Interview mit Wacht (Steynsberg)

Interview mit Wacht (Steynsberg)

Kürzlich erhielt ich einen Anruf der Fotografin Anne Ida Helmer, der mich im ersten Augenblick etwas verwirrte (normalerweise bevorzugen die meisten Leute ja den Schriftverkehr per E-Mail – doch die altmodische Weise, einfach mal den Hörer in die Hand zu nehmen, hat Eindruck hinterlassen). Die Berlinerin konzentriert sich bei Ihrer Motiv-Wahl vornehmlich auf Randgruppierungen und, thematisch betrachtet, auf einen eher spirituellen Fokus. Die Frage, ob wir Lust hätten ein Interview mit der Band Wacht zu veröffentlichen, konnten wir mit einem klaren Ja beantworten, da es stilistisch gut zu Waldhalla passt. Den langen und sehr tiefgründigen Dialog mit Steynsberg, dem Frontmann von Wacht, hat Andreas Schiffmann (u. a. Redakteur beim RockHard) geführt. Viel Spaß beim Lesen – Chris

Zunächst einmal: Wie bist Du zum Metal und dann zum Black Metal im Besonderen gekommen? Was gab den Auslöser dafür, diese Art von Musik selbst zu spielen, auch im Verhältnis zu anderen Stilen?

Das ist eigentlich ziemlich langweilig. Ich fand als Kind und Jugendlicher Pop-Punk- und Grunge-Bands wie Offspring oder Nirvana toll. Irgendwann wurde es dann etwas härter; mit 13 oder 14 lernte ich Soulfly und die alten Sepultura kennen. Als erste „richtige“ Black-Metal-Band kamen Belphegor hinzu, als ich 16 war. Kontakt zu so etwas wie einer Szene schloss ich etwa mit 18, als ich in die Stadt zog. Bis dahin lebte ich isoliert von anderen Metallern und kommunizierte nur sporadisch übers Internet; zu jener Zeit fing das mit den Foren und Chats an. In unserem Teil von Graubünden gab es im Grunde keinen Austausch zwischen Metal-Fans. Für mich war Black Metal von Anfang an nie nur Musik, und genau das hat mich an den Bands fasziniert. Sie hatten etwas zu sagen und meinten es offensichtlich auch sehr ernst. Diese Ernsthaftigkeit ist eines der Kriterien, die mir beim Kennenlernen von neuen Künstlern auch heute noch sehr wichtig sind. Wenn ich merke, dass jemand nicht authentisch ist in dem, was er tut, ist seine Musik für mich gestorben. Ich beschränke mich mittlerweile auch nicht mehr auf Metal, sondern höre vieles von Dubstep bis zu Trip-Hop und sogar Rap. Die Entscheidung, selbst ein Instrument zu lernen, war für mich eine Grundvoraussetzung, um Black Metal überhaupt richtig zu verstehen. Ich habe früher immer betont, dass jeder Black Metal schaffen sollte, statt ihn lediglich zu hören. Damals war ich der Meinung, dies sei nötig, um zu spüren, was hinter dieser Musik steckt. Leider haben sich mit der Zeit unzählige blutleere Bands gegründet. Ich hätte vorausahnen sollen, dass Musik die Essenz eines Menschen nicht verändert, sondern nur Vorhandenes entfacht. Was nicht da ist, kann auch kein Feuer fangen. Ich sehe es so: Nicht ich habe Black Metal gefunden, sondern Black Metal mich – und daran führte kein Weg vorbei.

Deine E-Mail-Signatur lautet „Zerstörungskraft Propaganda“. Was hat es damit auf sich?

Sie ist an den Song „ZK“ angelehnt, der auf unserer ersten Demo-CD erschien und für „Evolution, Destruktion“ neu aufgenommen wurde. Schlussendlich ist ZKP ein Name, den ich verwende, um meine eigenen Sachen herauszugeben.

„Black Metal über alles“ – dieser Titel bringt vieles auf den Punkt, was dieses Genre und seine Vertreter ausmacht: Völlige Hingabe und zugleich Koketterie mit dem Extremen, sei es Negierung alles Guten oder, wie bei dieser Redewendung, Totalitarismus. Was würdest Du dem hinzufügen bzw. kann Musik, die diese beiden Aspekte nicht oder nur teilweise bietet, Black Metal sein?

Der Titel stammt nicht von mir, sondern von Hellvetic Frost, die damals sicher in eine konkrete Richtung anecken wollten. Was mich von Anfang an daran fasziniert hat, ist die totale Hingabe, die Du erwähnst. Für mich ist Black Metal absolut kompromisslos und zerstört sich eher selbst, statt eigene Ideale zu verraten. Er muss einen verzehren, zerstören, wiederaufbauen und immer wieder wahnsinnig machen. Black Metal hat nicht nur zu provozieren, sondern soll der Menschheit ihr wahres Gesicht zeigen und sie mit ihren eigenen Waffen schlagen. Für mich kann man diese Musik nicht nur ab und zu hören; entweder verschreibt man sich der Kunst oder lässt es ganz bleiben. Eine Band, die keine völlige Hingabe ihrer Mitglieder verlangt, kann niemals Black Metal oder Kunst sein. Umgekehrt können Musiker, die in ihrer Kunst aufgehen und etwas Eigenes erschaffen, dem Geist des Black Metals gerecht werden, ohne jemals von diesem Genre gehört zu haben.

