Various Artists – Imperfect (Rezension / Review)

Imperfect
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Ist es nun ein Sampler oder doch ein komplettes Album? Das Split-Album „Imperfect“, ein Gemeinschaftsprojekt, für welches sich fünf Bands bzw. Musikprojekte zusammengefunden haben, verfügt zwar über den Charme eines einheitliches Stils, doch ob sich dahinter jedoch auch ein gemeinsames Konzept verbirgt, konnte ich auf Anhieb nicht feststellen. Von offizieller Seite wird das Werk zwar als Album verkauft, doch aufgrund der scheinbar nur stilistisch passenden Mixtur wird es den Ruf eines Samplers in meinen Augen nicht los. Aber wen stört’s?

Auf „Imperfect“ trifft einiges zusammen, von dem man im Bereich des Blackgaze, Post-Black Metals und atmosphärischen Black Metals schon einmal gehört haben könnte: Violet Cold (ein Projekt, welches mich mit dem wahrlich magischen Album „Magic Night“ begeisterte), A Light in the Dark (hinter dem sich der osteuropäische Ausnahmekünstler B.M. verbirgt, den ich unter anderem für unser Waldhalla-Magazin interviewen durfte), Show Me A Dinosaur (die mich seinerzeit mir ihrem blümerant anmutenden Album und ihrer rasanten Spielweise faszinierten), sowie Unreqvited und Sadness, welche mir beide neu sind.

„Brave New Void“ – eine schöne neue Leere – heißt das erste Stück dieser Split und entstammt der Feder von Violet Cold. Der Song startet zugegebenerweise etwas merkwürdig und es entzieht sich meiner Kenntnis, welche Hintergrundgeräusche da in den ersten Sekunden vor sich hinknistern. Die Brandung am Meeresstrand? Das schmatzende Verzehren eines Butterbrotes? Ist auch egal, denn es dauert nicht lange und „Brave New Void“ entfaltet sich wie eine nachtschwarze, wunderschöne Blüte. Melodisch erinnert mich der Song stellenweise an einige Momente, die mir auch auf dem Kauan-Album „Sorni Nai“ eine Gänsehaut bereiteten. Wundervoll! Der Einsatz von Naturklängen und der Ruf einiger Möwen in der Mitte des Stückes erzeugen in Kombination mit der Musik ein angenehmes Gefühl von Sehnsucht. Kurz darauf rufen Schlagzeug und Gitarren – beide immer schneller werdend – zum Aufbruch auf. Wir entfliehen der Leere…

Beinahe nahtlos fügt sich das zweite Stück der Scheibe an: „Vivify“ von Sadness. Ich sage bewusst „beinahe“, denn schon kurz nachdem das Klavierklimpern der ersten Sekunden verklingt, legt „Vivify“ ein ungleich schnelleres Tempo als das Vorgängerstück an den Tag und nimmt es mit seiner namensgebenden Belebung sehr wörtlich. Der Aufbruch wird zu einem Wettlauf ins Unbekannte. Die Magie des Anfangs ist verflogen und klingt nur noch unterschwellig mit – statt ihrer sticht eine kaum zu greifende Disharmonie hervor, die dem Song beinahe so etwas wie Aggressivität verleiht. Wäre da nicht die Melodie im Hintergrund, die sich wie ein leitender Faden durch das kaum auseinander zu haltende Rauschen von Gitarre und Schlagzeug zieht. Selbst die ruhige Mitte vermag dem Song nicht völlig seine Schärfe zu nehmen.

Nicht ganz so nahtlos, insgesamt ruhiger und das erste Stück mit Gesang (wenn auch sehr unverständlich) schließt sich „Uncertain“ von A Light in the Dark an. Ich meine ruhiger auch nur im Vergleich zum Vorgängerstück, denn auch „Uncertain“ weiß mit Gitarre und Schlagzeug ordentlich Fahrt aufzunehmen. Warum wir an dieser Stelle des Albums unentschlossen sein sollen? Ich weiß es nicht. Vielleicht stellen wir erst jetzt fest, dass wir ohne Ziel aufgebrochen sind. „Uncertain“ verklingt so abrupt wie ein guter Cliffhanger und entlässt uns in die atmosphärische Welt von „Kitsunebi“. Das kanadische Projekt Unreqvited steuert „Imperfect“ einen intensiven und extrem kraftvollen Song bei, der mit Bedacht vorgeht. Kitsunebi sind in der japanischen Folklore geisterhafte Lichter, die mich stark an Irrlichter erinnern – haben wir uns an dieser Stelle des Albums verlaufen? Wurden wir (von uns selbst) in die Irre geführt? Wahrscheinlich überinterpretiere ich wieder und versuche einen Sinn bzw. Weg zu finden, wo gar keiner ist. Aber das macht den Reiz von Alben wie diesem aus: Sie regen zum Nachdenken an.

