Interview mit Summoning (Silenius & Protector)

Summoning Bandgespräch Frühjahr 2017
All diejenigen, die unser Bandgespräch mit Summoning in unserer ersten, mittlerweile vergriffenen Waldhalla-Print-Ausgabe verpasst haben, können dies nun hier nachholen. Aufgrund der Aktualität des neuen Summoning-Albums „With Doom We Come“, haben wir uns dazu entschlossen es jedem zur Verfügung zu stellen. Also ran an den Speck! Vielleicht erfährt der ein oder andere noch ein paar nette neue Details…

Summonings eigenwillige Musikergüsse sind spätestens seit der Veröffentlichung von „Minas Morgul“ nicht mehr wegzudenken. Alleine die Tatsache, dass die limitierten LPs innerhalb von nur wenigen Tagen komplett ausverkauft waren, CDs nach wie vor wie warme Semmeln weggehen und verstärkt immer neue Bands aus dem Boden sprießen, die Summoning als einen ihrer wichtigsten Einflüsse nennen, verdeutlicht, wie wichtig diese österreichische Ausnahmeband für die Metal-Szene war und es immer noch ist. Wir haben nun den zwanzigsten Jahrestag des dritten Albums „Dol Guldur“ zum Anlass genommen, um nach einer langen Zeit den beiden Masterminds etwas auf den orkischen Reißzahn zu fühlen.

Hallo Silenius, hallo Protector, wir sind überaus glücklich, dass Ihr der kleinen Fragestunde mit Waldhalla zugestimmt habt. Erstmal vielen Dank dafür! Uns, und alle anderen Summoning-Anhänger sicherlich auch, interessiert es nach wie vor, welches Unwesen Ihr so treibt, jetzt in der dunklen Jahreszeit und überhaupt. Kürzlich ist uns aufgefallen, dass „Dol Guldur“ vor genau 20 Jahren veröffentlicht wurde. Vielleicht könnt Ihr etwas zur heutigen Situation sagen und kurz in die Vergangenheit zurückblicken und Euch erinnern, wie die Scheibe damals von der Hörerschaft aufgenommen wurde? Und hättet Ihr Euch jemals vorstellen können, dass Eure Musik bis heute dermaßen durch Zeit ungeschwächt nachhallt und immer noch solch eine unsägliche Begeisterung bei vielen Leuten hervorruft?

Silenius: Im Augenblick arbeiten wir nach wie vor am neuen Album, welches bis jetzt eine ziemliche Achterbahnfahrt dargestellt hat und aus verschiedenen Gründen, auf die ich nicht näher eingehen möchte, fast zur Bandauflösung geführt hat. Mittlerweile sind wir aber wieder auf Kurs, und es kann sich nur noch um wenige Jahre handeln, bis die neue CD erscheint.

An die Aufnahmen von „Dol Guldur“ habe ich ehrlich gesagt keine besonderen Erinnerungen. Es war auf jeden Fall die letzte, die wir im Hörnix Studio aufgenommen haben. Da dieses Studio in einem kleinen Dorf irgendwo in der Einöde existiert hat, haben wir dort die paar Tage, in denen das Album aufgenommen und abgemischt wurde, übernachtet. Natürlich haben wir am Abend gesoffen, uns eingekifft, Raclette-Käse gegessen und Schwachsinn im Fernsehen geschaut.

Was Kritik betrifft, so muss man immer unterscheiden zwischen Fans und der Presse. Bei der Metal-Presse waren wir damals nach wie vor nicht sonderlich beliebt. Im Underground hat die Scheibe aber weiter an Beliebtheit gewonnen, was wir mit „Minas Morgul“ schon begonnen haben. Die Fans waren auch begeistert. Starke negative Fan-Kritik gab es einerseits durch den Stilbruch von „Lugburz“ zu „Minas Morgul“ und dann wieder bei „Stronghold“, welches vielen Fans der ersten Stunde zu wenig Black Metal war, dafür aber viele neue junge Fans gewinnen konnte.