Was „Koketterie mit dem Extremen“ angeht, würde ich widersprechen… Wer lediglich mit Extremen spielt, hat meiner Meinung nach keine Daseinsberechtigung. Ein Black-Metal-Musiker ist eben authentisch oder kein Black-Metal-Musiker. Das Extreme kann viele Formen annehmen, aber wichtig ist für mich, dass der Künstler sich selbst verändert und Kunst erschafft, die sämtliche Grenzen sprengt. Auf meine Person bezogen kann das unglaublich widersprüchlich sein. Ich vereine Dinge, die einander ausschließen, und stoße solche ab, die jeder für nötig oder selbstverständlich halten mag. Für mich gehört das Extreme dazu, aber ich bin auch Realist und weiß, dass nicht jeder ein Massenmörder, Elitesoldat oder Übermensch ist. Ich interessiere mich eher für moralische und psychische Extreme.

Zur Ergänzung des Titels „Black Metal über alles“ steht im Booklet des Albums „Korona“ der Aufruf „Fuck Black Metal“ davor. Ich denke, das beschreibt Wacht gut.

Black Metal ist Deines Erachtens also nicht in erster Linie Musik, und Kunst abseits von Musik kann rein ideell Black Metal sein?

Nein und ja, absolut. Wie gesagt, existiert Black Metal für mich auch außerhalb des Musikbereichs. Er ist Kunst, und Kunst per se ist frei. Deshalb finde ich es auch unnötig, eine Band dem Genre zuzuordnen, nur weil sie danach klingt, und anders herum ist es natürlich auch quatsch, eine andere, die nicht nach Black Metal klingt, zwangsläufig nicht als Black Metal zu bewerten. Die Menschen könnten nur zu engstirnig sein, um es zu erkennen. In meinen Augen ist die Musik im Black Metal tatsächlich nur ein kleinerer Teil des Ganzen.

Inwieweit ist die zur Konvention gewordene „Grundausstattung“ – Leder, Nieten, Gesichtsbemalung, etc. – wesentlich für den Black Metal, und auf welche Weise behalten sich Wacht etwas Individuelles vor, während sie sich solcher Mittel behelfen?

Wenn man mich fragt, muss nicht jede Band auf Biegen und Brechen etwas Eigenes erschaffen, um sich auf der Bühne oder auf Fotos zu präsentieren. Man sollte sich aber auch bewusst sein, dass gewisse Dinge eine bestimmte Nachricht aussenden und andere eben nicht. Ich fände es unpassend, wenn etwa Archgoat in weißen Jogginghosen und dreckigen Tanktops auf der Bühne stünden. Bei Peste Noire hingegen erwartet man nichts anderes, und das stört mich dort auch nicht. Es läuft letztlich immer auf das Gleiche hinaus: Wenn jemand authentisch auftritt, kaufe ich ihm eine gewisse Ernsthaftigkeit ab; geht es ihm aber nur um sein Image, Aufmerksamkeit oder noch schlimmer um Anpassung, kann ich ihn unter keinen Umständen unterstützen. Ich könnte jetzt behaupten, Wacht seien wunders wie innovativ, weil wir seit „Korona“ goldene Masken tragen, aber mal ehrlich: Wir sind nicht die Ersten und werden auch nicht die Letzten sein, die das tun. Ich bin zwar der Ansicht, dies sei besser als gewöhnliches Corpsepaint oder Sturmhauben, lege aber keinen sonderlichen Wert auf eine Diskussion darüber. Mir ist ein einheitliches Gesamtbild wichtig, und ich will dem Trend entgegenwirken, das eigene Ego in den Mittelpunkt zu drängen. Für mich ist die Person, die ein Instrument spielt, völlig irrelevant. Was zählt, ist die Kunst als Gesamtpaket, also ein Album oder ein Konzert. Ob ich oder jemand anderes der Urheber ist, spielt überhaupt keine Rolle.

Diese Aussage mag arrogant wirken, da ich automatisch im Mittelpunkt stehe, weil ich während unserer Konzerte keine Maske trage, sondern geschminkt bin, doch das hat tatsächlich ganz pragmatische Gründe: Ich kann mit einer Maske nicht singen, und unter einer Sturmhaube bekomme ich zu wenig Luft. Promo-Fotos für „Korona“ entsprechen meiner Vision schon eher, denn darauf trage auch ich eine Maske. Was mir in den letzten Jahren wichtiger geworden ist: Ein durchdachtes Konzept, das sich wie ein Thema auf die jeweilige Phase der Band bezieht. Zu Zeiten von „Indigen“ trat die Band völlig anders auf als mit „Korona“, und ich bin mir sicher, dass es sich beim nächsten Album wiederum ändern wird.

Du posierst auf Fotos mit hochgehaltenen Tierhörnern – die Metal-Pommesgabel in echt?