Zum guten Schluss holt „Imperfect“ mit dem Song „Unsaid“ von Show Me A Dinosaur noch einmal so richtig aus. Wut, Verzweiflung, Zorn – sie alle finden sich zusammen und beenden eine Reise, die so harmlos mit Meeresrauschen und Möwen begann. Schlussendlich haben wir das Ziel und das Ende der Trackliste erreicht. Es bricht alles aus uns heraus, eine Flut des Ungesagten und des Verdrängten, denn „Unsaid“ ist gleichzeitig auch das erste Stück mit einem Songtext, der zumindest etwas Licht ins Dunkel bringt.

Ich hätte nicht gedacht, dass sich zu diesem Album so viel schreiben lässt. Die Inspiration der fünf Stücke von „Imperfect“ ist aber auch wahrlich ansteckend. Diese Reise hat mir viel Freude bereitet. Außerdem finde ich, dass Albumtitel und Inhalt kontrastreicher nicht sein könnten. Unperfekt? Nicht im Geringsten!

Is it a sampler or is it a complete album? The split „Imperfect“, a collaborative project for which five bands have come together, has the charm of a uniform style. But I can’t say whether or not a common concept hides behind it. Officially discribed as an album, it will not get rid of the reputation of a sampler in my eyes. But who cares?

On „Imperfect“ there are some people you might have already heard of, when you are interested in blackgaze, post-black metal or atmospheric black metal: Violet Cold (a project which delivered us the truly magical album „Magic Night“), A Light in the Dark (which I have interviewed for our printed magazine), Show Me A Dinosaur (which fascinated me with their queer appealing album and their rapid play) as well as Unreqvited and Sadness, which both are new to me.

The first track of this compilation is titled „Brave New Void“ by Violet Cold. To be honest, this one starts a little bit strange. I don’t know what the sound in the background of the first seconds seems to be. Maybe ocean waves? Or smacking while eating a sandwich? It doesn’t really matter, because soon „Brave New Void“ unfolds like a deep black, beautiful flower. Some moments in this song remind me of the Kauan album „Sorni Nai“. The use of field recordings and seagulls in the middle of the track are awaken a feeling of longing. Shortly, the guitars and drums are calling for departure. We disappear into some kind of nothingness.

The second piece of the disc fits almost seamlessly: „Vivify“ from Sadness. I’m saying „almost“, because after the piano of the first seconds fades away, „Vivify“ sets a much faster pace than its predecessor and takes it literally with its name. The departure becomes a race into the unknown. The magic of the beginning is vanished and sounds only subliminal – instead, it takes a barely discerning disharmony place, which gives the song almost aggressiveness, if there wasn’t a melody in the background, which is like a guiding thread through the hardly dissociated noise of guitar and percussion. Even the quietness in the middle can not completely take the harshness from the song.

Not that seamless, overall quiet and with first sounds of singing comes „Uncertain“ by A Light in the Dark. Meaning even more quietly compared to the predecessor, because „Uncertain“ knows how to get a good ride with guitar and drums. Why should we be uncertain at this point of the album? I don’t know. Perhaps we are only now discovering that we’ve started our journey without an aim. „Uncertain“ fades away abruptly as a good cliffhanger and leads us into the atmospheric world of „Kitsunebi“. The Canadian project Unreqvited is contributing an intense and extremely powerful song to „Imperfect“, that takes place with caution. Kitsunebi are ghostly lights in the Japanese folklore, which remind me of crazy lights – did we get lost in this place on the album? Were we misled (by ourselves)? I’m probably over-interpreting it again and trying to find a meaning or a way, where no one exists. But this makes the appeal of albums like this one: They stimulate thoughts.

The last song „Unsaid“ of Show Me A Dinosaur delivers anger and despair. They all find themselves together and a journey ends, that began so harmlessly with ocean waves and seagulls. In the end we’re reaching our aim and the end of the track list. It breaks everything out of us. A flood of the unspoken and the repressed, because „Unsaid“ is at this time also the first piece with lyrics, which at least brings some light into the dark.

I would not have thought to write so much about this album. The inspiration of the five pieces of „Imperfect“ is truly „contagious“. This trip has given me much pleasure. In addition, I think that the album title and content could not be more contrasting. Imperfect? Not at all!