Interview mit Alastor (Rambeer)

Alastor
Mit der Split-Veröffentlichung „The Forbidden Fruit of Purity“ sowie ihrem Album „Waldmark“ haben uns die Österreicher von Alastor auf Anhieb von sich und ihren Stärken des nordisch angehauchten, im Kern jedoch sehr eigenwilligen Black Metals überzeugt. Und da es nun wieder laut im Dickicht des Böhmerwaldes raschelt, wurde unsere stets blubbernde Neugier erneut geweckt, weshalb wir kurzerhand beschlossen, Rambeer, den primären Lenker der Alastor-Meute, zum aktuellen Stand der Dinge, aber auch vergangenen Sachverhalten zu befragen.

Rambeer! Sei mir gegrüßt! Alastor existiert bereits seit 1996 – also schon über 20 Jahre – und steht, wie man überall lesen kann, für einen nordisch angehauchten Black Metal. Doch gilt das immer noch? Spätestens seit dem Album „Waldmark“ ist Eure Musik nicht nur thematisch sondern auch musikalisch deutlich erkennbar vom Lokalkolorit geprägt. Würdest Du in Eurer Diskographie überhaupt irgendeine Trennlinie ziehen wollen?

Ich für meinen Teil habe eine genaue Vorstellung davon, wie meine Musik klingen soll. Ich meine, wenn ich, unabhängig davon, ob ich schon etwas komponiert habe oder nicht, vor der Wahl, wie sich meine Musik anhören soll, stünde, dann sollte sie wie norwegischer Black Metal klingen. Im Grunde ist es ein Nacheifern der persönlichen Favoriten. Irgendwann findet man im Songwriting Details, von denen man zu hundert Prozent überzeugt ist, Details, welche man im Verlauf der Zeit immer wieder heranzieht. Ab diesem Zeitpunkt entwickelt sich dann ein mehr oder weniger eigener Stil. Nun gut, thematisch hat Alastor zwar nichts mit dem norwegischen Black Metal zu tun, sinngemäß allerdings schon, nämlich die Verherrlichung der regionalen, umgebenden Natur und Landschaften. Musikalisch gehen da die Meinungen jedoch auseinander. Außenstehende Meinungen sind sich aber sowieso meistens uneins. Aber egal, was es nun tatsächlich ist, für mich ist es meine eigene Interpretation des norwegischen Black Metals.

Eine Trennlinie kann man schon ungefähr ziehen. Zeitlich gesehen liegt sie beim Song „Ravenclaw“ von der Split mit Tundra. Als ich diesen Song fertig hatte, sollten alle nachfolgenden Songs so klingen wie dieser. Wie gut mir das gelungen ist, das kannst Du vielleicht besser beurteilen.

Ja, das kann ich in der Tat sehr gut beurteilen bzw. habe es bereits mit meiner Rezi zu „The Forbidden Fruit of Purity“, die in der ersten Print-Ausgabe von Waldhalla abgedruckt worden ist, gemacht. Eure fünf Songs dieser Split-Veröffentlichung halte ich für so ziemlich das Stärkste, was man im Black Metal finden kann. Es ist, wie ich geschrieben hab, definitiv das beste Zeug, das Ihr abgeliefert habt, so dass diese Scheibe immer wieder von mir rausgekramt und in den Player eingelegt wird. Wenn man aber zu den Anfängen Eurer Diskographie geht, trifft man auf so Titel, die auf eine etwas andere musikalische Ausrichtung schließen lassen könnten. Wenn ich mir z. B. „Graveyard Desecration“ vor Augen führe, würde ich Euch eher in der Death-Metal-Ecke vermuten, während ich in Bezug auf die EP „Anal Cult“ und vor allem auf das sehr fragwürdige Cover dieses Werkes sehr unschlüssig bin. Welche Absichten habt Ihr damit verfolgt? Zu Verherrlichung von Landschaft und Natur will dies nämlich so gar nicht ins Bild passen, finde ich.