Dieser Begriff ist ziemlich genau das, was mich an der Metal-Szene aufregt. Man nimmt Symbole, gibt ihnen neue, total lächerliche Namen bzw. Bedeutungen und feiert das dann auf Biegen und Brechen als kulturellen Ausdruck. Was Du Hörner nennst, sind strenggenommen keine, sondern Knochenzapfen oder Hornscheiden, Teile des Schädelknochens eines Steinbocks. Ein solcher Schädel hat nichts mit Wacken-Metallern zu tun; er ist ein Symbol für Graubünden, die Berge, Freiheit, Einsamkeit, Tod und vieles mehr.

Wenn Metal im englischen Sprachraum und Kulturkreis entstanden ist und sich Musiker aus Skandinavien respektive Norwegen diese Musikart in Form von Black Metal der sogenannten zweiten Welle zu eigen gemacht haben: Wodurch zeichnet sich dann die schweizerische Lesart von Euch und anderen Künstlern in Eurer lokalen Umgebung aus?

Wir haben das schon einige Male unter uns diskutiert, und ich behaupte: Es gibt einen spezifischen Schweizer Black Metal. Dieser zeichnet sich aber nicht unbedingt durch einen musikalischen oder textlichen roten Faden aus, sondern sticht durch eine gewisse Kauzigkeit und Isolation der Akteure hervor. In der Schweiz hat sich jeder eine Formel für „seinen“ Black Metal geschaffen. Wenn wir uns etwa Sachen wie Bölzer, Excruciation, Borgne, Enoid, Pure oder Darkspace, Paysage D’Hiver und Underground-Bands wie Shumma Martum, Ghost Kommando, Forgotten Chaos, Bestial Torment, Tarihan, Eisenwinter sowie Menegroth anhören, ohne jetzt politisch zu werden, dann haben alle einen einzigartigen Stil für sich gefunden und ziehen ihn konsequent durch. Das war ja auch bei den alten Bands teilweise so. Natürlich gibt es auch bei uns etliche austauschbare Kapellen, aber auf die brauchen wir hier nicht einzugehen.

Seht Ihr Euch als Teil einer Szene? Wie verträgt sich solches Gruppendenken mit dem Gedanken des Individualismus, den Metal seit je hochhält?

Es ist so etwas wie eine Hassliebe. Ich bin sehr gut vernetzt, und die Szene in der Schweiz ist sehr klein, weshalb man mir zwangsläufig irgendwann über den Weg läuft. Zusammenhalt gibt es aber überhaupt nicht. Mir kommt es so vor, als seien die meisten dermaßen damit beschäftigt, ihre eigene Band „berühmt“ zu machen, dass ihr Interesse für andere völlig auf der Strecke bleibt. Dennoch bleiben wir Teil der Szene, weil wir uns darin bewegen, ob es uns gefällt oder nicht.

Ganz ehrlich, Individualismus auf der Ebene einer Szene gibt es schlichtweg nicht. Black Metaller sind ganz normale Menschen, die ein gemütliches Leben führen wollen und alles machen, um der Realität nicht ins Auge blicken zu müssen. Es ist eine Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft, die sich für ach so speziell hält, aber am Ende des Tages überhaupt nichts Außergewöhnliches auf die Reihe kriegt und genauso blind Trends folgt wie alle anderen. Mir wird gerade bewusst, dass fast alle Bands, die ich erwähnt habe, seit Jahren nicht mehr in der Szene aktiv sind; vielleicht macht das den Unterschied aus.

Was bedeutet Dir der Begriff Heimat? Wie differenzieren Wacht Lokalkolorit, Patriotismus und Nationalismus, mit welchem der drei Begriffe könnt Ihr am ehesten etwas anfangen?

Die Antwort auf diese Frage ist vor allem für Nichtschweizer schwer zu erklären. Als Bündner hat man eine völlig eigene Beziehung zu seiner Heimat. Es ist für alle Schweizer normal, dass Bündner stolz auf ihre Heimat sind. Dementsprechend ist es auch nichts wirklich Besonderes, wenn man darüber singt oder sich dementsprechend positioniert. Das hat nichts mit Nationalismus – Graubünden ist ja keine Nation – oder Patriotismus im Sinne einer konservativen Einstellung zu tun. Linksextreme Bündner sind genauso stolz darauf von hier zu kommen wie rechtsextreme. Das geht wohl auf die Landschaft und Stimmung von Graubünden zurück. Viele verstehen es nicht und drängen Wacht deswegen gleich in die nationalistische Ecke. Dabei habe ich „Korona“ zusammen mit zwei Veganern aufgenommen, und einer von ihnen engagiert sich aktiv in der linken Szene. Das Problem an diesem Thema besteht darin, dass der Mensch nicht über schablonenhafte Denkweisen hinwegkommt. Er kann nicht mit Widersprüchen umgehen, weil sie für ihn keinen Sinn ergeben. Wir werden auch immer wieder darauf angesprochen (vor allem von Veranstaltern und ausländischen Magazinen), weshalb wir uns nicht distanzieren und klar gegen irgendetwas Stellung beziehen. Warum sollte ich mich von etwas distanzieren, das für mich absolut irrelevant ist? Sind die Leute denn wirklich so faul, dass sie keine halbe Stunde in Recherche investieren wollen, um sich kundig zu machen? Black Metal darf sich unter keinen Umständen für irgendetwas entschuldigen. Wenn der Erfolg darunter leidet, umso besser! So etwas geht mir komplett am Arsch vorbei. Interessanterweise gibt es diese Diskussion in der Schweiz praktisch nicht mehr. Nur Vollidioten haben noch nicht begriffen, dass Wacht völlig andere Ziele verfolgt.

