Interview mit Neun Welten (Aline)

Neun Welten

Als nach dem schönen naturromantischen Album „Destrunken“ sehr lange nichts mehr von Neun Welten zu vernehmen war, bin ich mir sicher gewesen, die Formation wäre in den Veröffentlichungs- und Bandneugründungsfluten der letzten Zeit ertrunken. Umso überraschter war für mich nun die Ankündigung des dritten Albums „The Sea I’m Diving In“. Ganze acht Jahre hat es gedauert, eine lange Zeit, die aber scheinbar sehr gut genutzt wurde, was deutlich an den neuen musikalischen Ergüssen wahrnehmbar ist. Diese sind auf einem viel höheren Level angesiedelt und erfreuen das Ohr von Anfang bis zum Ende mit ihrer dunklen, doch mit vielen hellen Einsprengseln vermischten Folklore. Da ich wissen wollte, wie dieser grazile Wandel vollzogen werden konnte, habe ich Aline ein paar Fragen zugesandt und prompt sehr informative Antworten erhalten.

Hallo Aline! Danke erst einmal für die sehr kurzfristige Zusage zu diesem Interview. Euer neues, erfrischendes und – ich muss Euch den süßen Honig sogleich um die Münder schmieren – wirklich äußerst gelungenes sowie fantastisches Album „The Sea I’m Diving In“ ist seit kurzem über Prophecy Productions erschienen, was sicherlich viele erfreuen wird. Aber ehrlich, ich dachte schon, Ihr habt Euch aufgelöst, denn seit „Destrunken“ sind ganze acht Jahre ins Land gezogen, und auch Eure Ansage, Ihr würdet an neuem Material arbeiten, liegt unzählige Schalljahre (in denen tausende andere CDs von tausend anderen Bands erschienen sind) zurück. Was ist in dieser Zwischenzeit passiert?

Hallo Adam, danke erst einmal für den süßen Honig!

Es ist definitiv eine lange Zeit und auch für Neun Welten haben sich in dieser Zeit einige Veränderungen ergeben. Kurz nach der Veröffentlichung von „Destrunken“ haben Anja (Blockflöte/Klarinette) und Marten (Schlagzeug) uns verlassen, was für uns einen Bruch bedeutete, aber auch eine Zeit neuer Orientierung. Wir haben angefangen ganz anders an den Songs zu arbeiten: Statt wie vorher alle zusammen im Proberaum und ohne Technik – einfach nur spielen und ausprobieren – nahmen wir nun vor dem Rechner Platz und haben, da wir manchmal nur noch zu dritt oder zweit arbeiteten, verschiedene Spuren aufgenommen und dann gemeinsam damit gearbeitet.

Auch persönlich hat sich natürlich viel bei uns in den letzten Jahren ergeben. David war durch seinen neuen Job beruflich viel im Ausland unterwegs und auch Meinolf war im Ausland und hat zudem zwei Kinder bekommen. Ich bin von Leipzig nach Berlin gezogen und war auch durch meine Mitwirkung bei anderen Bands häufig unterwegs und zeitlich teilweise sehr eingespannt. Das hat unsere Prioritäten zum Teil schon sehr verschoben und das Arbeiten an neuem Material hat sich dadurch hingezogen, obwohl wir das Ziel nie aus den Augen verloren hatten. Aber wir haben uns die Zeit gelassen, die wir alle brauchten. Unseren letzten Auftritt hatten wir 2013, bei dem wir tatsächlich auch schon einige der neuen Songs präsentierten. Die positive Resonanz motivierte uns diesen neu eingeschlagenen Weg und Stil weiter zu verfolgen und in der Folgezeit entstanden die weiteren Songs, und wir verfeinerten auch die bisherigen für unser neues Album. Unterstützung hatten wir dabei von Niko (Dark Suns), den wir als Session-Schlagzeuger für das Album gewinnen konnten. Auch sein darüber hinaus gehendes Mitwirken am Arrangement einiger Lieder unterstützte den homogenen Gesamtsound des Albums.

Die zu vernehmenden Töne auf „The Sea I’m Diving In“ unterscheiden sich doch ziemlich stark von denen auf „Destrunken“ und den Veröffentlichungen davor. Wenn ich der neuen Platte lausche, überkommt mich jedes Mal das Gefühl einer unbeschreiblich feinfühligen Leichtigkeit. Wenn ich dazu einen Vergleich heranziehen müsste, so würde ich wohl den scheinbar ziellosen und unbekümmerten Flug eines Schmetterlings vor den Augen haben. Wie erschafft man solche Musik, solche mit der Seele im Einklang mitschwingenden Melodien? Im stillen Kämmerlein?

Unsere Melodien erschaffen wir tatsächlich mehr oder weniger im „stillen Kämmerlein“, das kann das eigene Kämmerlein zu Hause sein, das kann aber auch beim gemeinsamen Arbeiten an den Songs sein, wo man sich ganz auf den Song einlässt, inspiriert ist und ihn durch weitere Melodien seiner Endfassung näher bringt.

