Anchor Liberty Ale

Anchor Liberty Ale

12 Unzen amerikanische Geschichte – ein Toast auf die Freiheit!

Ungewöhnlich, die gedrungene und rundliche Form der Flasche, die mir vor die Nase gestellt wird; und für den gemeinen Europäer auch eine ungewöhnliche und abgefahrene Maßangabe der Hopfenkaltschale, die darauf wartet getestet zu werden: 0,355 l, was 12 Unzen entspricht. Dies verweist darauf, dass wir es hier mit einem Gebräu zu tun haben, das aus einem Reich jenseits des metrischen Systems stammt, welches Napoleon auf seinen Eroberungszügen den unterworfenen Ländern angedeihen ließ.

Tatsächlich stammt das Bier aus der Neuen Welt, und zwar aus San Francisco. Der Historie verpflichtet sind sowohl der Name des Getränks, Liberty Ale, wie auch die Braustätte Anchor. Gegründet wurde sie zu Zeiten des amerikanischen Goldrauschs im Jahr 1854. Der deutsche Bierbrauer Gottlieb Brekle wusste, dass Gold Digging im bisweilen heißen Kalifornien zu ordentlichem Durst führte und sorgte dafür, dass die Kehlen der Glücksritter niemals austrockneten. Die Anchor Brewery erlebte in der Folgezeit spannende Zeiten: Das prosperierende Unternehmen fiel dem großen Erdbeben von 1906 in San Francisco zum Opfer, wurde wieder aufgebaut, expandierte, musste während der Prohibition die Produktion komplett einstellen, wuchs danach weiter, wurde dann Ende der 50er Jahre zum Opfer der Biervermassung, Verramschung und Plörrisierung durch Giganten wie Anheuser-Busch und Budweiser. Für einige Zeit von der Bildfläche verschwunden, erhob sich Anchor wie ein Phönix aus der Asche als kleine, sehr feine Craft-Beer-Manufaktur, nur der Tradition und vor allem der Qualität verpflichtet.

Der amerikanischen Geschichte fühlen sich die Brauer, die sich selbst erfolgreich durch historische Wirren schlagen konnten, auch bei der Namensgebung ihrer Produkte verpflichtet. Das Liberty Ale, das seit 1975 gebraut wird, entstand anlässlich des 200-jährigen Jubiläums des legendären Mitternachtsritts des amerikanischen Unabhängigkeitskämpfers Paul Revere. Der Silberschmied Revere ritt 1775 in der Nacht zum 18. April 19 Meilen von Boston nach Cambridge, um die Bewohner vor den herannahenden Briten zu warnen. Die Revolutionäre konnten sich gegen die Kolonialherren wappnen und erfolgreich verteidigen – der Anfang der Staatswerdung der USA.

Bei so viel Historie darf der Biergeschmack nicht unerwähnt bleiben, und tatsächlich ist der kleinen Brauerei hierbei ein riesiger Wurf gelungen. Der Geruch des bernsteinfarbenen Getränks erinnert sehr stark an Zitrusfrüchte wie Bergamotte und Grapefruit. Dann folgt die (positive) Überraschung: Im Antrunk nimmt der Gaumen Karamell- und Sahnenoten wahr, die überraschen und sich dann mit den Fruchtnoten vereinigen; das Ganze mundet in einem harmonischen Abgang, der dank der dominanten Hopfennote mit angenehmer Bitterkeit noch lange anhält.

Fazit: Den Handwerkern von der West Coast ist ein Meisterwerk gelungen, das sich der legendären historischen Taten der Vorfahren von der East Coast als würdig erweist. Anchor Liberty Ale ist ein Bier, in dem sich Geschmack und Historie zu einer atemberaubenden Melange verdichten. Cheers!

Zutaten: Wasser, Gerstenmalz, Hopfen, Hefe
Alkoholgehalt: 5,9 %