Darf man sich als willkürlich irgendwo auf die Welt gekommener Mensch anderen gegenüber überlegen fühlen, weil man ebendort geboren wurde und aufwuchs? Was hat das mit Musik und Metal im Speziellen zu tun?

Schlussendlich darf jeder tun und lassen was er will. Keiner hat das Recht, anderen vorzuschreiben, was sie denken sollen, aber ich verstehe schon, worauf Du mit dieser Frage abzielst, und antworte kurz mit Nein. Wacht setzen sich aber auch gar nicht mit solchen kleingeistigen Lächerlichkeiten auseinander. Es geht um Kunst – Visionen, Entschlossenheit, Konsequenz, Tatkraft und die Überwindung von Grenzen. Alles andere ist nicht wichtig.

Ich persönlich fühle mich besser, jedoch nicht wegen meiner Herkunft, sondern weil ich das, was ich tue, tun kann und auch tun will. Wenn ich sehe, wie lächerlich sich die Black-Metal-Szene mittlerweile aufführt und wie viele Verlierer davon angezogen wurden, kann ich nur lachen. Ich bin nicht nur bei Wacht bzw. als Musiker künstlerisch tätig, sondern auch vollbeschäftigt, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, während ich durch die Weltgeschichte reise, um meine Kunst voranzubringen. Muss ich mir von einem arbeitslosen, besoffenen, langhaarigen Nichtsnutz, der nur Komasaufen im Kopf hat, also Vorwürfe machen lassen?

Die Natur genießt gerade in Eurer Stilistik einen hohen Stellenwert als Impulsgeber und Einfluss auf künstlerisches Schaffen; wie schlägt sich Eure geografische Umwelt auf Wachts Musik nieder?

Ja absolut. Gerade bei „Indigen“ war das enorm wichtig. Ich wollte damals ein Album erschaffen, um alles herauszulassen, was sich in mir angestaut hatte. Ich wohne schon länger nicht mehr in den Bergen, und darum hat sich mein Fokus verändert. Seit ich in der Stadt lebe, beschäftige ich mich eher mit meinem Innern und Religion im allgemeinen Sinn. Deshalb ist „Korona“ ganz anders geworden als „Indigen“. Meine Alben sind ein direktes Fenster in meine Seele und meine Welt, also verändert sich mein Output ständig. Klar ist die Natur für mich immer noch sehr wichtig, doch ich verbringe praktisch keine Zeit mehr dort, weil ich mich auf neue Projekte konzentriere und darin genügend Inspiration finde. Wacht-Alben schreibe ich nicht auf traditionelle Weise nur mit der Gitarre oder auf Papier. Nach jedem Album brauche ich eine Auszeit, um zu überlegen, wie genau es weitergehen soll. Ich mache mir Gedanken über Texte und Musik, Layout, Aussage und Umsetzung. In meinem Kopf war „Korona“, als ich mit den ersten Noten und dem ersten Text dafür anfing, schon genau so vorhanden, wie es am Ende auch ausfiel. Es ist darum weder frisch noch neu für mich. Das Artwork existiert in dieser Form schon seit November 2014, und die Songs wurden in der strukturellen Endfassung bereits im November 2015 als Demos fertiggestellt.

Um den Bogen zurück zur Frage zu spannen: Inspiration verändert sich zusammen mit dem Künstler, und dabei spielt das geografische Umfeld eine wichtige Rolle. Für mich allerdings ist die persönliche Entwicklung viel zentraler; wenn ich derselbe Mensch wie vor einem Jahr bleibe, habe ich zwölf Monate lang alles falsch gemacht.

Falls Black Metal an sich misanthropisch ist, warum lässt er sich zur Veräußerlichung von Zugehörigkeitsgefühlen gegenüber bestimmten Menschengruppen verwenden? Steht er somit stellvertretend zugleich für das Aufbegehren des Einzelnen gegen die Masse und sein letztliches Scheitern, weil wir schlicht „Herdentiere“ und aufeinander angewiesen sind?

Nein, das ist so, weil Black Metaller im Grunde nicht misanthropisch sind. Sie wären es gern, sind aber stattdessen bloß frustriert, weil das Leben nicht so läuft, wie sie es sich vorstellen, und zu dumm, um etwas daran zu ändern. Warum sollte sich ein Misanthrop auch bei einem Konzert einfinden und mit seinen „Metal-Brüdern“ Bier trinken? Besuch mal einen Black-Metal-Gig und sprich den ganzen Abend mit niemandem; da wird man nicht nur komisch angeschaut, sondern sogar gefragt, ob alles in Ordnung sei. Die Szene ist also schon lange nicht mehr misanthropisch, extrem oder konsequent; sie ist ein Spiegel der normalen Gesellschaft. Sich dies einzugestehen tut weh, aber es ist die Realität.

