Interview mit Aegonia (Elitsa)

Aegonia-Interview
Wie aus dem Nichts erschien die bulgarische Band Aegonia ganz plötzlich auf der Bühne des internationalen Metal-Geschehens, ihr Debüt „The Forgotten Song“ im Gepäck. Und dieses Stück Musik, welches viele Jahre zur aktuellen, endgültigen Reife benötigte, kann ohne Übertreibung als ein echtes akustisches Juwel angesehen werden. Zumindest, wenn man gewillt ist, sich auf eine phantasievolle, die Grenzen der bekannten musikalischen Metal-Genres überschreitende Reise in ein magisches Reich aufzumachen. Um eine etwas genauere Vorstellung von den sich hinter den Kulissen abspielenden Vorkommnissen zu bekommen, haben wir uns mit Elitsa, der ersten Stimme und Violistin von Aegonia, kurzgeschlossen.

Sei mir aufs Herzlichste gegrüßt Elitsa! Ihr habt euch bereits 2011 unter dem Namen Aegonia zu einer Band formiert, doch erst in diesem Jahr das erste Album veröffentlicht. Da liegen ja fast acht ganze Jahre dazwischen. Was ist in dieser langen Zeitspanne passiert? Gab es da Wechsel im Line-Up oder Ähnliches? Berichte bitte…

Ja, wir haben uns 2011 gegründet. Zuerst waren es nur Niki (Gesang, Gitarre, Kaval) und ich. Wir haben recht schnell zwölf Songs für ein Album geschrieben und beschlossen, sie zu unserem eigenen Vergnügen aufzunehmen. Und wir wollten von Anfang an alles selbst machen, sogar das Mischen und Mastern. Doch als wir anfingen die Songs aufzunehmen, waren wir mit dem Ergebnis sehr unzufrieden. Wir mussten feststellen, dass wir noch viel lernen müssen, damit unsere Songs wirklich gut klingen. Wir mussten bessere Sänger und Instrumentalisten werden, wir mussten viel über das Komponieren und Arrangieren, Aufnehmen, Mischen und Mastern lernen. Und so haben wir es auch gemacht – wir haben angefangen zu lernen und zu experimentieren, wir haben immer wieder aufgenommen. Wir haben beschlossen, das Album erst dann zu veröffentlichen, wenn wir mit dem Ergebnis vollauf zufrieden sind, auch wenn es Jahre dauern sollte.

Während wir an „The Forgotten Song“ arbeiteten, gab es keine Änderungen hinsichtlich der Besetzung. Der Bass wird von Atanas Georgiev und das Schlagzeug von Rosen Paskulov gespielt.

Dieses Jahr haben wir endlich entschieden, dass das Album gut genug klingt. Wir denken zwar immer noch, dass es besser gespielt und gemischt werden kann, aber wir sind der Meinung, dass wir an diesem Punkt unseres Lebens das Beste, wozu wir in der Lage sind, getan haben, und dass es an der Zeit ist, weiterzumachen.

Thematisch greift Ihr die Fantasy-Novelle von Nea Stand, nach der Ihr Euch auch benannt habt, auf. Ich habe im weltweiten Netz danach Ausschau gehalten, konnte aber nirgends auch nur die kleinsten Hinweise oder Informationen zu dieser Vorlage finden. Was ist das für ein geheimnisvolles Buch und wovon handelt eigentlich „The Forgotten Song“? Vielleicht kannst Du hier kurz den groben Handlungsstrang wiedergeben?

Nea Stand ist mein Pseudonym als Autorin. Als Niki und ich Aegonia gründeten, begannen wir mit kurzen Improvisationen auf Gitarre und Violine. Dann fügten wir Gesangslinien und Texte hinzu, die im Allgemeinen ebenfalls aus dem Stegreif entstanden sind. Dabei stellten wir schnell fest, dass die Texte irgendwie miteinander verbunden waren und uns eine Fantasy-Geschichte erzählten. Ich war so aufgeregt über diese Entdeckung, dass ich die ganze Zeit darüber nachdenken musste. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, diese Geschichte als ein Fantasy-Roman niederzuschreiben. Der Schreibprozess führte zu noch mehr Musik, und die Musik zu neuen Ideen und weiterer Ausarbeitung der Geschichte. Und jedes neue Lied, das wir geschrieben haben, war wie ein weiteres Puzzle-Teil eines gesamtheitlichen Gebildes, das wir später „The Forgotten Song“ nannten.