Die Kompositionen vor „Ravenclaw“ enthalten auch bestimmte Death- und Thrash-Metal-Elemente, etwas, was mir grundsätzlich gefällt, aber nicht der Vorstellung meines Stils entspricht. Seit dem Song „Ravenclaw“ wurden diese Elemente nun aber fast zur Gänze eliminiert. Fairerweise muss ich an dieser Stelle auch anführen, dass auf unserem ersten Full-Length-Album „Silva Nordica“ nicht wirklich viele „stilfremden“ Elemente verarbeitet worden sind. Für meinen Geschmack ist es auch ein sehr gelungenes Black-Metal-Album.

Das Cover von „Anal Cult“ ist schlichtweg den wilden Anfangstagen geschuldet, die einfach noch stark von der Phase der Stilfindung geprägt waren.

Aus Erfahrungen, egal ob positiver oder negativer Art, lernt man auch am besten und effektivsten, nicht wahr? Ich nehme an, dass das alte, mit dem klischeebehafteten Antikreuz versehene Bandlogo ebenfalls im Zuge der Selbstfindung weichen musste, oder? Mit Satanismus und Co. habt Ihr ja auch nichts am Hut, so wie ich das sehe. Oder habt Ihr Euch kurzzeitig in dieser Ecke gesehen? Nun ja, das aktuelle Logo sieht jetzt, nun ja, recht steril aus. Erinnert mich z. B. an Immortal, die ihr verschnörkeltes ebenfalls durch ein sehr sauber lesbares ausgetauscht haben. Kann man hier evtl. eine gewisse, unbewusste Parallele ziehen?

In den ersten Jahren haben wir uns schon in dieser satanischen Black-Metal-Ecke gesehen. Aber mit der Zeit lernt man neue Faszinationen kennen. Wie zum Beispiel dieser riesige, beeindruckende Böhmerwald mit seinen Sagen, Mythen und klirrend kalten Wintern. Über die Religion bzw. den Glauben kann man sehr lange nachdenken. Man kommt aber oft zu dem Schluss, dass es dem ganzen an Realität fehlt. Es heißt, dass der Glaube Berge versetzen kann. Ich würde eher sagen, eine positive Gesinnung bzw. Einstellung ist dazu vielmehr imstande.

Parallelen zu Immortal findet man bei uns öfters. Die Norweger haben dieses grandiose Zweitwerk erschaffen. Solche Riffs zu kreieren, das wünschen sich sicherlich viele. Von der Entwicklung her gibt es auch entsprechende Parallelen, nur dass stilistisch bei uns eine etwas andere Richtung angepeilt wurde. Immortal haben sich bekanntlich immer mehr dem Thrash Metal angenähert, wie etwa bei „Damned in Black“ zu hören. Gut, dass Demonaz wieder auf Kurs ist, wobei die neuen Riffs nicht die Klasse von „Pure Holocaust“ haben. Vielleicht war jedoch Abbath der damalige Meisterschmied dieser Riffs.

Wird das Alastor-Logo evtl. noch einmal angepackt und geändert? Vielleicht dahingehend, dass die starke Natur- und Heimatverbundenheit darin zum Ausdruck kommt? Oder bist Du bereits, was Alastor angeht, an Deinem persönlichen Ziel angekommen, Rambeer?

Das Logo speziell ist mir nicht so wichtig. Aber die Frage ist ein guter Ansporn, das Design zu überdenken.

Stilistisch bin ich am Ziel angekommen, allerdings ist es noch immer eine Herausforderung, den perfekten Song zu schreiben. Gibt es schon überhaupt einen echten Hit im Black Metal?

