Interview mit Dystertid (Nostarion)

Interview mit Dystertid

Bei der vierten und, wie wir im Nachhinein erfahren mussten, leider auch schon letzten Ausgabe des Rauhnacht-Fanzines ist diesmal ein Interview unter den Tisch gefallen – aus zeitlichen Gründen. Dieses mit der Band Dystertid geführte Gespräch hat nun auf unseren „grünen“ Seiten ein passendes Plätzchen gefunden. Unser Dank hierfür geht an Jan, der seine Fragen Nostarion (unter anderem auch aktiv bei Dämmerfarben und Ulfsdalir) gestellt hat. Viel Spaß beim Lesen!

Hejho! An Dystertid fällt ja schon äußerlich der Bezug zum Harz auf. Findest Du, „Auf Faehrten alter Tage“ ist ein besonders persönliches Album? Und wie kamst Du gerade auf den Harz? Haben Dich Deine Eltern zu Harzwanderungen mitgeschleppt, und fandest Du das Wandern damals schon gut oder konntest Du es erst später würdigen?

Lieber Jan, für mich ist unser Erstwerk auf jeden Fall ein sehr persönliches Album, mit dem ich bestimmte Orte und Begebenheiten aus Vergangenheit und Gegenwart verbinde.

In den Harz mitgeschleppt würde ich nicht sagen… Ich war allerdings als Kind häufiger dort und verbinde damit eine ganz eigene Stimmung, die viele Gesichter haben kann. Einen Gang durch die Natur wusste ich damals ebenso sehr zu schätzen wie auch heute, nur achtet man nun auf wesentlich mehr kleine Dinge, die einem dabei begegnen.

Brauchst Du bestimmte Erlebnisse wie eine Harzwanderung, um Musik zu schreiben? Kommen Dir auch im Alltag Musikideen, findest Du auch dann die richtige Stimmung zum Musizieren?

Wenn ich mir die Zeit und Muße im Alltag nehme und meine Gedanken schweifen lassen kann, kommen mir auch dann musikalische Ideen. Habe ich ein Instrument auf Reisen bei mir und fange Impressionen, wie beispielsweise von Landschaften des Harzes, der rauen See oder anderen naturgewaltigen Orten, ein, so ist es ein Leichtes, besondere Stimmungen direkt musikalisch zu verarbeiten. Aber ebendiese Impressionen kann ich auch in Bild und Gedanken heim nehmen und auf diesem Hintergrund komponieren und ausarbeiten.

Dystertid erinnert mich schon an Dämmerfarben, was die Melodien und den melancholischen Duktus angeht, aber die Metal-Anteile sind rabiater, die akustischen Anteile weniger umfangreich und es fehlen solche folkloristischen Lieder wie „Vintervisa“. War Dir gerade nach solcher Musik und haben die Themen dann dazu gefunden, haben umgekehrt die Themen nach solcher Musik verlangt? Oder ist es überhaupt eine künstliche Trennung, so zu fragen?

Ja, Dystertid ist schon rauer und auch finsterer als Dämmerfarben. Da ich meine Impressionen und Auseinandersetzungen mit bestimmten Themen, die auf unseren Werken textlich verarbeitet wurden, vertonen wollte, baute sich die Musik ganz homogen um diesen Kern herum. Die Musik soll also auch das ausdrücken, was man in den Texten wiederfinden kann. Da sind die Akustikpassagen nun einmal etwas minimalistischer ausgefallen, wenn auch atmosphärisch unterstützend, wie ich finde – da eingebaut, wo es Sinn macht.

„Harzwanderung“ hat mich etwas an Arcana und Weltenbrand erinnert. Zufall oder hörst Du Dir tatsächlich solche Keyboard-Sachen an?

Keyboard-/Ambient-Musik höre ich mir zwar auch zwischendurch gern an, aber bei „Harzwanderung“ habe ich keinerlei Inspiration aus den Quellen Arcana und Weltenbrand geschöpft. Aber da gibt es tatsächlich doch einiges Hörenswertes in dem Genrebereich, wenn ich gerade mal darüber nachdenke…

Hast Du in „Durchs Moor“ die Melodie ab 1:14 irgendwo her entlehnt? Mir kommt sie bekannt vor, aber ich weiß nicht woher.

