoffnung auf Hoffnung?

Masked in snow
Winter is nigh.
Once a heart
Now is ice.

– Songtext von „Chrysanthemum“

In „Through The White“ und „Refuge“ schlagen wir uns durch Schnee, Wildnis und Wut hinauf „Upon The Black Mountain“ – dem Ziel unserer Reise und unseres Schicksals. Wie ein Schneesturm wehen „Through The White“ und „Refuge“ über uns hinweg, in denen wir auf überraschend warme Melodien vor dem Hintergrund eines aggressiv prügelnden Schlagzeuges treffen. Nach wie vor, von innerer Zerrissenheit geplagt, stellen wir uns Fragen, auf die wir keine Antworten finden, außer dem Schreien des Sturmes und den Stimmen in unserem Kopf.

Als wir schließlich die Spitze des Berges erreichen, finden wir… unendliche Ruhe. „Upon The Black Mountain“ ist eine klavierdominierte Verschnaufpause auf dem Gipfel dieses Albums – irgendwo weit über den Wolken – und zugleich der Auftakt zum unvermeidlichen Ende. Welches Ende es nun ist, das uns in „Ascension“, dem Schlussakt von „In The Hours Beneath“, erwartet? Das zu entscheiden bleibt jedem selbst überlassen. Fest steht, dass, hier oben auf dem Berg angekommen, uns der eigentliche Aufstieg erst noch bevorsteht. Hier gibt es nun kein Weiterkommen im physikalischen Sinne mehr. Am Ende unserer Reise müssen wir uns unseren inneren Dämonen schlussendlich stellen. Im letzten Stück dieses grandiosen Albums kommt noch einmal alles zusammen, was „In The Hours Beneath“ auszeichnet: Ruhige Momente, sanfte Melodiebögen, eiskalte Riffs und brachiales Schlagzeuggeprügel.

Every night
I lie awake
To find
In this dark…
A sense of hope fading

– Songtext von „Through The White“

Über das Debüt „The Inward Cold“ schrieb ich: „What you see is what you get. Nicht mehr und nicht weniger.“ Im Vergleich dazu ist „In The Hours Beneath“ ein Sprung, dessen Reichweite sich kaum messen lässt. Wenn Eneferens auf diesem Weg fortschreiten, erwarten uns sicherlich noch einige großartige Alben. In diesem Falle verneige ich mich sehr tief vor der Leistung, die Jori Apedaile hier an den Tag legt. Aber nicht nur wegen der Steigerung zu seinem Vorgängeralbum. „In The Hours Beneath“ erscheint neben all seinen Qualitäten auch noch auf hohem Niveau produziert zu sein und ist in sich stimmiger als manches „namhafte“ Album.

(Foto: © Eneferens)

It wasn’t so long ago, that the short but nice debut „The Inward Cold“ by the American one-man-artist Jori Apedaile fascinated me with its icy topic and the surprisingly „non-frosty“ music. Just about three months later, I hold the first „real“ album of Apedaile and his project Eneferens in my hands. „In The Hours Beneath“ is a wonderful, fragile and yet powerful album, that combines all elements found on „The Inward Cold“ in an even more impressive way.

Starting with „Morning“, we’re focusing on the hours between everyday life and the hours that belong to us alone entirely: Those hours in which we can listen to ourselves. At least this would be my personal interpretation of this album, whichtakes us (in my imagination) to a fictious or maybe real journey, that pushes us not only to the limits of our physical but also our mental power – to leave it all behind. However, this picture only occured after the first listening, while not having a further look on the lyrics. Indeed, „Morning“ is the deceptive, shallow start to a day or rather album full of despair, guilt and inner conflict. Feelings that don’t seem to fit with the harmonious silence of the album cover. This song puts all on the clean fragile voice, combined also with fragile guitar playing, just how it excited me on the first album. This morning sparkles in lakes of the mountains and in icicles on the trees – though it sounds more like a start in a neverending nightmare. It’s fascinating how much contrast is accomplished by the interaction of lyrics and music.

From the second song „Chrysanthemum“, we find ourselves in deep black realms and in the abyss of a disturbed mind. Black metal and flowers? I think only real outsiders would think that this is a really strange connection. The vulnerability, which we associate with blossoms in general, fits wonderful with the pain in „Chrysanthemum.“ Since these flowers bloom until autumn – while other flowers are withered – and give some colours to the misty autumnal weather, they’re perhaps the last spark of hope, which resonates between the lines despite of all the desperation. Or is it rather the hope for hope?

Masked in snow
Winter is nigh.
Once a heart
Now is ice.

– Lyrics of „Chrysanthemum“

In „Through The White“ and „Refuge“, we’re going through snow, wilderness and anger „Upon The Black Mountain“ – the end of our journey and destiny. „Through The White“ and „Refuge“ are blowing over our heads like a blizzard, which surprisingly offers warm melodies and an aggressively beating drum. Still fighting with the inner conflict, we’re asking questions, without any answers, but there are only howling storms and voices in our heads.

When we finally reach the mountain’s top we find… infinite stillness. „Upon The Black Mountain“ is a piano-dominated breather on the summit of this album – somewhere far above the clouds – and at the same time a prelude to the inevitable end. What end we can expect in „Ascension“, the final track of „In The Hours Beneath“? It’s up to everyone to decide. It’s certain that, here on top of the mountain, the actual climb is still to come. There is no longer any progress in a physical way. At the end of our journey, we have to face our inner demons. In the final piece of this gorgeous album everything that characterizes „In The Hours Beneath“ is coming back again: Calm moments, gentle melodies, ice cold riffs and brachial drumming.

Every night
I lie awake
To find
In this dark…
A sense of hope fading

– Lyrics of „Through The White“

Regarding the debut „The Inward Cold“ I once wrote: „What you see is what you get. Nothing less and nothing more.“ Compared with that, „In The Hours Beneath“ is a jump which can hardly be measured. If Eneferens will walk this path, surely many great albums will follow. In this case I’ll make a deep bow to the performance of Jori Apedaile; not just because of the improved performance compared with the first album. „In The Hours Beneath“ also seems to be produced on a high level and is more coherent than many other „well-known“ albums.

(Picture: © Eneferens)