Hat „Pure Holocaust“ nicht genug Hits zu bieten? Jeder einzelne Song dieses Albums trifft doch mitten ins Gesicht. Wenn man im Black Metal von Hits spricht, dann muss man das wohl wörtlich nehmen, haha… Zudem erhebt der Black Metal keinen Anspruch, Hits, wie sie beispielsweise in der glamourösen Pop-Musik zelebriert werden, zu erschaffen. Alle, die das versuchen, verlieren dabei ihre Seele, leider an Mammon und nicht an den Teufel, und werden auf kurz oder lang als untrue abgestempelt. Gib also gut Acht! Ich hoffe, dass Du auch nicht deswegen als einziger, als die letzte feste Konstante bei Alastor übriggeblieben bist. Mitstreiter verloren? Lag es vielleicht an der Neuausrichtung? Oder was ist passiert?

Bei dem Begriff „Hit“ denke ich schon mehr an etwas mainstreamtaugliches. Im Black Metal ist das aber halt sehr widersprüchlich…

Mit Bandkollegen ist das so eine Sache. In der Vergangenheit gab es schon öfters ein Line-Up, mit dem man zufrieden war, doch über die Jahre verändern sich Menschen, und aus verschiedenen Gründen kommt man dann eben nicht mehr zusammen. Differenzen gibt es immer, es braucht ein gewisses Maß an Toleranz, um in einer Band längerfristig agieren zu können. Ich muss aber gestehen, dass ich mit dem Alter eher weniger kompromissbereit geworden bin, was heißt, dass ich weniger als früher bereit bin, über die musikalische Ausrichtung oder über das Songwriting diskutieren zu wollen.

Du folgst also Deiner eigenen festen Vision, die für Dich immer mehr unverrückbar wird? Auf dem kommenden Album wird man sich sicherlich ein gutes Hörbild davon machen können, nicht wahr? Erzähle uns aber etwas über die Šumava-Region, nach der das Album auch betitelt sein wird. Was genau fasziniert Dich so sehr daran? Was muss man sich hier konkret vorstellen? Wo sind die markanten Unterschiede zu anderen Wäldern zum Beispiel? Und magst bzw. möchtest Du hier Deine stilistischen Merkmale vielleicht etwas näher beschreiben?

Der Böhmerwald ist einer der größten zusammenhängenden Waldgebiete in Europa. Er ist erdgeschichtlich gesehen dem Variszikum angehörig und ist somit viel älter als zum Beispiel die Alpen. Die Berggipfel sind stark erodiert und höchstens 1500 Meter hoch. Obwohl ich unzählige Male dort war, entdeckt man immer noch unbekannte Regionen. Am liebsten verweile ich da an kalten Wintertagen, beeindruckt von der endlosen Einsamkeit. Durch die Größe kann man auch weit genug eindringen, so dass man die zivilisierte Welt vergessen und sich in alte Sagen und Mythen hineinversetzen kann. In den Sagen wird auch oft vom Gehörnten berichtet, der in den Wäldern sein Unwesen treibt. Zu diesen Bildern komponiere ich meine Songs. Das Ziel ist, eine Harmonie zwischen diesen Bildern und der Musik zu erschaffen. Die Musik soll dramatisch, unheimlich, mysteriös klingen. Das sind Schlagwörter, welche diese Szenarien für mich beschreiben.

„Šumava“ wird somit eine konsequente Fortführung von „Waldmark“ sein? Oder wird sich das neue Album vielleicht noch durch irgendetwas Spezielles von den bisherigen Alastor-Werken abheben?

Richtig, es ist eine Fortführung von „Waldmark“. Die Songs sind allerdings noch homogener und stiltreuer ausgefallen. Manche Tracks/Passagen haben tatsächlich die Fähigkeit, einem in die verschneiten Waldsamkeiten zu versetzen. Beim Vorgänger war ich der Meinung, es sei das bisherige Meisterwerk von Alastor. „Šumava“ gefällt mir noch eine Ecke besser, was zum Teil auch an den genialen Vocals liegt. Ich bin mit dem Endergebnis überaus zufrieden und schon auf die Meinungen zu dem Album sehr gespannt.

Welche Sagengestalten kann man denn noch, vom Gehörnten mal abgesehen, auf den Wanderungen im Böhmerwald antreffen? Da gibt es auch Überschneidungen zu Tschechien, nehme ich an? Und hast Du die Wege vieler Tiere auf Deinen Wanderungen gekreuzt? Fühlst Du Dich evtl. mit einem bestimmten Tier seelenverwandt, wenn man es so fragen darf?