Da kann ich dir leider nicht weiterhelfen – die Melodielinie ist an nichts angelehnt, so weiß ich auch nicht, woher du sie in ähnlicher Form kennen könntest.

Dystertid verbindet in Layout, Texten und Musik Altertümliches und Gegenwärtiges, also zum Beispiel Farbfoto und Frakturschrift, Sagen und Metal. Das ist natürlich nicht so selten in diversen Musikgenres, aber wie stehst Du selber zu dieser Verbindung? Was spricht Dich daran an, was bedeutet sie Dir? Medientheoretiker könnten jetzt bestimmt einen kleinen Artikel über das Backcover des Digipaks schreiben: Schrift, Ornamente und Strichcode vor Bild, das Ganze wiederum als einzelnes Zeichen.

Ein interessanter Punkt, Jan. Für mich persönlich ist es eher wichtig, was das Bild zeigt und weniger, dass es sich um eine moderne Fotografie handelt. Die Blumenwiese mit ihren Farbakzenten im Vordergrund und die dunklen Regenwolken, die im Hintergrund einen Sturm aufziehen lassen, zeigen mir vereint, welche Facetten der Harz mir bieten kann. Die Wiese habe ich selbst in der Nähe eines kleinen Örtchens, in das ich seit meiner Kindheit fahre, aufgenommen.

Wenn es nach mir ginge, wären solche Dinge wie Barcodes auf solch einem Hintergrund überflüssig, weil fehlplatziert, aber für das Label sind Barcode und Logo natürlich essentiell – heißt für uns: Ein kaum vermeidbares „Übel“.

Thematisch scheint mir „Auf Faehrten alter Tage“ eine Mischung aus Sagen- und Naturmotiven zu sein. Wenn ich nach der Reihenfolge der Lieder gehe, kommt erst die Beschäftigung mit den Sagen und dann die Harzwanderung, von der einzelne Eindrücke ausgebreitet werden. Ist die Idee dahinter, dass man den eigenen Aufenthalt in einer Gegend anders wahrnimmt, wenn man die jeweiligen Sagen, die Lokalgeschichte usw. kennt? Geht Dir das selber so?

Das geht mir definitiv so… Verschiedene Sagen spiegeln natürlich auch die Atmosphäre ihres Ursprungs wider, und das natürlich auf verschiedenen Ebenen – dem Lebensumfeld der Menschen aus der Zeit der Entstehung, dem Landschaftstyp, der Einfluss auf das Leben der Menschen hatte bzw. immer noch hat, und vieles mehr. Da ist es auch egal, ob es sich um eine moralisierende Sagengeschichte oder andersartige handelt.

Wenn ich mir dann eine oder mehrere Geschichten einer bestimmten Region vor Auge führe, nehme ich deren Umwelt dadurch auch intensiver wahr. Es mag Menschen geben, bei denen das nicht der Fall ist, bei mir persönlich bemerke ich das allerdings schon.

Walpurgisnacht und Kyffhäusersage sind vielleicht – neben den Brockensplittern – die Themen, die den meisten Leuten als erstes zum Harz einfallen. Hast Du diese beiden Themen aufgenommen, weil sie so typisch für den Harz sind? Möglich wäre es ja auch, weniger Bekanntes zu verwenden. Weil’s mir grad einfällt: Bei der späteren Harzburg soll eine Gottheit namens Krodo/Crodo verehrt worden sein. Ob das stimmt, ist eher unwahrscheinlich, die Rezeptionsgeschichte ist aber interessant. Inzwischen wird das Krodo-Thema auch touristisch aufbereitet.

Ich sehe es ähnlich, dass es sich bei der Krodo-Thematik eher um eine Unwahrscheinlichkeit handelt. Derartiges bietet sich aber vielerorts an touristisch „ausgeschlachtet“ zu werden, wobei das noch deutlich schlimmer als in der Harzburg geht.

