Ius Talionis – Saligia

Ius Talionis - Saligia

Obwohl stets viele behaupten, dass der Freiheit verkörpernde Black Metal aus purem und als Tribut an den gehörnten Meister (obwohl es total paradox ist, etwas von bodenloser Freiheit zu quaken und sich im selben Atemzug einzugestehen, dass man einem Meister untergeordnet ist) dargebotenen Hass gegen die himmlisch religiöse Opposition bestehen muss (weil der Ursprung des Black Metals im derartigen geistigen Nährboden wurzelte), gibt es immer mehr Bands, die aus dieser angeketteten Zwangsjacke ausbrechen und nach thematisch neuen, doch ebenfalls im Dunkeln liegenden Wegen suchen. Auch die Aachener Formation Ius Talionis geht ihre ganz eigenen thematischen Pfade, denn anstatt alles Unbequeme und im Wege stehende mit einem fetten Antikreuz im Namen des Meisters zu kastrieren, bedient sie sich lieber am reichhaltigen und, wenn man es genau betrachtet, auch sehr blutigen Textfundus des angestaubten Alten Testaments. Auf diese Weise halten die fünf Jungs der Menschheit ihren eigenen Spiegel der Sündhaftigkeit vors Gesicht und versuchen sozusagen Feuer mit Feuer zu bekämpfen. „Saligia“, was ein lateinischer Akronym für die sieben Todsünden bzw. Laster ist (Superbia = Hochmut / Avaritia = Geiz / Luxuria = Wollust / Ira = Zorn / Gula = Völlerei / Invidia = Neid / Acedia = Trägheit des Herzens bzw. des Geistes), heißt das Debütalbum von Ius Talionis, mit dem die Jungs sehr fleißig um die nach Bier miefenden Klubhäuser ziehen, um so auf sich aufmerksam zu machen.

CRUX SACRA NON SIT MIHI LUX, SED DRACO SIT MIHI DUX

Der siebenteilige musikalische Vortrag über den klassischen Sündenkatalog beginnt mit „Auge um Auge“. Die ruppig einsetzenden, größtenteils im Mid-Tempo schwirrenden, doch meinem Empfinden nach einen Tacken zu stark im Vordergrund platzierten Gitarren wie das handwerklich sehr solide, gut mit ihnen einhergehende Drumming ziehen dem geneigten Hörer gleich den ersten Backenzahn, denn schließlich hat der Opener genügend an abwechslungsreichem Eisen im Feuer. Meist ziemlich rhythmisch, mit melodischen Ansätzen behaftet und das Neckbreaker-Gefühl nicht vernachlässigend. Ja, das funzt ganz gut, vor allem live, wie ich es schon feststellen durfte. Wer nach diesem Song noch nicht genug hat, der darf sich beim „Tanz um das goldene Kalb“ weiter windelweich verkloppen lassen. Dort wird das Tempo noch um ein ordentliches Stück angezogen, während die Schlachtrufe der wilden und gierigen Meute, vom Sänger Koshmar recht ungestüm ins Mikro gebrüllt, die Ahnungslosen zur Schlachtbank führen. In dieser Manier geht es dann weiter nach „Babylon“, zur Ernte der „Früchte des Zorns“ in Sodom und Gomorra und zu einer zügellosen Völlerei in den „Gärten des Dionysos“. Bis dahin, so scheint es mir, vermag sich die dargebotene Musik stets ein wenig nach oben zu schrauben, bis sie letztendlich im sechsten Track „Elohim, El-Qanna“ gipfelt, wo man bei dem eifersüchtigen Gott für seine bis dahin begangenen Sünden nach allen Regeln der Kunst ausgepeitscht wird. Hier sind die Gitarrenoffensiven am intensivsten zu spüren, die erbaute Atmosphäre am stärksten am vibrieren, und hier gefallen mir Ius Talionis am allerbesten! Und verbal kriegt hier der rach- und eifersüchtige Gott, der sich selber nicht an seine eigenen Gebote hält, einen auf den Heiligenschein, haha. Beim letzten und längsten Track „Herzstillstand“ ist dagegen ein gewisser Abfall an Spannung zu vermelden. Der Track schleppt sich irgendwie mühsam dahin, wie ein Herzkranker kurz vorm Abkratzen halt. Ist vielleicht so gewollt, es passt schließlich gut zum Titel. Ein sehr schönes Klavier-Outro löscht hier zumindest die Stimmen des Lebens sehr bedächtig aus.

„Saligia“ ist definitiv ein gutes, sehr schön bebildertes Stück Black Metal, auch wenn hier stellenweise etwas mehr Dynamik und ein etwas harmonischeres Zusammenspiel seitens der Gitarrenfraktion wünschenswert wäre. Aber es wird bereits fleißig am neuen Material geschrieben. Und mit den vielen neu gesammelten Erfahrungen bei den Live-Auftritten wird der Zorn Gottes zukünftig sicherlich noch um einiges intensiver und gebündelter, womöglich wie eine alles zerfressende Heuschreckenplage auf uns niederprasseln!