Interview mit Urtod Void (Igor)

Urtod Void

In Zeiten der massenhaften Verwurstung von alles und allem zu rein wirtschaftlichen und möglichst hohe Gewinne einfahrenden Kommerzwaren ist es schön zu sehen, dass es auch noch beharrliche Menschen gibt, die sich davon distanzieren und aus rein ideellen Beweggründen etwas auf die Beine stellen. Der Begründer des kleinen Musiklabels Urtod Void gehört zu dieser selten gewordenen Sorte Mensch, die aus reinem Musikenthusiasmus sehr kleine und mit viel Liebe zum Detail erstellte Auflagen von Tonträgern realisiert, nur um die ihm an sein musikalisches Herz gewachsene, jedoch nicht massentaugliche Musik in einem mehr als nur angemessenen Rahmen herauszubringen. Ein Vorgehen, das unseren vollen Zuspruch erfährt, so dass ich nicht umhin kam, mich ein wenig mit dem recht wortkargen und sich im Hintergrund viel wohler fühlenden Igor über seinen still vonstatten gehenden Schaffensprozess zu unterhalten.

Ich grüße Dich Igor! Erzähl mal: Urtod Void gibt es bereits seit AD 2011, doch seltsamerweise ist im Zusammenhang mit Metal rein gar nichts von Deinem Label von alleine zu mir vorgedrungen. Hättest Du nicht den Kontakt zu uns aufgenommen, wäre das immer noch der Fall. Wie kann so etwas passieren? Hast Du erst um einiges später angefangen schwere Metal-Geschütze in Deinem Katalog aufzunehmen? Aus welcher Idee ist Urtod Void überhaupt geboren worden?

Ich grüße Dich Adam! Ist das tatsächlich schon so lange her? Da bekommt man ja Gänsehaut, wenn man bedenkt, dass Urtod vor einigen Jahren noch eine Art „Hobby“ nebenher war. Ursprünglich bestand die Idee eine Kapelle mit diesem Namen zu gründen. Ein Logo und die Idee konzipierte ein guter Freund von mir (C. Dillner), vor mittlerweile gut 13 Jahren. Tatsächlich kam sogar ein Projekt über einen kürzeren Zeitraum zustande. Wir spielten sehr raue Klänge in Richtung alter Aura Noir oder Old, aber auch dies war nicht von Dauer, also habe ich das Ganze begraben, wenn ich das so sagen darf. Fuck it!

Kommen wir aber zurück zum Label. Urtod (Records) wurde zusammen mit dem Demo „Auf ewig mit Dunklem vereint“ von Evocation of Despair geboren. Später, ich glaube es war 2012 und nicht 2011, als ich die erste Kassette zusammen mit Bellum Musicae veröffentlichen wollte, habe ich das Label in Urtod Void umbenannt. Warum Du nicht darüber gestolpert bist, das kann ich Dir auch nicht sagen, zumal diese erste Urtod-Veröffentlichung, sowohl auf CD in Vinyl-Optik und Kassette herausgebracht, schwarzmetallisch war. Nun ja, man muss und kann schließlich nicht alles kennen!

Evocation of Despair hat seit dem Demo nichts mehr herausgebracht, obwohl die Band noch aktiv zu sein scheint. Weißt Du wieso? Ist das Demo nicht gut angekommen bzw. war diese Veröffentlichung ein Reinfall für Dich? Ist das vielleicht Deine Band? Du spielst doch auch in einer schwarzmetallischen Kapelle, nicht wahr?

Die Band existiert nicht mehr, und ich möchte keine weiteren Informationen dazu preisgeben bzw. veröffentlichen.

Ja das ist korrekt. Ich bin 2015 bei Vindkast als Schlagzeuger eingestiegen. Wir waren nun für ca. ein Jahr inaktiv, werden aber die Arbeiten an unserem Album wieder aufnehmen. Ich hoffe, dass wir es schaffen jenes noch in diesem Jahr fertigzustellen, und dann wird man uns sicher auch wieder auf der Bühne sehen können. Versprechen möchte ich aber nichts, da so ein Entwicklungsprozess einfach frei von Terminen und Fristen sein sollte. Alles kommt eben zu seiner Zeit, oder auch nicht.

