Interview mit Festung Nebelburg (Nattulv)

Festung Nebelburg Interview
Manchen Ohrwürmen läuft man völlig zufällig über den Weg: Als mir vor ein paar Wochen das Album „Zwischen den Jahren“ des Ein-Mann-Projektes Festung Nebelburg mit der Bitte „da mal reinzuhören“ vorgelegt wurde, ahnte ich noch gar nicht, wie gut mir das gefallen würde. Wer meine Rezension gelesen hat, wird bemerkt haben, dass ich begeistert von der wahrlich interessanten musikalischen Mischung war. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass sich Nattulv – der Kopf hinter Festung Nebelburg – auch zu einem kleinen Interview bereit erklärte.

Hallo Nattulv! Schön Dich hier im Gespräch zu haben. Mal eines ganz ehrlich vorweg, weil ich mich das schon die ganze Zeit frage: Ist das nicht eine ganz schöne Herausforderung, die Arbeit, die sonst eine ganze Band unter sich aufteilt, als Solokünstler im Alleingang zu erledigen?

Grüß Euch, werte Waldhalla-Mannen. Also, meine Erfahrung bisher ist, dass in „normalen“ Bands meist auch nur ein bis zwei Kreativköpfe vorhanden sind, die neues Material schreiben. Der Rest spielt einfach mit. Demzufolge empfinde ich es persönlich als nicht besonders herausfordernd, die Lieder allein zu schreiben. Schließlich unterliege ich keinerlei zeitlichem Druck und muss mich auch mit niemandem großartig abstimmen.

Was reizt Dich besonders an der Arbeit alleine? Kann man dabei kreativer sein? Oder geht es mehr darum eine Vision zu verwirklichen? Vielleicht auch, ohne dass man sich mit anderen über etwas einig sein muss.

In meinem Fall realisiere ich definitiv meine Visionen, wie ich bestimmte thematische Konzepte lyrisch und musikalisch umsetzen will. Für Festung Nebelburg gibt es bei beiden Alben einen thematischen Rahmen – seien es nun die Sagenwelt des Bayerischen Waldes oder die Rauhnächte. So werde ich es auch in Zukunft handhaben. In meinem Kopf gibt es bestimmte Vorstellungen, wie ein Thema klingen soll. Diese Vision versuche ich dann bestmöglich umzusetzen. Das Soloprojekt gibt mir die Möglichkeit, in Ruhe zu arbeiten, die Sagen auf mich wirken zu lassen, an Riffs stundenlang herumzuprobieren und letztendlich alles so zu gestalten, wie ich es mir vorgestellt habe. Festung Nebelburg ist nicht das Ergebnis eines Kompromisses, sondern der Ausdruck meines ganz eigenen Geschmacks und Empfindens. Daher werden auch bei Plattenkritiken immer besonders positive als auch sehr negative Resultate in Bezug auf Festung Nebelburg entstehen. Ein Kompromiss könnte vielleicht mehr Leuten gefallen, wird aber niemals für dieses Projekt in Betracht kommen. Dafür ist es zu sehr eine Herzensangelegenheit.

Wird Festung Nebelburg immer ein Soloprojekt bleiben oder planst Du in Zukunft auch andere Musiker mit an Bord zu nehmen?

Festung Nebelburg wird ein Soloprojekt bleiben. Sollte ich mich jedoch entschließen, damit doch irgendwann live aufzutreten, werde ich natürlich für die Auftritte einige Mitmusiker brauchen.

Nattulv 02

Ich muss ehrlich gestehen, dass mich „Zwischen den Jahren“ auf eine ganz besondere Art und Weise fasziniert hat. Ich finde, man bekommt bei dem Album etwas geboten, was man so nicht erwartet hat. In der Rezension bezeichnete ich den Stil als durchaus mutig – war es das, was du geplant hast? Mal etwas anderes auszuprobieren und überraschen? Mutig sein?