Ich denke, mit den Themen Walpurgisnacht, stellvertretend für einen ganzen Zusammenschluss aus einigen Hexengeschichten des Harzes, und der Sage um Friedrich I. im Kyffhäuser ist ein guter Einstieg in das Umfeld von Dystertid geschaffen. Auf unserer Split mit Thulr unter dem Titel „‚t warrt vertellt“ wird der Brocken auch thematisiert, aber nicht im Sinne von einem Hexenplatz, sondern im Rahmen des Phänomens des Brockengespenstes. Weiterhin haben wir dort den Harz auch verlassen und uns ins Münsterland vorgewagt. Dort haben wir uns einem alten und sagenumwobenen Waldgebiet, der Davert, gewidmet.

Hast Du vor, Dich weiterhin musikalisch mit dem Harz oder vielleicht auch mit anderen Landschaften zu befassen, ob nun mit Dystertid oder anderweitig? Falls Du noch etwas Inspiration suchst: Es gibt eine Reihe literarisch-erzählender Reiseführer aus dem 19. Jahrhundert. Die nennt sich „Das Malerische und romantische Deutschland“, ihre Autoren waren unter anderem Ludwig Bechstein und Karl Simrock. Darin gibt es auch einen Band über den Harz. Außerdem gibt es eine ursprünglich bei Diederichs erschienene Reihe deutscher Sagen mit ungefähr zwei Dutzend Bänden, die überwiegend landschaftlich sortiert sind, und da gibt es natürlich auch einen Harzband.

Ich besitze ein Vielzahl von Sagen- und Märchenbüchern, von ersteren auch einige, die geographisch geordnet sind. Ich finde solche Werke ganz ausgezeichnet, denn mit ihnen hat man eine gute Zusammenfassung der jeweiligen Sagenlandschaft vorliegen.

Der Harz bietet sehr viel Inspiration, aber wir werden uns auch anderen Landschaften widmen. So reisten wir, wie schon eben gesagt, mit dem zweiten Song von unserer Split „‚t warrt vertellt“ mit Thulr in die Davert, einem sagenumwobenen Waldgebiet im Münsterland – viele Geschichten rankten sich um diese damals finstre Landschaft.

Warst Du schon in Quedlinburg? Lauter Fachwerk, die Stiftskirche mit Werwölfen und keltischen Motiven im Innenraum überm Eingang und gleich daneben am Marktplatz gibt es den berühmten Apfelkuchen. Kannst Du Dir vorstellen, von solcher materiell gegenwärtiger Geschichte ausgehend, ähnlich mit historischen Themen umzugehen, wie das zuletzt Helrunar mit „Niederkunfft“ getan haben?

Schon lange ist es her, dass ich in Quedlinburg gewesen bin – habe nur noch ein paar Erinnerungen an die Stadt. Ist aber durchaus wieder eine Reise wert. Pagane Symbolik, wie auch vermutete Werwolf-Darstellungen in Kirchen kenne ich aber auch aus anderen Gebieten. Ich finde es immer wieder interessant, wie viel heidnische Brauchtümer und auch Bildkunst in das Christentum integriert wurde. Marcels Umsetzung finde ich sehr gelungen, ob genau das etwas für Dystertid ist, weiß ich nicht – da müsste ich mir mal genauer Gedanken zu machen.

Nostarion

Neben Dystertid scheinst Du auch weiterhin mit Dämmerfarben beschäftigt zu sein. Wie kam es denn, daß gerade Austin von Panopticon jetzt auch bei Dämmerfarben musiziert? Machen Deine Mitmusiker eigentlich das, was Du ihnen vorgibst, oder haben sie auch ein Mitspracherecht?

Ja, richtig. Ich arbeite gerade an einigen Sachen bezüglich Dämmerfarben. Mit Austin ist das so: Chris, der das Schlagzeug auf „Im Abendrot“ und „Herbstpfad“ eingespielt hat, ist beruflich und privat recht eingespannt, sprich, er ist zeitlich recht eingeschränkt. Fergen und ich besitzen ohnehin aufgrund unserer Jobs schon wenig Zeit und müssen dann immer ganz genau planen, wie alles seinen zeitlichen Platz finden kann – da war ein weiterer Faktor dann doch recht schwierig unterzubringen. Und da Chris bis dato auch lediglich als Session-Drummer bei uns war, haben wir in unserem näheren Bekanntenkreis nach einem festen Schlagzeuger mit etwas mehr zeitlicher Freiheit gesucht und binnen kürzester Zeit durften wir Austin Lunn als unseren neuen Schlagzeuger willkommen heißen. Chris wird aber weiterhin die Artworks für unsere Werke übernehmen – auch da hat er unserer Meinung nach immer sehr gute Arbeit geleistet!