Da bin ich mal aber sehr gespannt auf das Ergebnis. Wünsche Euch auf jeden Fall gutes Gelingen! Doch lass uns das Hauptaugenmerk wieder auf Urtod Void richten. Der Name Deines Labels ist ein sehr bedeutungsträchtiger, wenn man das so sagen kann. Worauf hast Du mit dieser Bezeichnung abgezielt? Ich meine, das steckt bestimmt eine konzeptionelle Idee dahinter und nicht nur das Gefallen an dem seltsamen Sprachmix, oder?

Ich denke, dass sich das, was hinter Urtod tatsächlich steckt, nur schwer in Worte fassen lässt. Dieser Begriff begleitet mich schon seit vielen langen Jahren, und jedes davon wurde durch unterschiedliche Ereignisse geprägt.

Für den einen sind es die ausgestorbenen Tonträger. Für mich eher eine Reise in dunkle Welten, fern von gesellschaftlichen Normen. Ein Experiment mit der eigenen Psyche und Identität, würde ich mal sagen.

Der „Tod“ – weil er nun mal allgegenwärtig ist. Je intensiver man sich mit ihm beschäftigt, desto einfacher wird mir dieser vielleicht irgendwann mal erscheinen.

„Void“ bzw. „Leere“ – weil im Grunde alles, was wir tun (auch das Label, Du und ich), vergänglich ist. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass wir es tun, und nicht warum und mit welcher Intention dahinter.

Dank dem Label führe ich mittlerweile ein relativ alternatives Leben, doch stets der Gefahr ausgesetzt, von Außen aufgefressen zu werden – in diesem Zusammenhang auch „Stärke“, so wie die Peitschen im alten Ägypten ihre herrschende Macht symbolisierten.

Da steckt auch noch vieles mehr dahinter. Aber es ist mein persönlicher Pfad, welcher mich jeden Tag woanders hinführen kann.

Und natürlich zu guter Letzt die „Musik“, da sie als „Karte“ dient. Deswegen werde ich immer das veröffentlichen, worauf ich Lust habe. Querbeet. Chaos. Urtod.

Urtod Void

Für die dritte Ausgabe unseres Print-Magazins hatte ich die Freude die aktuelle Urtod-Musik von Grabunhold und Seid besprechen zu dürfen. Und hier kann ich wirklich von reiner Freude im wahrsten Sinne des Wortes sprechen, denn beide Veröffentlichungen wurden nicht nur auf sehr hochwertigen Tonträgern (stimmig aufgemachtes Tape, eine klasse Splatter-Vinyl) von Dir herausgebracht, sondern setzen auch musikalisch tolle Akzente. Du sagtest doch gerade, dass Du das veröffentlichst, worauf Du Lust hast. Aber sicherlich hast Du auch irgendwelche Kriterien, nach denen Du Dich richtest, oder? Welche sind es beispielsweise bei diesen beiden Bands?

Nun ja, wie Du schon sagst, es waren die tollen Akzente, die mich dazu bewegt haben, beide Bands einfach mal zu kontaktieren. Auf diese Weise geschieht es meistens. Die meisten Anfragen, die man sonst bekommt, sind wirklich lieblos (Copy & Paste E-Mails mit zwei bis drei Internet-Links).

Seid überzeugten mich sofort mit ihrer klassisch skandinavischen Spielweise. Ich konnte sofort in jene Länder abdriften. Bei dem, was dieses Jahr noch folgen wird, sogar umso mehr. Ich durfte schon ein wenig reinhören. Grabunhold hingegen spielen wirklich raue Töne. Leider kann ich heutzutage bei vielen Bands oftmals nur mit deren Demo-Aufnahmen oder dem ersten Album etwas anfangen. Alles was danach kommt, klingt einfach überproduziert und falsch. Da gibt es gerade in der deutschen Szene einige Kapellen, die mir eigentlich fern bleiben können… Absoluter Müll – Hauptsache irgendetwas veröffentlicht. Zum Glück überzeugen mich Grabunhold bis jetzt vom Gegenteil. Ich bin wirklich sehr froh, dass Dir das Material gefällt!

Welche weiteren Bands beherbergst Du noch unter Deinem Dach? Wie querbeet bist Du denn aufgestellt? Du hast erst kürzlich eine schöne hölzerne Box von Martyria veröffentlicht. Das ist ja eine ganz andere und sehr spezielle Musikrichtung, die nur wenig mit Metal zu tun hat, oder? Und welche Urtod-Veröffentlichung war die bisher stärkste Deiner Meinung nach?

