Morgengrau – Staub zu Staub (Rezension)

Morgengrau - Staub zu Staub

Wenn man morgens direkt nach dem Aufstehen aus dem Fenster blickt und einen trist-grauen und bewölkten Himmel erspäht, und wenn sich dabei jedwede Hoffnung auf einen Sonnenschein sogleich in Luft auflöst, dann herrscht das perfekte Wetter, um der ganzen faulig riechenden modernen Welt erst recht den Stinkefinger zu zeigen und die Musikanlage mit dem Debüt von Morgengrau im Schacht so richtig laut aufheulen zu lassen, so dass die Wände erzittern. „Staub zu Staub“ heißt das gute Stück, das vor melodischen Einschlägen nur so strotzt und als ein richtig gediehenes Black-Metal-Brett angesehen werden darf. Schließlich hat man sich seit der Bandgründung im Jahre 2009 viel Zeit gelassen (nun gut, einen Teil der Zeit hat auch die Suche nach passenden Mitstreitern verschlungen) und vom Demo „Schattenzeiten“ mal abgesehen nicht viel von sich hören lassen, das aber wahrscheinlich nur, um nichts zu überstürzen und alles gleich von Anfang an richtig zu machen. Und das lässt sich hören!

Während mich das markante Cover-Artwork mit dem einen übergroßen Auge augenblicklich an das heidentümliche Album „O“ von Kerbenok erinnerte, führte mich das Intro mit den angsterfüllten Schreien gequälter Seelen, die scheinbar kurz davor sind ins infernale Feuer getrieben zu werden (so hört es sich zumindest für mich an), zunächst etwas aufs Glatteis. Auch wenn sich irgendwelche Höllenvorstellungen in meiner Phantasie manifestierten, und ich Maestro Satan hinter der nächsten Ecke erwartete, dreht man sich hier thematisch um ganz andere, mehr irdische Dinge. Der Nihilismus, die Existenz des Ichs, der erlösende Tod und die Kräfte der Natur, um hier auch eine leicht pagane Note ins Spiel zu bringen, sowie andere dunkle Facetten des materiellen Daseins, das sind die Inhalte von Morgengrau. Gleich der erste richtige Track „Selbstsein“ zeigt die musikalische Interpretation dieses Gedankenguts an: Rasanter und geradliniger Black Metal ohne jeglicher Verschnaufpausen (okay, es gibt auch einige ruhigere Passagen und der Track „Blutmond“ ist größtenteils im Mid-Tempo eingespielt, aber das sind die Ausnahmen) beherrscht das traditionelle Grundgerüst aus purer nächtlichen Schwärze, um das ein Flechtwerk aus harmonischen Gitarren gestülpt wird. Ein gutes Beispiel ist der Song „Berge“: Die Gitarrensäge übernimmt hier gleich zu Beginn der Wanderung die melodische Führung und setzt ihre Arbeit konsequent bis zum Ende fort. Noch schöner und hermetischer wird es mit „Geheimnisumwoben“, dem nachfolgenden Track (Anspieltipp!). Was für ein geiler, variationsreicher Song! Eigentlich gibt es in jedem Song eine Passage, die beim Hören einen „Was für ein gelungener Song!“ denken lassen wird. Trotz alldem gibt es da aber natürlich auch noch etwas Raum für Weiterentwicklung, was für eine junge Band der Regelfall ist bzw. sein sollte. Der solide ans Werk gehende Schlagzeuger könnte öfters mal aus dem engen Gitarrenkorsett ausbrechen und auch der Gesang könnte noch etwas facettenreicher aus der Kehle des Sängers entweichen. Das sind aber nur kleine Kritikpunkte meinerseits. Im Großen und Ganzen haben wir es hier mit einem gelungenen Einstand zu tun! Und mal ehrlich: Manch einem ist ein nicht voll bis zum Anschlag, jedoch mit der richtiger Herzenseinstellung ausgenutzter Spielraum sicherlich viel lieber als ein mit bis in die kleinste Ritze sichtbar mit Perfektion zugekleisterter. Und kleine, vielleicht die allgemeine Ästhetik etwas störende Ritzen werden sich sowieso auf eine natürliche Art und Weise mit steigender Erfahrung irgendwann von selbst ausbügeln. Ganz bestimmt, denn so ist das Leben…

Mit diesem starken Album werden die fünf niederbayerischen Jungs sicherlich noch viel Staub in der Szene aufwirbeln. Davon bin ich fest überzeugt. „Staub zu Staub“ ist eine Empfehlung für wirklich alle Freunde des deutschen Schwarzstahls!