Ein Lied stellt die größte Macht eines Zauberers in der Welt von Aegonia dar. Unser erstes Album und Roman erzählen die Geschichte von Endoriels vergessenem Lied. Dadurch liest sich der Roman vielleicht auch ein wenig wie eine Erzählung oder einer Legende. Endoriel ist eine mächtige Zauberin und Königin der alten Festung von Aegonia. Eines Tages wird sie von einem anderen Zauberer angegriffen – Varkhagor – der fest entschlossen ist, Aegonia zu erobern. Dieser erkennt jedoch schnell, dass Endoriels Macht der seinen in nichts nachsteht, so dass er sich schon etwas Besonderes einfallen lassen muss, um sie besiegen zu können. So ersinnt er einen Plan, mit dem er ihr Lied zu stehlen gedenkt…

Als wir „The Forgotten Song“ fertiggestellt hatten, mussten wir realisieren, dass dies noch nicht das Ende der Geschichte war, also schrieb ich weiter. Wir nannten unsere Fantasy-Serie „Tales from the Lands of Aegonia”. „The Forgotten Song“ sowie auch das zweite Buch „The River of Memories“ haben wir bereits in bulgarischer Sprache veröffentlicht. Ich arbeite gerade am dritten Buch und wir haben auch schon einige, darauf basierende Songs. Zum zweiten Buch gibt es kein Liedmaterial, wahrscheinlich, weil es eine Vorgeschichte zu „The Forgotten Song“ ist. Wir haben dies nicht bewusst so gestaltet, denn das gesamte Projekt entwickelt sich wie von selbst. Für uns ist dies ein sehr magischer, natürlicher und intuitiver Prozess.

„The Forgotten Song“ wurde bereits ins Englische übersetzt und wird in Kürze als E-Book erhältlich sein.

Das klingt natürlich alles sehr spannend und magisch, und dass die Buchvorlage irgendetwas Magisches an sich hat, das kann man schon anhand Eurer Musik heraushören, die ebenfalls eine gewisse Magie versprüht, gleichzeitig aber auch nur schwer einem der gängigen Musik-Genres zuzuordnen ist. Wie würdet Ihr selbst Eure Musik bezeichnen? Folkiger Gothic Metal? Wäre das vielleicht passend? Fakt ist aber, dass sie auf jeden Fall sehr einzigartig ist. Und auch stark gefühlsbetont, und zwar in der Art, wie es heute nur noch selten anzutreffen ist.

Selbst uns fällt es schwer, unser Genre zu definieren. Wir entwickeln unsere Musik in zwei Richtungen: Die eine ist Doom sowie Gothic Metal und die andere Folklore.

Unsere in bulgarischer Sprache verfassten Songs, „The Maid and the Mountain“ und „Samodiva“, klingen ziemlich authentisch nach richtigen bulgarischen Folkloreliedern. Einige Leute denken sogar, dass es sich dabei um traditionelle Lieder handelt, die von uns neu für den Metal interpretiert worden sind, doch in Wirklichkeit haben wir sie geschrieben. Niki und ich, wir mochten schon immer Volksmusik aus der ganzen Welt wie auch aus Bulgarien. Wir haben sogar zwei Jahre in einem traditionellen Orchester für authentische Musik gespielt. Dies beeinflusste uns stark und hat uns dazu inspiriert, diese Lieder zu komponieren.

Andererseits, als ich zum ersten Mal Melodic Death/Doom Metal hörte, habe ich mich in diesen Musikstil verliebt, und das gilt auch für Niki. Normalerweise hören wir Bands wie Trees of Eternity, Charm Designer, Katatonia, Insomnium, Draconian, Novembers Doom usw. Ich mag Musik mit magischer Atmosphäre, wie Tiamats „Wildhoney“ beispielsweise. Wir kombinieren all diese Dinge, die uns gefallen, und das Ergebnis kann auf unserem Album gehört werden. Als wir die Stücke für „The Forgotten Song“ komponiert haben, machten wir uns keine Gedanken über deren Längen, noch ob sie modern klingen oder nicht. Das was wir mögen und so wie wir spielen, das ist in unsere Arbeit eingeflossen. Ich hoffe, dass wir die zukünftigen Songs weiterhin auf so befreiende und magische Art und Weise werden schreiben können.