In all Euren Alben ist auch ein starkes Bildnis der Natur erkennbar. Ist das gänzlich in Tolkiens Erzählungen begründet oder geht Ihr selbst auch gern hinaus in den Wald oder in die Berge, raschen Schrittes fort von der Tür?

Silenius: Ja, zumindest was mich betrifft. Ich mache stundenlang Laufausflüge in die Berge, suche mir auch immer eine neue Gegend und neue Wege, und höre dabei selbstverständlich immer Musik. Das entspannt mich und ist ein essentieller Teil meines Lebens. Protector ist da komplett anders, er ist ein geborener Stadtmensch und verlässt Wien auch nur sehr selten.

Was verbindet Ihr selbst mit den Welten, die J. R. R. Tolkien erschaffen hat? Verspürt Ihr, wie viele andere Menschen auch, die Sehnsucht, aus den gesellschaftlichen Konformitäten auszubrechen und sich selbst auf die Suche nach Abenteuern zu begeben?

Silenius: Tolkien bedient natürlich vielerlei Sehnsüchte; unter anderem natürlich auch diese Zurück-zur-Natur-Thematik. Das ist auch der Grund, warum in den 70er Jahren die Hippies auf Tolkien aufmerksam wurden und maßgeblich für den Erfolg des Buches verantwortlich waren. Aber es gibt natürlich viel mehr bei Tolkien zu entdecken. Einerseits natürlich der Eskapismus, andererseits auch die Sehnsucht nach vergangenen heroischen Zeiten, die es so ja nie gegeben hat, aber die in jedem Menschen gewisse Sehnsüchte wecken. Heute übernehmen die Computerspiele mehrheitlich die Rolle, die Tolkien mit seinen Büchern damals kreiert hat.

Was ist es, was Euch an Mittelerde am meisten fasziniert? Wie man zum Beispiel an dem Album „Lugburz“ oder dem Song „Mirdautas Vras“, der in der Sprache der Orks verfasst ist, gut erkennen kann, sind es vermutlich die Schatten, die einen großen Reiz auf Euch ausüben, oder?

Silenius: Am Anfang ja, da wir ja als Black-Metal-Band gestartet sind. Wir wollten aber das lyrische Konzept ändern, um nicht zu sehr mit Abigor verglichen zu werden, wo ich damals auch als Sänger tätig war, und so kreierten wir dieses „Dark Side of Middle-Earth“-Konzept. Mit den Jahren sind wir aber davon abgewichen und haben verschiedenste Thematiken aufgegriffen. Es wurde uns auch immer weniger wichtig als eine Black-Metal-Band tituliert zu werden, auch wenn wir gewisse Elemente nach wie vor beibehalten und immer beibehalten werden.

Wenn Ihr Euch aussuchen könntet, an welchem Ort in Mittelerde Ihr leben dürftet, welcher wäre das?

Silenius: Diese Frage erinnert mich sehr an die Frage „Welcher Charakter aus Mittelerde wärt Ihr am liebsten“, welche uns auch immer wieder gestellt wurde, aber ich wüsste nicht, was ich darauf antworten sollte, da ich Tolkiens Konzept nicht wegen bestimmter Charaktere oder Schauplätze liebe, sondern als Gesamtkonzept bewundere. Man fragt Eltern auch nicht welches ihrer Kinder sie am liebsten mögen.

Summoning bedeutet „Beschwörung“ oder„Heraufbeschwören“. Wir haben uns schon immer gefragt, ob es eine bestimmte Geschichte, die zur Entstehung dieses Bandnamens geführt haben mag, gibt. Wie war das damals zu Zeiten Eurer Gründung?