Mit dem Album sind wir neue Wege gegangen, wir haben viel mehr mit verschiedenen Sounds experimentiert. Das Schaffen von atmosphärischer, mystischer und emotionaler Musik und naturbezogenen Bildern ist und bleibt das Grundwesen von Neun Welten. Mit diesem Album haben wir jedoch unser Instrumentarium verändert und erweitert. Durch den Einsatz von E-Gitarren, die Hinzunahme von synthetischen Klangeffekten und den Ausbau von Streichermelodien zu flächigen und orchestralen Sounds, kreierten wir ein viel schwebenderes Soundgewand. Mit der Hilfe unseres Produzenten Matthias Raue kam dann bei Studioaufnahmen und vor allem im Mix noch die notwendige Transparenz hinzu.

Eine weitere Auffälligkeit ist der vielseitige Gesang, der einen großen Teil der Stimmung trägt und eigentlich das stärkste „Instrument“ dieses Albums ist, wie ich persönlich finde. Die energischen Vocals kontrastieren hier teilweise sehr stark. Alles verhält sich also anders als in der Vergangenheit, wo die Instrumente im Vordergrund standen und so gut wie nie von der menschlichen Stimme begleitet wurden. Wieso dieser Wandel? Vielleicht, weil die bisherigen Songs mit Gesangbegleitung von den Hörern als die besten angesehen wurden? Ich habe mir damals die „Destrunken“ augenblicklich zugelegt, nachdem ich nur kurz in den ersten Song „Frosthauch“ reingehört habe. Und als ich später zu Hause feststellen musste, dass die meisten der anderen Kompositionen komplett ohne Gesang auskommen, war ich deswegen (aber nur zunächst) ein wenig enttäuscht, muss ich nun offen zugeben…

Das Experimentieren mit Gesang fiel auch genau in unsere Zeit der Neuorientierung. So wie wir neue Instrumente hinzuzogen oder bisherige Instrumente anders einsetzten, experimentierte Meinolf mit verschiedenen Stimmlagen und sang dabei mit einer sehr tiefen und geheimnisvollen Stimme, aber auch zusätzlich noch mit einer etwas höheren und direkteren. Diese Kombination gefiel uns sehr gut und ergänzte unsere bisherigen Sounds in hervorragender Weise. Es war also nicht so, dass wir den Entschluss fassten nun Gesang einzubringen, sondern vielmehr das Finden einer wirklich passenden Klangfarbe der Stimme als weiteres und nun auch sehr wichtiges Element. Hinzu kam dann noch meine eher flüsternde Stimme, die Meinolfs Gesang in mehreren Liedern ergänzt. Die Lieder wirken insgesamt mit Gesang natürlich viel persönlicher und intimer, was einen wichtigen Kontrast zu den sonst eher schwebenden Sounds bildet.

Was soll das ausdrucksstarke Artwork des Covers symbolisieren? Die Kraft des Wassers, als das lebensspendende aber auch stärkste zerstörerische Element vielleicht? Hängt das Konzept Eures Albums mit einer konkreten Vorstellung von irgendetwas zusammen? Möchtet Ihr eine Botschaft an die Hörer senden oder Ihnen etwas bestimmtes mitteilen?

Es geht natürlich um viel mehr als nur ums Wasser. Die Lieder befassen sich inhaltlich mit Melancholie, Tod, Sehnsucht und Mystik – zusammenfassend mit Liebe und Tod. Das Wasser in Form des Meeres dient uns hier als geeignetes Symbol und Projektionsfläche für die extremen Kräfte: Der Tod als unausweichlichste und dennoch geheimnisvollste Erscheinungsform im Kontrast zum kämpferischen Lebenswillen, ein Machtspiel der Natur. Das Meer ist für uns eng mit Liebe und Tod verbunden: Es ist Symbol der Romantik, der Sehnsucht, der Weite und Unendlichkeit. Gleichzeitig kann es, je nach Zustandsform, Bedrohung und Gefahr hervorrufen und ist damit auch oft Symbol für das Unbekannte, Unheimliche, Unergründete und Mächtige. Die Gegensätze, die das Wasser in seinen Formen einnehmen kann, stehen den Kräften von Liebe und Tod für uns in nichts nach.

Danke für die Musik, danke für die Worte! Ich hoffe, für das kommende Album werdet Ihr nicht wieder fast ein Jahrzehnt brauchen. Man kann doch nun davon ausgehen, dass Euer Line-Up stabil ist und Ihr die deutsche Musiklandschaft in der Zukunft noch mit weiteren solch tollen Alben bereichern werdet, oder?

Vielen Dank für Dein Interesse und Deine Fragen! Es wird natürlich weitergehen. Allerdings ist es zu früh, um über einen Zeitraum zu sprechen! Vor allem versuchen wir nun erst einmal wieder live präsenter zu werden und unsere Songs einem breiteren Publikum vorzustellen.