Traditionalismus und Brauchtum stehen im Black Metal ebenfalls hoch im Kurs; seht Ihr im Rückgriff darauf bzw. Festhalten daran tatsächliche eine Alternative zum vorherrschenden Zeitgeist, oder sind diesbezügliche Gesten und Bestrebungen lediglich Nostalgie ohne das konkrete Ziel einer Veränderung auf breiter Ebene?

Ich finde diese Art von Rhetorik problematisch. Wenn man heute auf Facebook in das spirituell affine Black-Metal-Umfeld blickt, könnte man meinen, es sei eine Revolution im Gange. Jeder meditiert sich wie ein Meister in sämtliche Paralleluniversen und verändert die Welt bzw. sich selbst dermaßen stark, dass wir eigentlich vor einer völlig neuen Gesellschaft stehen müssten. Wenn man die Betreffenden dann bei Konzerten trifft, sind sie so langweilig – oder noch schlimmer: Gelangweilt – und gewöhnlich wie jeder beliebige andere. Brauchtum und alternativer Traditionalismus stehen zwar hoch im Kurs, aber wer von diesen neuen Hippie-Black-Metallern lebt tatsächlich als Selbstversorger auf einem Bauernhof? Veranstaltungen wie das House of the Holy, das früher Funkenflug hieß, propagieren ja genau das. Ich bin etwas skeptisch, was das angeht, weil ich in den Bergen aufwuchs und weiß, dass ich weder Alpenbauer noch Handwerker oder Selbstversorger bin. Ein Aufenthalt in den Alpen ist ungemütlich und keineswegs so, wie sich Städter ihn vorstellen. Man kann nicht einfach mit dem Auto hochfahren, dann ein wenig in der Sonne liegen und Cocktails trinken, während man auf eine Erleuchtung wartet. Versteh mich nicht falsch, das House of the Holy ist eines der besten „Festivals“, die es gibt. Was die Veranstalter dort machen und wie sie ihr Leben gestalten, finde ich extrem bewundernswert. Ich wünsche mir im Umfeld des Black Metals mehr von diesem Willen und dieser Detailverliebtheit. Kritik übe ich nicht am Veranstalter, sondern an den Besuchern, die ein Wochenende dort verbringen und dann das Gefühl haben, Gesellschaftsaussteiger zu sein.

Die wichtige Frage für mich ist eine andere: Wie viele dieser Leuten wissen wirklich, was es bedeutet, etwas für die Kunst aufzugeben, das man von ganzem Herzen liebt? Ich musste das tun, und es ist kein tolles Gefühl. Man fühlt sich danach nicht mehr eins mit dem Universum. Etwas zu opfern, heißt mehr, als ein paar Knochen in ein Lagerfeuer zu werfen und dabei über sein banales Leben zu sinnieren. Wahre Transformation ist schmerzhaft und langwierig.

Inwiefern sind alle Gegenentwürfe, die Black Metal macht, ernst gemeinte Vorschläge für erstrebenswerte Zustände auf der Welt, und inwiefern reine Negierung im Sinne umgekehrter Christenkreuze, also reine Abgrenzung und Provokation? In Bezug darauf: Was sind der Antikosmos oder die „Anti-Sphere“?

Das muss jeder für sich entscheiden, auch ob er diese Vorschläge ernst nimmt oder einfach nur als kryptische Zeichen in einer Sprache versteht, die niemand versteht. Hier in der Schweiz gibt es kaum jemanden aus dem Black-Metal-Milieu, der Konzepte wie Idealismus, Okkultismus oder Religion und so weiter ernst nimmt. Das hat nichts mit Nichtverstehen zu tun, sondern liegt schlicht daran, dass es die Leute nicht interessiert. Dass viele einfach nur blind Bands hören, deren Symbole tragen und dabei nicht die geringste Ahnung haben, was die Musiker damit sagen wollen – falls überhaupt eine Aussage dahintersteckt – finde ich bedenklich. Wer sich bei einem Cattle-Decapitation-Konzert über Hippie-Weltverbesserer aufregt, unterscheidet sich nicht von militanten Veganern, die in ihrer Death-Metal-Band der alten Schule Schweineblut über ihre Lederjacken gießen, und hat etwas nicht so ganz verstanden.