Abgesehen vom Gehörnten wären das Hexen, Wahrsager, Bauersleut, Hinterwäldler usw. Die tschechischen Geschichten sind mir leider nicht geläufig. Wahrscheinlich, weil ich der Sprache nicht Herr bin.

Im Böhmerwald wurden ein paar Seltenheiten wie etwa Luchs, Bär oder Wolf wieder angesiedelt. Sogar von Elchen war die Rede. Ich würde mal einen Luchs gerne antreffen. Ein ehrwürdiges Antlitz, welches dieses Wesen besitzt. Von Seelenverwandtschaft kann ich jedoch nicht sprechen, es ist mehr Respekt, Bewunderung…

Klingt irgendwie so, als ob Du dem Luchs mal ein Lied würdest widmen wollen. Kann mir sowas zumindest sehr gut in meinen Gedanken ausmalen… Und auch wenn Du Dich mit den tschechischen Geschichten nicht auskennst, mit dem tschechischen Bier aber bestimmt ganz gut, oder? Welcher Gerstentrunk kommt immer in Dein Reisegepäck? Kannst Du uns grünen Trunkbolden was Besonderes empfehlen?

Bayern ist ähnlich weit entfernt wie Tschechien. Ich bevorzuge deren Weißbierköstlichkeiten wie beispielsweise das „Schneider Weisse“. Das tschechische Bier ist schwächer, dafür kann man mehr davon trinken. Bei den Bayern ist man dagegen bald unterm Tisch…

Du bist also mehr der bodenständigere Typ, der schon gerne mal unterm Tisch ein kleines Nickerchen hält? Haha… Aber Ernst… äh… Spaß beiseite. Eine felsenfeste Bodenständigkeit kann man Dir definitiv nicht abstreiten. Du hältst eisern an Deinem musikalischen Vorhaben fest, unabhängig davon wie es von der Öffentlichkeit aufgenommen wird, egal ob es anderen gefällt oder nicht, würde ich mal behaupten. Siehst Du Dich selber auch so? Und irgendwelche Ambitionen wie auf Teufel komm raus groß herauskommen zu wollen, scheinen Dich wohl auch nicht zu tangieren, oder? Vom Boden abheben und über den Dingen zu schweben, wäre das überhaupt was für Dich?

Das ist vollkommen richtig. Ich stehe auf Stiltreue. Man soll eine Band unter einem bestimmten Namen von Album zu Album wieder erkennen können. Bei AC/DC ist das jahrzehntelang der Fall. Ein gegenteiliges Beispiel sind z. B. die Niederländer von Pestilence. „Testimony of the Ancients“ und „Spheres“ sind so ziemlich anders als die Vorgänger-Alben. In so einem Fall wäre ich für einen anderen Bandnamen.

Diese Art von Musik, der klassische Black Metal, ist nicht mehr so angesagt wie in den Neunzigern. Ich glaube nicht, dass man damit erfolgreich sein kann, speziell in der jetzigen Zeit. Aber ja, es ist mir egal, ob es jemandem gefällt oder eben auch nicht. Ein positives Feedback habe ich bereits erhalten. Von daher: No need for more!

Mit der Einstellung bist Du zumindest definitiv auf dem richtigen Kurs zum persönlichen Glück, welches nie und nimmer mit Geld erreicht werden kann. Rambeer, ich danke Dir für dieses wahrhaft aufschlussreiche Gespräch! Für die Zukunft alles Gute und weiterhin viele spannende Wanderungen und Erlebnisse im Böhmerwald. Stay true and natural!

Ich danke Dir für das anregende Gespräch! Ein Gruß geht auch an alle Leser! Das neue Album „Šumava“ wird im Herbst als limitierte LP inklusive Poster über Schattenpfade erscheinen. Stay heavy!