Silenius: Zu den Demo- und auch noch zu Lugburz-Zeiten verschwendete man nicht viel Zeit mit langwierigen Überlegungen, wie man dies oder jenes am besten machen könnte, oder welches Konzept bei den Fans gut ankommen würde. Ganz im Gegenteil, man rotzte einfach alles raus, was man gerade zu sagen hatte. Ob das nun gelungen war oder nicht, das spielte eigentlich gar keine so große Rolle. Black Metal war ja so eine Art Gegenbewegung zu dem immer technischer und ausgefeilter, und somit auch kommerzieller werdenden Death Metal. Black Metal war damals eine Art Antistatement. Ein zu schlecht gab es einfach nicht. Somit dachten wir auch nicht lange über Bandnamen oder Bedeutungen derselbigen nach. Es gibt auch keine spezielle Geschichte darüber, außer dass die Namensgebung von einer Darkthrone-LP inspiriert wurde, wo der Gesang des Sängers als „Diabolical Summoning“ bezeichnet wurde.

Woher nehmt Ihr Eure kompositorischen Ideen oder Inspirationen? Gibt es andere Künstler, an denen Ihr Euch orientiert, oder wie funktioniert dieser Prozess, der zu solch unbeschreiblich schönen und atmosphärischen Melodien, wie zum Beispiel die von „Land of the Dead“, führt?

Silenius: Ich sehe mich selber weder als Künstler noch als Musiker, sondern am ehesten als Komponisten. Intuitiv Melodien zu kreieren und Songaufbauten zu erschaffen ist das, was ich am besten kann und was mir auch die meiste Freude bereitet. Alles andere, was zum fertigen Produkt führt, liegt dann generell in den Händen von Protector.

Protector: Nachdem Silenius mich drängt auch mal was zu sagen, sage ich mal was: Natürlich ist jeder Mensch von irgendetwas beeinflusst, so auch ich. Aber ich denke, dass bei mir die Einflüsse der Musik, die ich höre, nie sehr direkt in meine Musik einfließen. Es kommt auch fast nie vor, dass ich auf der Straße gehe und plötzlich eine Melodie im Kopf habe, sowas passiert immer nur im Studio, wenn ich beschließe einen Song zu beginnen oder eine Melodie beizusteuern. Es ist der Aufbau eines Songs – von einer ganz simplen 4-Noten-Basslinie, zu einem mehrstimmigen Song – welcher meine Kreativität anfacht. Die Arbeit an einem Song ist wie ein Drogenrausch, der bei mir mit der ersten Note beginnt und mit der letzen endet und mich in einen Zustand versetzt, der die Melodien förmlich aus mir heraussprudeln lässt.

Es wird gemunkelt, dass es noch unveröffentlichtes Material von Summoning gibt. Stimmt das? Oder entspringt das nur unserem Wunschdenken?

Silenius: Nun, das neue – noch unbetitelte – Album, baut auf Resten von „Old Mornings Dawn“ auf, teilweise aber auch stark umarrangiert oder zumindest um neue Riffs bereichert. Es wird sieben Songs geben, plus zwei Bonus-Songs für eine limitierte Auflage. Nachdem wir eigentlich schon vor zwei Jahren glaubten, bald fertig zu werden, wagen wir jetzt keine Prognose abzugeben, aber im Augenblick schaut es ganz gut aus, dass es nicht mehr allzu lange dauern wird. Mal sehen…

Und was ist mit Euren Demos? Werden diese vielleicht auch irgendwann erneut veröffentlicht?

Silenius: Für die Demos gibt es keinen Plan. Soweit ich gesehen habe, sind die erst unlängst gesammelt als Bootleg veröffentlicht worden.

Noch eine kurze Frage zum Schluss: Wo seht Ihr Euch nun selbst in der Metal-Szene?

Silenius: Offen gestanden, fühlen wir uns schon länger nicht mehr wirklich der Metal-Szene zugehörig, da ich mir kaum noch Metal anhöre. Komischerweise kaufe ich mir aber immer noch gerne sämtliche Metal-Magazine und lese Interviews und Plattenkritiken von Bands, die ich niemals hören werde. Irgendwie hat sich das so verfestigt. Ich weiß selber gar nicht, warum das so ist.

Hehe, geniale Antwort. Wir danken Euch jedenfalls für Eure Zeit und die interessanten Antworten!

Silenius: Danke ebenso! Es war das erste Interview nach langer Zeit.