Ich finde es zu einfach, umgedrehte Kreuze als simple Negierung zu werten. Ein Symbol erhält erst eine bestimmte Kraft, wenn man es wie auch immer interpretiert. Für mich haben umgedrehte und konventionelle Kreuze mittlerweile eine sehr starke Bedeutung; ich sehe in beiden überhaupt keinen Widerspruch – wie auch? Die Kirche besitzt im Herzen ihrer allerheiligsten Stätte, dem Petersdom, ein umgedrehtes Kreuz, um das vermutete Grab des Heiligen Petrus zu kennzeichnen. Sind wir so naiv, dass wir jahrtausendealte Geschichte so selektiv vergessen können? Ich für meinen Teil habe meine Lebenseinstellung durch einem unendlichen Fundus an Informationen gefunden. Black-Metal-Texte und die zugehörige Musik machen nur einen kleinen Teil aus, der angesprochene Antikosmos des Temple of the Black Light und Misanthropic Luciferian Order einen noch kleineren, aber gewiss vorhandenen. Ich würde Suchenden empfehlen, nicht die Texte ihrer Lieblingsbands, sondern die Quellen ihrer Inspiration zu analysieren. Das ist sehr viel aufschlussreicher und in vielen Fällen auch gnadenlos entlarvend. Ich war lange Zeit der Meinung, dass eine Band, die ich persönlich ernst nehme, Recht haben muss – auch in allem, was sie sagt. Meine Suche bestand in den letzten Jahren größtenteils darin, dass ich Gegebenes recherchierte und es danach als irrelevant archivieren musste. Man kommt nicht weiter, wenn man nur Vorgekautes nachplappert und sich nie eigene Gedanken macht.

Die „Anti-Sphere“, wie wir sie beschreiben, ist etwas Abstraktes und gleichzeitig Metaphorisches. Der Text von „Anti-Sphere’s Wine“, handelt wie das ganze Album von Transformation, und den Vergleich mit einem Wein, der einen in eine andere Sphäre bringt – eben in die Antisphäre –, fand ich sehr passend. Ich ließ mich frei von Bölzers Soma-Konzept inspirieren, weshalb ihr Sänger und Gitarrist Okoi auch als Gast im entsprechenden Song zu hören ist.

Was macht den Tod erstrebenswert, falls er es in Deinen Augen wie in jenen nicht weniger anderer Black-Metal-Musiker sein sollte?

Da sprichst Du eines meiner Lieblingsthemen an. Der Tod ist nicht erstrebenswert, sondern unausweichlich. Es ist die einzige Konstante im Leben und unverrückbar. Jeder, der den Tod umarmen will, darf mir diesen Gefallen gerne tun. Ich befasse mich seit rund fünf Jahren in einem fotografischen Kontext praktisch täglich mit dem Tod. Dabei sehe ich Orte, zu denen die meisten Menschen keinen Zugang haben und die auch viele gar nicht kennenlernen wollen. Ich finde es hochinteressant, wie der Mensch mit dem Tod umgeht. Black-Metal-Akteure sind diesbezüglich wie alle anderen; sie unterscheiden sich, wenn etwa ein Mitglied ihrer Band gestorben ist, in ihrem Umgang mit dem Tod tatsächlich kein bisschen von einer durchschnittlichen Familie, die eine Großmutter beerdigen muss. Beide sind völlig unvorbereitet und überrascht, weil sie den Tod immerzu verdrängt haben. Wenn er dann eintritt, versucht auch die Band vergeblich damit umzugehen, wobei die ganze Black-Metal-Fassade zwangsläufig recht schnell bröckelt, weil der Musiker in gelernte Verhaltensmuster zurückfällt.

Man veranstaltet analog zu einem Gottesdienst Erinnerungskonzerte, verteilt Flyer, die den toten „Helden“ rühmen – analog zu Trauerkarten – und nimmt im Internet am Jahrestag des Todes regelmäßig aufs Neue Abschied, wie es bei einem Grabbesuch geschieht. Das alles geschieht schön mit umgedrehten Kreuzen und Pentagrammen verziert, denn man ist ja schließlich böse und true und so…

Wenn man sich ernsthaft mit dem Tod befasst, wird so etwas irgendwann unerheblich, da man erkennt, dass er jeden treffen wird. Ich habe die Maske solcher „spirituellen“ Übermenschen relativ schnell durchschaut, die behaupten, der Tod sei nur der Anfang von etwas Neuem und ein Tor in die nächste Welt, obwohl sie weinend am Grab ihrer Mutter sitzen und die Welt nicht mehr verstehen. Wegen solcher Aussagen werde ich immer wieder angefeindet, auch weil ich mich weigere, gut über gestorbene Black-Metal-Musiker zu sprechen. Ein Idiot bleibt für mich ein Idiot, ob er noch lebt oder gestorben ist. Ich hasse diese gekünstelte Verklärung eines Toten. Ein Black-Metal-Musiker, der sich zum einzig wahren Satanisten geriert sowie ständig Tod, Massenmord, brennende Kirchen und Selbstmord propagiert, ist kein Verlust und muss nicht betrauert werden – vor allem nicht, wenn er sich selbst umgebracht hat.