Eine Aufzählung würde nur wenig Sinn machen. Aber vielleicht interessiert es Dich und die Leser, mit welchen Bands wir momentan aktiv zusammenarbeiten. Da wären unter anderem 777 und By the Spirits, von denen in Kürze Material in allen gängigen Formaten erscheinen wird. Daraufhin sollten Veröffentlichungen von Hessian, Yuri Gagarin, Krolok sowie Aluk Todolo und Der Blutharsch folgen. Was Euch da genau erwarten wird, bleibt erst noch unter Verschluss.

Martyria haben natürlich nicht viel mit Metal-Musik zu tun. Aber auch die anderen genannten Projekte sind doch ein ganzes Stück weit davon entfernt, wie Du sicherlich bemerkt hast. Die Martyria-Box ist auch mein Favorit unter den Veröffentlichungen der letzten Monate, da es mal wieder etwas besonderes ist.

Dein Shop ist auch eine Erwähnung wert. Dort hast Du eine kleine aber feine, ja wirklich sehr exklusive Auswahl. Dein Shop wirkt nicht überladen, eher sehr überschaubar und aufgeräumt. Viele der dort angebotenen Artikel habe ich noch nirgendwo sonst erblickt. Egal ob LPs, Tapes, Patches oder Pins, alles scheint eine besondere Auslese zu sein. Klasse statt Masse – ist das auch hier Deine Philosophie?

Sagen wir es mal so. Viele Plattenfirmen tauschen ihr Material kreuz und quer, bis hin zum Gehtnichtmehr. Am Ende sieht jeder Shop beinahe identisch aus, und das ist wirklich nicht Sinn der Sache. Ich habe natürlich auch ein paar Partner, mit denen ich gerne tausche, aber eben im angemessenen Umfang.

Mein Shop besteht vielmehr aus Dingen, die ich gerne höre… Da mache ich mir lieber den Aufwand, um an US-Exoten heranzukommen, anstatt den Mist von nebenan zu vertreiben. Aufnäher aus dem fernen Asien, Singles aus Amerika und und und… Das macht viel mehr Spaß!

Aus dem Grund kann ich auch jedem empfehlen, mal bei Gelegenheit ein Auge in Deinem Shop zu riskieren. Ich denke, so ein Vorgehen hat Zukunft, denn etwas Individualität ist in Zeiten des Massenkonsums und „legalen“ Datendiebstahls ein seltenes Gut geworden und gefragter denn je. Was erwartest Du in Zukunft in Bezug auf Urtod Void? Und welche Pläne hast Du noch so im Schmiedefeuer liegen?

Natürlich wünsche ich mir, dass sich weiterhin alles gut entwickelt. Dennoch muss das alles im Rahmen des Machbaren geschehen. Da es nun mal um Musik und auch irgendwo um den Verkauf von Tonträgern und Merchandise geht, muss ich mir da schon meine gerade Linie setzen. Gerade in Zeiten des endlosen Kapitalismus und der absoluten Gehirnwäsche durch unsere sozialen Netzwerke ist es wichtig, zumindest für mich, nicht auf die falsche Bahn zu geraten. Ich hoffe, dass ich auch noch in 10 Jahren weiterhin allen Anhängern auf Augenhöhe begegnen kann, und dass ich auch weiterhin kleine Auflagen für „kleinere“ Bands umsetzen werde, davon unabhängig, wie gewaltig die Sache an sich wird. Ab und an sollte man etwas Selbstkritik üben, als eine Art Analyse, um einfach mal die Tatsachen und Fakten transparent vor Augen zu haben, und um mal zu schauen, ob man die sich selbst gesetzte Linie übertreten hat oder nicht. Sollten da mal Abweichungen auftauchen, werde ich mir definitiv Gedanken machen, wie es weiter gehen wird…

Ich hoffe, ich konnte Dir einen kleinen Einblick verschaffen. Eigentlich rede ich nicht gerne in der Öffentlichkeit über Dinge, die mich betreffen – die meisten, die es tun, tun es als eine Art Selbstdarstellung, und oftmals steckt da nur heiße Luft dahinter. FOAD!

Ich danke Dir Igor für diese interessanten Einblicke in Deine Gedankenwelt! Ich hoffe und wünsche Dir natürlich, dass Urtod Void stets auf dem von Dir gesetzten, einzigartig individuellen Kurs bleibt. Leute, die ihr Herz am rechten Fleck sitzen haben, brauchen nämlich keine zerstrittene und durch den Mammon total vergiftete Musikszene. In diesem Sinne: Stay strong und alles Gute für Deine Zukunft!

Ave!