Noctu / Augu Sigyn – Temple of Decadence

Noctu / Augu Sigyn - Temple of Decadence

Mit „Temple of Decadence“ landete erst jüngst die zweite Veröffentlichung des noch sehr jungen französischen Labels BloodCrown Records in meinem Briefkasten. Dabei handelt es sich um eine nur auf 100 Digipaks limitierte Split-Auskopplung zwischen den beiden Acts Noctu und Augu Sigyn. Da mir beide Bands bis dato nichts sagten, bin ich mit sehr viel Neugierde und einer für alles empfänglichen Erwartungshaltung an die Sache herangegangen, und wurde in beiden Fällen mehr als positiv überrascht.

Noctu, das ist ein Ein-Gerippe-Funeral-Doom-Projekt aus Italien. Und auch wenn ich für Funeral Doom in der Regel nicht wirklich zu haben bin, denn es kommt nur ganz selten vor, dass mich die sich schleichend bis sehr langsam aufbauenden und mit einer Todesruhe dahinziehenden Klänge dieser Musikausrichtung in den Bann schlagen können, so fühle ich mich doch irgendwie stark zu den beiden hier dargebotenen, von einem gleich klingenden Intro und Outro umrahmten Tracks „Il Portale Delle Ombre Eterne“ (übersetzt „Das Portal der ewigen Schatten“) und „Lacerazioni Tra Le Ombre“ (übersetzt „Risse zwischen den Schatten“) hingezogen. Das liegt vor allem an den verblüffend melodischen, viel Raum einnehmenden und sich teils überlagernden Keyboard-Gemälden. Die Musik könnte als eine gespenstisch-subtile, sehr tief gehende und unheimlich fesselnde Grabschaufel-Melodik angesehen werden, vielleicht etwas wie der Soundtrack zu „Das Phantom der Oper“, nur in tödlicher Slow-Motion. Zusammen mit der gruselig verzerrten und nachhallenden Grabesstimme des Künstlers Noctu wird hier eine intensiv verdichtete, förmlich den Atem raubende und der Unterwelt entspringende Atmosphäre erschaffen, die ihresgleichen sucht. Es ist, als ob man durch den kaum spürbaren Biss einer Giftspinne benebelt und anschließend eingewickelt wird. Die Gitarren wirken dabei wie ein Spinnweben-Gezupfe, während das Schlagzeug dermaßen konstant spärlich ausfällt, als ob es die Tropfgeräusche einer unterirdischen, mit Stalaktiten übersäten Gesteinshöhle nachzuahmen versucht. Diese Musik muss man sich natürlich am besten in aller Ruhe und bei einer entsprechenden Lautstärke geben, um alle Einzelheiten wahrnehmen und diese spezielle Atmosphäre aufsaugen zu können. Wirklich außergewöhnliche Kompositionen, die hier als „Misanthropic Isolation Through Inner Death“ umschrieben werden!

Mindestens genauso intensiv, wenn auch (im direkten Vergleich zu Noctu) sehr viel rasanter und metallischer geht es bei dem Zweiergespann Augu Sigyn aus Dänemark zu. Die noch relativ frische, im Jahre 2015 gegründete Band spielt einen rauen nordischen, von Grönland und Island scheinbar stark inspirierten Pagan Black Metal mit grantigen Doom Einflüssen, oder besser gesagt, sie lebt diesen aus, denn die Hauptvokalistin Sarah Lee Lamashtu schreit sich dabei ihre Seele dermaßen impulsiv und emotional aus dem Leib, dass mir ihr Gesang wie der einer wütend kämpfenden Walküre vorkommt. Dadurch geht einem die Musik irgendwie viel näher und lässt die Songs besonders lebhaft wirken. Die sehr organische Instrumentierung, für welche größtenteils Michael Huhle (Gitarren, Bass und Drums) verantwortlich ist, unterstreicht dieses Gefühl, steht sie doch im perfekten Einklang mit den wirschen Vocals von Sarah und hätte nicht passender sein können. Die sogleich am Anfang von „Antropomorfisk Form“ einsetzenden düsteren, wirklich doomig angehauchten Riffs gleichen tosenden nordischen Urgewalten, man wird an den Kampf zwischen Feuer und Eis erinnert, es entsteht die Vorstellung von berstenden Gletschern – wenn man es zulässt. Erst im dritten und letzten Song „Den Hængte Mands Bøg“ kehrt etwas Ruhe ein. Da wird die Stimmung noch um einiges ritualistischer als sie es ohnehin schon ist, so dass man wieder bedächtig in die Realität entlassen wird. Augu Sigyn sind definitiv ein Fest für Freunde von sich okkult gebenden Verfechtern wie Wederganger, Bölzer, aber auch Doomentor, Cult of Fire und verwandten Acts. Unbedingt antesten!

Nach vielen Durchgängen kann ich zweifelsohne behaupten, dass man es auf dieser Split mit zwei sehr außergewöhnlichen Projekten, welche mit wirklich außergewöhnlichen Visionen auftrumpfen, zu tun hat. Also Beeilung, bevor die Digipaks, die leider, und das ist der einzige Wermutstropfen, aus einem sehr dünnen Papier hergestellt sind, vergriffen sind!