Der Tod ist in meinem Leben also äußerst präsent; er übt eine unglaubliche Anziehungskraft auf mich aus. Ich spreche aber nicht davon, mich zu töten, sondern bin von allem fasziniert, was er miteinbezieht, sei es auf spiritueller Ebene – darüber könnte ich jetzt noch länger referieren – oder der profanen. Was macht z. B. ein Mitarbeiter eines Bestattungsinstituts, wenn er einer trauernden Familie die falsche Urne zur Beerdigung ausgehändigt hat? Wie reagieren Angehörige, wenn sich eine geliebte Person, unterstützt von einer Sterbehilfeorganisation, umbringen will und bereits ein fixes Datum dafür abgemacht hat, ohne ihre Verwandten hinzuzuziehen? Ist es pietätlos, diese Person bei ihrem Suizid zu fotografieren oder bei einem Bestatter im Kühlraum dokumentarische Fotos Verstorbener zu machen? Darf ich einem Lungenkrebskranken eine Zigarette anbieten und dabei witzeln, dass es sowieso keine Rolle mehr spiele? Sollte man beim Besuch eines Beinhauses Abfall aus den Schädeln der Verstorbenen nehmen und entsorgen?

Das sind alles ganz reale Situationen, die ich tatsächlich erlebt habe. Man mag darüber lachen, wenn man es so hört, aber für den gewöhnlichen Menschen ist so etwas ein Riesenhorror und moralisch hochbrisant. Zu solchen Begebenheiten erkennt man sehr schnell, wie stark und warum sich jemand bereits mit dem Tod auseinandergesetzt hat.

Was heißt Spiritualität für Dich? Woran machst Du fest, falls überhaupt, dass es über das Diesseits hinaus andere Welten bzw. höhere Wesen gibt, und warum kommt man ihnen über den Black Metal näher?

Aus der Sicht eines Konsumenten glaube ich, dass Black Metal das falsche Medium ist, um einen solchen Zustand zu erreichen. Ich habe meine Erfahrungen diesbezüglich nur in einem anderen Kontext gemacht. Black Metal ist heute viel zu materiell, um eine Tür wohin auch immer zu öffnen. Etwas anderes sind für mich Konzerte, bei denen ich auf der Bühne stehe. Ich weiß nicht, wo ich da jeweils bin, auf jeden Fall nicht mehr mit beiden Füßen auf dem Boden. Dieser Zustand ist für mich auch der wichtigste Grund dafür, überhaupt mit Wacht aufzutreten. Das Publikum, der Veranstalter, die Räumlichkeiten, mein Körper und sogar die Band werden irrelevant.

Meine „Spiritualität“ ist etwas sich ständig Transformierendes und Widersprechendes. Ich kann und will sie niemandem erklären, weil sie nicht erklärbar ist. Wichtig ist für mich, dass man über sich selbst und die eigenen Taten nachdenkt, um alles kritisch hinterfragen zu können.

Bleibt Euer letztes Album das einzige, auf dem Ihr die indigene Sprache Eurer Region benutzt? Was machte diese Verwendung unerlässlich?

Nein, das letzte wird es mit Sicherheit nicht sein. Ich habe mit „Indigen“ bloß alles zu diesem Thema gesagt, weshalb es mir nicht richtig vorkommt, danach so etwas wie „Indigen 2.0“ zu machen. Wir haben 2017 die EP „Systemgleichnisse“ aufgenommen, die ebenfalls einen romanischen Text enthält, und ich bin mir sicher, dass ich diese Sprache auch in Zukunft wieder bei Wacht benutzen werde. Schließlich bin ich Engadiner und werde es immer bleiben.

„Indigen“ in einer anderen Sprache als Romanisch zu verfassen wäre unmöglich gewesen. In diesem Album stecken so viele Details, die bei einer Übersetzung verloren gehen würden, und die man gar nicht in einer anderen Sprache ausdrücken kann. Es ist eben ein Gesamtpaket; die Songs strotzen vor Bergatmosphäre, und selbst die visuelle Gestaltung könnte nicht anders sein. Deshalb stand für mich von vornherein selbstverständlich fest, dieses Album in dieser Sprache aufzunehmen. Außerdem wollte ich bewusst zeigen, woher wir kommen und was wir zu sagen haben. Die romanische Sprache kämpft nicht nur um Akzeptanz, sondern um ihren Fortbestand. Ich will mich in einer Diskussion darüber nicht wichtigmachen, habe aber meinen Teil zum Erhalt dieser Sprache beigetragen, so klein er auch sein mag.

Im Nachhinein finde ich ziemlich witzig, dass ich immer wieder von Leuten höre, die aus irgendeinem Grund auf das Album gekommen sind und es toll finden, aber selbst keinen Bezug zu Black Metal oder Metal haben. Als Bündner hat man offenbar so etwas wie übergeordnete Gemeinsamkeiten, unabhängig von Musik. „Indigen“ verkörpert genau das.

In der Außenwahrnehmung ist Black Metal in allen Belangen „hässlich“; wie würdest Du den Begriff der Ästhetik in diesem Zusammenhang definieren, und was lässt sich dieser Musik mitsamt ihrer Bildersprache an „Schönheit“ abgewinnen?