Wie ich bereits gesagt habe: Es gibt bei Festung Nebelburg keine Kompromisse, um gegebenenfalls mehr Leuten zu gefallen. In erster Linie mache ich die Musik, weil ich mich damit ausdrücken möchte. Sie klingt wie sie klingt, weil ich mit den Liedern musikalisch festhalte, wie die zugrunde liegenden Sagen emotional auf mich wirken. Ich denke, die Musik klingt eben „anders“ als der Durchschnitt, weil sie von Erwartungen anderer Leute losgelöst ist. Das war auch schon beim Debütalbum „Gabreta Hyle“ der Fall. Aber natürlich freut es mich, dass auch die neue Scheibe insgesamt gut ankommt. Das zeigt mir, dass das Projekt auf dem richtigen Weg und das Festhalten an Eigenständigkeit gerade in diesem Musikbereich wichtig ist.

Was mich sowohl fasziniert als auch begeistert hat, ist die Fülle an Kontrasten, die Dein neuestes Werk bietet. Zum einen dieser Black/Pagan Metal, der sich wunderbar mit Rock vermischt (bei Bandcamp bezeichnest Du selber den Stil als „Black ’n‘ Roll“). Und zum anderen ging es zumindest mir so, dass ich bei dem Thema des Albums eher etwas Düsteres, vielleicht auch Schweres im Sinn hatte. Stattdessen geht „Zwischen den Jahren“ erstaunlich locker ins Ohr. Wolltest Du hier tatsächlich ein Kontrastprogramm abliefern oder überinterpretiere ich da was?

Da muss ich Dich enttäuschen. Ich habe nie einen besonderen Kontrast eingeplant. Auch wenn ich in Plattenkritiken sowohl von zu harter als auch zu fröhlicher Musik bezüglich des Themas Rauhnacht gelesen habe, finde ich, dass es die Stimmung der Rauhnächte ziemlich genau trifft. Vielleicht ist diese Irritation aber auch dem Umstand geschuldet, dass nicht alle Hörer aus Süddeutschland oder Österreich stammen und daher noch keine wirkliche Berührung mit Rauhnachtsbräuchen hatten. Denn die Rauhnächte sind nicht nur „böse“ und düster, sondern beinhalten für die Menschen auch zahlreiche positive Aspekte. Aus diesem Grund denke ich, dass die Präsenz von düsteren sowie etwas beschwingteren Elementen auf dem Album durchaus gerechtfertigt ist. Geplant war das aber in dem Sinne nicht. Es ist lediglich ein Ausdruck der unterschiedlichen Nuancen der Zwölfenzeit.

Wenn man sich das Vorgängeralbum „Gabreta Hyle“ anhört, stellt man schnell fest, dass zwar etliche Elemente ihren Weg auf das neue Album gefunden haben, der Vorgänger aber eine Spur härter klingt. Wie kam es dazu, dass du bei „Zwischen den Jahren“ eher auf die rockige Richtung abzielst?

Tja, ich werde älter und habe nicht mehr so viel Feuer, hehe. Nein, Spaß beiseite. Ich habe einfach die Musik so geschrieben, wie ich Lust darauf hatte. Erklären kann man das nicht. Wer weiß, vielleicht wird die nächste Veröffentlichung ja auch ein einziges Geknüppel.

Ich bin wahrscheinlich nicht der Erste, der bei „Zwischen den Jahren“ eine Spur Deutschrock rausgehört hat. War das beabsichtigt, oder ist das eher eine Stilrichtung, mit der Du im Grunde gar nicht verglichen werden willst?

Mir persönlich ist das nicht wichtig, wie man das definiert. Das ist eben der Einfluss meiner Jugend, in der ich musikalisch stark geprägt wurde. Ich würde es wohl weiterhin diese „Prise Punkrock“ nennen, die ich in meine Musik automatisch reinmische. Wer sich mal ältere Aufnahmen von den Dropkick Murphys oder Bands wie die Street Dogs oder auch Fliehende Stürme anhört, der wird wissen, was ich meine.

Mal abgesehen davon, dass Du aus Bayern stammst: Wie kam es dazu, dass Du einen Song im bayerischen Dialekt auf das Album gebracht hast? Nebenbei bemerkt finde ich das übrigens echt klasse! So etwas findet man viel zu selten.

Nun ja, Bayerisch ist eben die Sprache, mit der ich aufgewachsen bin. Und die Rauhnachtstraditionen entstammen Gegenden, wo hauptsächlich Bayerisch gesprochen wird. Weil das Projekt ja auf sehr persönlichen Eindrücken basiert, kam dann eins zum anderen. Ich fand es sehr passend, ein bayerisches Lied mit auf die Platte zu packen.