Für das nächste Album werdet Ihr aber hoffentlich nicht wieder acht volle Jahre brauchen, oder? Und Ihr werdet primär bei der Fantasy-Thematik verweilen, oder habt Ihr noch irgendwelche anderen Pläne für die Zukunft? Mit den sehr aufwendig gestalteten Videos zu den bereits erwähnten folkloristischen Songs „The Maid and the Mountain“ oder „Samodiva“ habt Ihr ja schon weiteres, sehr starkes Material im Repertoire, das Euch zwar von einer etwas anderen, aber nicht minder beeindruckenden Seite zeigt. Wird dazu auch bald eine Art Folk-Konzeptalbum oder etwas in der Richtung folgen?

Aus dem Entstehungsprozess von „The Forgotten Song“ haben wir viel gelernt, so dass ich denke, dass in Zukunft alles viel einfacher, reibungsloser und schneller ablaufen wird. Unsere neueste Veröffentlichung „Samodiva“, die mit dem Schlagzeuger Ivan Kolev aufgenommen wurde, war bereits viel einfacher zu realisieren.

Ich denke, auch zukünftig werden wir gelegentlich Folklore-Songs schreiben, aber unser nächstes Album wird weiterhin die Doom/Gothic-Ausrichtung beibehalten. Es wird, wie schon angedeutet, wieder auf unseren Fantasy-Romanen basierendes Konzeptalbum sein. Drei Songs sind bereits fertig und können schon aufgenommen werden. Wir werden sie wahrscheinlich als Singles veröffentlichen und auch Videos von einigen von ihnen drehen. Jetzt, da wir „The Forgotten Song“ endlich fertiggestellt haben, können wir es kaum erwarten, neue Musik zu machen. Und ich möchte auch noch das dritte Buch aus unserer Fantasy-Serie vervollständigen. Ich glaube, dass das Schreiben in diesem magischen Prozess sehr hilfreich für unsere nächsten Songs sein wird.

Mich wundert, dass Ihr trotz der hohen musikalischen Qualität bis jetzt so recht unbekannt geblieben seid. War es für Eure Musik vielleicht schwierig die Grenzen Eures Heimatlandes Bulgarien zu verlassen? Wie sieht es in Bulgarien im Allgemeinen für Musiker Eures Schlages aus? Schwieriges Pflaster? Oder hat sich so lange einfach nichts für Euch ergeben?

Für uns persönlich ist es sehr schwierig, da keiner von uns ein Händchen für die notwendige Promotion hat und wir auch keine Erfahrung sowie PR- oder Medienkontakte haben. Auf lokaler Ebene entwickeln sich die Dinge langsam in eine gute Richtung für unsere Band, da wir nun Personen wie z. B. Christina Dencheva, die uns mit der Organisation von Veranstaltungen zwecks Promotion unserer Musik und unserer Romane helfen wird, getroffen haben. Außerdem sind wir sehr froh, dass wir jetzt mit Markus von METALMESSAGE zusammenarbeiten, der einen großartigen Job für Aegonia macht.

Viele der Videos zu Euren Songs zeigen Euch auch oft bei Live-Auftritten. Wie stark seid Ihr da eingespannt? Ihr scheint ja viel unterwegs zu sein. Und gibt es irgendwelche Hoffnungen Euch bald live in Deutschland erleben zu können? Kann evtl. schon irgendetwas diesbezüglich bestätigt werden?

Wir lieben es live zu spielen. Eine Live-Performance entfesselt starke Energien wie eine unbändige Kraft. Wir haben dieses Jahr in mehreren Klubs und auf einigen Festivals in Bulgarien gespielt, nachdem wir „The Forgotten Song“ veröffentlicht haben. Leider sind vorerst keine Auslandstermine geplant, aber wir werden uns sehr freuen, wenn wir in Zukunft die Möglichkeit bekämen, in Deutschland und anderen Ländern auftreten zu können.

Ich danke Dir für Deine Zeit und Eure Musik! Sollte Dir noch irgendetwas auf dem Herzen liegen, so raus damit! Wünsche Euch das allerbeste für die Zukunft!

Vielen Dank für dieses Interview und die interessanten Fragen. Ebenso vielen Dank an alle, die sich die Zeit genommen haben, diese Zeilen zu lesen. Keep supporting the underground!