Na ja, was als schön und hässlich gilt, ist immer Ansichtssache und dementsprechend individuell geprägt. Mir fallen viele Black-Metal-Alben ein, die äußerlich wunderschön wirken, etwa „Emotionale Ödnis“ von Tardigrada, und auch bei Leuten Anklang finden, die keine Ahnung davon haben, wer oder was Burzum ist. Umgekehrt kenne ich Black-Metaller, die sich sehr leicht von absichtlich primitivem Verhalten und Auftreten provozieren lassen. Die Berner Band Chotzä ist ein gutes Beispiel für diese Art von Provokation; sie spielt mit Carpathian Forest vergleichbaren Krach, aber die Musiker sind viel besser, als sie es zeigen, und provozieren die gesamte Szene vorsätzlich mit ihrem vulgären Auftreten. Sie halten ihr einen Spiegel vor, so nach dem Motto: „Seht, ihr Wichser, wie brav und normal ihr in Wirklichkeit seid.“ Das kommt bei uns überhaupt nicht gut an, und allein deshalb unterstütze ich die Band, auch wenn mir ihre Musik nicht sonderlich gefällt.

Für mich gibt es halt einen Unterschied zwischen Kunst, die etwas bewegt, oder Musik, die einfach ereignislos am Hörer vorbeirauscht und vergessen wird. Jeglicher Propaganda stehen Mittel zur Verfügung, um diese oder jene Wirkung zu erzielen, und Black Metal bedient sich wohl eher der „hässlichen“ Mittel. Ich unterstütze jede Art von Kunst, die genau das macht, egal ob sie als schön, hässlich und provokativ aufgefasst wird oder schlicht überaus durchdacht ist. Sobald sie etwas in mir auslöst, bin ich davon gefangen. Deshalb ist es für mich auch überhaupt kein Problem, Platten sowohl von Frank White als auch Freitod in meiner Sammlung zu haben und auch regelmäßig zu hören.

Sind Rockmusik, Metal und Black Metal etwas allein der Jugend Vorbehaltenes? Wie beugt man, falls das überhaupt möglich ist, dem Schicksal vor, mit dem Alter albern und unglaubwürdig zu wirken? Lassen sich die Ideale des Black Metals auch abseits der Musik und dem entsprechenden Milieu ausleben?

Nein, absolut nicht. Zeit ist sowieso eine Illusion, warum sollte es also eine Rolle spielen, wann Musik aufgenommen wird? Wir erschaffen uns unsere Erinnerungen selbst. Die Tatsache, dass Beherit heute als Kultband gehandelt werden und so getan wird, als sei das nie anders gewesen, ist das beste Beispiel dafür. Jeder, der seinerzeit schon Black Metal gehört hat, kann erzählen, dass genau das Gegenteil der Fall war. Insofern hat es keinerlei Bewandtnis, wie alt ein Mensch ist, wenn er seine Kunst erschafft. Ich arbeite mit vielen Leuten zusammen, und darunter befinden sich auch solche, die meine Eltern sein könnten, aber unsere Verbindung zur Kunst ist so stark, dass sie das Alter ausblendet.

Zugegeben, je älter man wird, desto schmaler wird der Grat zur Albernheit auf dem man sich bewegt, doch ich halte das für unproblematisch, solange man authentisch ist und nicht versucht, etwas zu sein, das man nicht ist. Gedanken mache ich mir vielmehr über das Physische. Wacht-Konzerte sind körperlich extrem intensiv und auch schmerzhaft. Ewig kann ich das nicht machen.

Natürlich lässt sich Kunst auch gänzlich anders ausleben. Meiner Meinung nach braucht man keine Musik oder zumindest nur wenig, um Black Metal zu verwirklichen. Ich lebe ihn in der Fotografie, Philosophie, Psychologie und vielen anderen Bereichen aus.

Wofür steht Euer Name, gerade auch im Vergleich Eurer Anfänge gegenüber dem Jetzt? Wo siehst Du Dich und die Band langfristig?

Wir haben uns mehrmals stark verändert, und ich hoffe, das wird sich in Zukunft so fortsetzen. Unsere alten Sachen sind keine Meisterwerke, obwohl ich stolz auf die Lieder bin. Damals war ich anders, und die Stimmung eben auch. Darum muss ich nichts unter den Teppich kehren oder vergessen.

Den Vergleich, den ich jetzt ziehe, habe ich schon in einem früheren Interview gezogen, und ich finde ihn ziemlich passend: Unser erstes Album „Evolution, Destruktion“ ist so etwas wie ein Schaufelschlag direkt in die Fresse, während „Indigen“ einen langsam und unbemerkt unter Wasser zieht. „Korona“ zerfrisst einen von innen und bringt ihn schlussendlich dazu, sich selbst die Kugel zu geben. Das Grundkonzept hinter Wacht ist immer dasselbe geblieben, aber die Ausführung und Herangehensweise haben sich völlig verändert. Eine langfristige Aussage kann ich unmöglich treffen, weiß allerdings, dass ich ein Leben ohne Kunst nicht aushalten würde. Ob ich sie länger mit Wacht oder auf andere Weise veräußerliche, wird sich früher oder später zeigen. Bis dahin habe ich einige Projekte am Laufen, die ich in diesem Kontext nicht konkret ankündigen möchte.

(Fotos: © Ida Mer Photography)