Was das Mitspracherecht von meinen Mitmusikern angeht, so kann ich dazu sagen, dass ich die Songs allein schreibe. Ich teile jedem Mitmusiker lediglich mit, wie ich mir die Bass- und Drumlinien vorstelle – dennoch haben die beiden alle Freiheit, die Musik auf sich wirken zu lassen und das für die Lieder bestmögliche Ergebnis auf ihrem Instrument rauszuholen.

Wie kam es dazu, dass sich die Split von Dämmerfarben und Blaze of Sorrow so lange verzögert hat?

Das ist eine lange Geschichte… Es fing alles damit an, dass das Label, welches zu allererst großes Interesse bekundete und alles bis ins kleinste Detail mit uns durchplante (Pietro von Blaze of Sorrow hatte da die Hauptkorrespondenz), später keinen einzigen Laut mehr von sich gegeben hat. Nach langer Zeit und unzähligen Mails haben wir dann Kontakt mit anderen Bands, die unter dem Label veröffentlichten, aufgenommen, und von dort bekamen wir auch nur zu hören, dass seit einigen Monaten kein bisschen Kontakt mehr bestünde und auch auf Mails nicht mehr geantwortet wird. Später machte sich das Gerücht breit, dass der Label-Inhaber an einem Herzinfarkt verstorben sei, was sich aber nach weiterer Zeit als reines Gerede abtat. Später munkelte man, dass es finanzielle Gründe waren und er sich arg verkalkuliert hatte. Dann waren wir auf der Suche nach einem neuen Label für unsere Veröffentlichung, die damals noch als 7″-Vinyl angedacht war – also eher im kleinen Rahmen. Schnell fand sich Talheim Records aus Österreich. Und ebenso schnell unterbreitete uns das Label, dass wir doch direkt eine größere Sache draus machen sollten. Blaze of Sorrow als auch wir hielten den Vorschlag von einer Gatefold-Vinyl in Weiß und in einer Schneesturm-Optik als Special-Edition für nicht schlecht und die zusätzlichen Shirts und Patches für beide Bands für eine recht gute Idee. Nur bemerkten wir dann auch schnell, dass auch hier finanziell etwas eng kalkuliert wurde, so dass sich aus diesem Grund erneut alles in die Länge zog und das Label nicht in Produktion gehen konnte. Letztendlich sind wir dennoch sehr froh, dass die Veröffentlichung mit so viel Herzblut realisiert wurde. Wir sind stolz auf das Resultat, und auch die Rückmeldungen zeigen uns, dass sich das Warten durchaus gelohnt hat.

Neuerdings tobst Du Dich auch bei Ulfsdalir aus. Wenn wir Dämmerfarben, Dystertid und Ulfsdalir nebeneinanderstellen, würde noch was Folkloristisches oder Neoklassisches dazu passen. Damit die Aufstellung symmetrisch wird, weißte? Hast Du noch so ein Projekt in petto?

Das stimmt. Seit meinem dreizehnten Lebensjahr komponiere ich auch klassische Musik. Vor einigen Jahren habe ich auch damit begonnen einige Werke aus diesem Fundus einzuspielen – ebenso einige meiner neoklassischen/folkloristischen Kompositionen. Bis dato habe ich aber noch keine Zeit gehabt, mich um die Veröffentlichung dieser Stücke zu kümmern. So etwas will schön durchdacht und gestaltet werden.

Danke fürs Mitmachen! Kannst Du außerdem bitte dafür sorgen, dass das zweite Throndt-Album aufgenommen wird?

Ich danke auch für dein Interesse, lieber Jan! Throndt-Kompositionen sind ebenfalls vorhanden!