Geisterfels – La névrose de la pierre

Geisterfels - La névrose de la pierre

Die französische Black-Metal-Szene hat sich zu einer der vielfältigsten und farbenreichsten gemausert und bietet Vertretern aller Ausrichtungen des einst vielleicht eng gefasstesten und traditionsbehaftesten Genres ein Forum, nicht zuletzt vielen Vorreitern des modernen, melodiösen Black Metals wie Alcest oder In Cauda Venenum. Aber auch der klassische Geist des Black Metals lebt in Bands wie beispielsweise eben Geisterfels weiter. Geisterfels, das ist eine französische Mittelalter-Black-Metal-Band. Diese legt mit „La névrose de la pierre“ ein umfangreiches und atmosphärisch dichtes Werk in französischer und deutscher Sprache vor. Eine CD mit 8 Stücken erwartet den geneigten Zuhörer in einer DIN-A5-Metalbox, zusammen mit einem schönen, großformatigen Booklet mit den Texten der Werke. Die Aufmachung wirkt liebevoll und detailverliebt und macht Lust auf den folgenden musikalischen Epos. Die Band besteht aus der Künstlerin Nebel, die sich für die Kompositionen und Texte verantwortlich zeichnet, dem Instrumentalisten Aldébaran, dem die musikalische Umsetzung der Stücke obliegt, sowie Aharon, dem Vokalisten. Diese exzentrische Arbeitsweise geht auf Nebel zurück: Ihr Faible für Deutschland und den Rhein inspirierten sie sogar dazu, die deutsche Sprache zu erlernen.

So erzählt das Werk „La névrose de la pierre“ auch die Geschichte eines französischen Dichters, der im neunzehnten Jahrhundert die Gegend um den Rhein und die Mosel bereist und seine Eindrücke zwischen Begeisterung für die Vielfalt und Pracht der umliegenden Schlösser auf der einen, und Verzweiflung ob der Erfahrungen und Beobachtungen auf seiner Reise auf der anderen Seite niederschreibt.

Das Album startet mit dem treibenden „Les ruines du castel“, einem Song, welcher es ob seiner Instrumentierung und der Texte schafft, zugleich eine entrückte und dramatische Atmosphäre aufzubauen. Die Hallfahnen lassen Ambient-Black-Metal-Assoziationen aufkommen, und das hohe Tempo lässt den Hörer sofort erkennen, dass dies hier ein wilder Ausritt durch die Ruinen wird. „La sentinelle du Rhin“ poltert ambitioniert drauf los und nimmt sich nur in den wiederkehrenden refrainartigen Blöcken ein wenig zurück, während der Hörer mit dem geistigen Auge über den Rheinauen schwebt. Die französischen Texte begeben sich sowohl in landschaftliche Beobachtungen wie auch in die intrinsische Ansicht des Dichters und seine marode Gefühlswelt. „Im Nebel“ lässt dann aber auch Raum für kleinste musikalische Ausflüge in die mittelalterlich geprägte Ausrichtung von Geisterfels, nur um danach umso heftigere und intensivere Black-Metal-Riffs und Disharmonien mit sanft unterlegtem, kaum hörbarem Keyboard zu entfesseln. Am Ende des Lieds hört man zum ersten Mal ein paar Worte in deutscher Sprache, die mit dem starken französischen Akzent eine eigenartige und irgendwie angenehme Atmosphäre schaffen.

Nach einem zweieinhalbminütigen Instrumental-Stück folgt mit „Geisterfels“ der Song, dem der Bandname entsprungen ist. Das Stück ist abwechslungsreich, ohne auch nur eine Melodie zu viel anzubieten. Mittlerweile ist der Sound der CD so tief im Ohr angekommen, dass man sich voll und ganz auf die großartige Atmosphäre einlassen kann. „Der Tod und die schwarze Gräfin“ ist nun komplett in deutscher Sprache gehalten und wird von dem lediglich mit „b.“ betitelten Gastsänger (Gitarrist und Sänger der deutschen Band Daemonheim) vorgetragen. Da dieser Muttersprachler ist, tritt hier der französische Akzent gänzlich im garstigen Keifen und Grollen in den Hintergrund, und die Qualität der Vocals wird erstmals wirklich deutlich. Der Song groovt und die Melodien zünden, hier kann man fast von einem kleinen Black-Metal-Hit sprechen! Nach einem weiteren kürzeren Song folgt mit „Puis vin la chute“ ein weiterer klassischer Song mit furiosen Riffs und einem tollen Gespür für Abwechslung und Songwriting im Black Metal. Die Instrumentierung ist durchweg gelungen, der Sound nur leicht blechern, und nach ein bis zwei Minuten geht man angenehm in der Atmosphäre der Scheibe auf und kann über das komplette Album hinweg tief in die Landschaft um Rhein und Mosel eintauchen.

Geisterfels legen hier ein spannendes, ambitioniertes Werk vor, überraschen mit ihrer spleenigen Herangehensweise in Songwriting und Darbietung wie auch einem tollen Konzept und wollen so gar nicht in die moderne Schule des Black Metals gehören. Genrepuristen, die den 90er Sound suchen, werden hier auf jeden Fall glücklich. Wenn es Geisterfels zukünftig gelingt, die Qualität der Songs durchgängig auf ein Niveau der Albumperlen „Der Tod und die schwarze Gräfin“ und „Puis vint la chute“ zu bringen, könnte der Gruppe und ihrem Künstler Nebel noch eine bunte bzw. rosig-schwarze Zukunft bevorstehen.