Zwischen Deinem Debütalbum „Gabreta Hyle“ aus dem Jahr 2007 und dem neuen Album liegen durchaus ein paar Jährchen. Würdest Du von Dir behaupten, dass Du Dich seitdem musikalisch weiterentwickelt hast? Und wenn ja, wie sieht diese Weiterentwicklung Deiner Ansicht nach aus?

Also, wenn ich ehrlich bin… Ich glaube, sonderlich stark entwickelt habe ich mich seitdem nicht, hehe. Vielleicht ist aber die Überzeugung, nicht wie andere klingen zu müssen, noch weiter gewachsen. Mein Musikgeschmack ist zudem nicht viel anders als damals. Und ein Virtuose auf der Gitarre bin ich auch noch nicht geworden. Es bleibt also bei der Bodenständigkeit des Projekts und dabei, dass auch aus einem Bereich abseits der Hochglanzmagazine mal eine interessante Platte kommen kann.

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Bereits auf Deinem ersten Album hast Du Dich – wenn ich das nicht falsch verstanden habe – mit der Sagenwelt Bayerns beschäftigt. „Zwischen den Jahren“ geht nun ausführlich auf die Rauhnächte und ihre Mythen und Legenden ein. Ich gehe einfach mal davon aus, dass Dich die alte germanische und wohl auch nordische Sagenwelt allgemein interessiert, oder liege ich da falsch?

Also, um die komplette Sagenwelt Bayerns abzubilden, bräuchte es sicherlich mehr als ein einziges Soloprojekt. Auf „Gabreta Hyle“ habe ich einige Sagen vertont, die aus dem Bayerischen Wald kommen. Dies ist meine Heimatregion, die in Ostbayern im bayerisch-tschechischen Grenzgebiet liegt. Die germanische Mythologie interessiert mich sehr wohl. Sie ist aber in meinen Liedern kein Hauptbestandteil, sondern wirkt eher wie eine Erinnerung aus der Vergangenheit. Also etwas, was nicht mehr direkt sichtbar, aber dennoch vorhanden ist. Damit weisen die Lieder eine Parallele zur Sagenwelt auf, auf die ich mich beziehe. Auch dort wirkt die vorchristliche Vergangenheit oft nach, wird aber als solche nicht direkt thematisiert. Sie ist sozusagen unterbewusst präsent. Die Entstehungszeit der Sagen, die ich vertone, ist aber definitiv jünger als die Zeit der alten Germanen.

Gibt es da auch religiös bei Dir ein Interesse an den, wie man etwas plump sagt, „heidnischen Glaubensvorstellungen“?

Ja, gibt es. Religiosität klingt für mich immer etwas streng. Ich sehe das für mich ganz einfach als spirituelle Naturverbundenheit. Und die steht zumindest stellenweise einfach im starken Widerspruch zu den Praktiken und Ansätzen aktueller Weltreligionen.

Ich finde, sowohl musikalisch wie auch stimmlich gehört „Zwischen den Jahren“ auf die Bühne. Kann man bereits in den Genuss kommen Festung Nebelburg live zu erleben?

Bisher gibt es keine konkreten Planungen, aber ich hätte schon Lust mit Festung Nebelburg ein paar Auftritte im Jahr zu spielen.

Das wäre wirklich großartig. Ich würde mich freuen, Festung Nebelburg irgendwann mal auf der Bühne genießen zu können. Ebenso bin ich gespannt, wie es mit dem Projekt weitergeht. Ich wünsche Dir auf jeden Fall noch viel Erfolg und Spaß mit Festung Nebelburg und bedanke mich herzlich für den Einblick, welchen Du uns in Dein musikalisches Schaffen gewährt hast.

Ich bedanke mich bei Euch für die Möglichkeit, dass ich ein paar Worte zu Festung Nebelburg loswerden konnte. Die Idee für Euer Webzine finde ich große Klasse und wünsche Euch damit viel Erfolg. Und an die Leser: Danke für die Aufmerksamkeit, vielleicht hört ja der eine oder andere mal rein in mein Projekt.

(Fotos: © Festung Nebelburg)