Interview mit Wallfahrer

Wallfahrer Interview
Wie aus dem Nichts erschien plötzlich die Band Wallfahrer auf der Bühne des pagan und misanthropisch angehauchten Black-Metal-Theaters, das starke Album „Anthologie der Abkehr“ im Gepäck. Ich fand sofort Gefallen an dem tiefgründigen Stoff, reflektieren die Texte und die in den Songs behandelten Themen recht genau mein Denken und meine Vorstellung von einer zufriedenen Existenz im Einklang mit der Natur. Um Genaueres zu erfahren, beschloss ich die Band, welche sich sehr im Hintergrund hält und kaum etwas von sich preisgibt (z. B. ist nicht herauszufinden, welche Personen hinter diesem Projekt stehen), zu befragen. Und hier ist das Resultat.

Grüße Euch! Wie aus dem Nichts seid Ihr auf einmal auf der Oberfläche der Metal-Landschaft aufgetaucht und das direkt mit so einem starken Album. Und auch wenn Ihr euch komplett bedeckt haltet und nicht einmal die kleinste Info über Euch preisgebt, so seid Ihr doch bestimmt erfahrene Musiker, die bereits in der einen oder anderen Metal-Band mitgewirkt haben bzw. immer noch wirken, oder? Weswegen also diese Geheimnistuerei? Was möchtet Ihr damit bezwecken?

Wallfahrer ist eine Idee, eine Botschaft, eine Aussage, eine Einstellung, welche sich an diejenigen richtet, die diese verstehen können und wollen. Unsere Namen und Personen spielen dabei schlichtweg keine Rolle.

Eine Idee, eine Einstellung sagt Ihr. Eine Idee des totalitären Eskapismus aus unserer Gesellschaft? Kotzen Euch die vielen gesellschaftlichen wie religiösen (nicht von der Hand zu weisenden aber dennoch absichtlich übergangenen) Widersprüche dermaßen an, dass Ihr der zivilisierten Welt angewidert den Rücken kehren möchtet? Die Lyrics Eurer Songs und auch der Albumtitel „Anthologie der Abkehr“ sprechen einen sehr deutlichen, dahin zielenden Klartext. Ist bei den aktuell hier bei uns in Deutschland herrschenden gesellschaftlichen Zuständen wirklich alles derart negativ zu sehen, oder könnt Ihr diesen vielleicht doch etwas Positives abgewinnen?

Trotz einer negativen und kritischen Sichtweise auf den heutigen Menschen und dessen Werte und Normen ziehen wir es dennoch vor in der Realität zu leben und sich mit ihr auseinanderzusetzen als dauerhaft vor ihr zu flüchten. Der passendere Begriff für uns wäre wohl eher „temporärer Eskapismus“: Auszeiten fernab der Menschen inmitten der Natur.

So hart wie Du es formulierst, sehen wir es nicht. Uns „kotzt“ nichts an und „angewidert“ sind wir auch nicht, denn dann würden wir vermutlich unsere Texte schärfer formulieren. Dennoch wollen wir Kritik üben und passende Fragen stellen, welche zum Nachdenken anregen sollen. Ein Problem in unserer Gesellschaft ist unserer Meinung nach, dass viele Menschen die Fähigkeit verlernt (oder vielleicht auch nie gelernt) haben, sowohl ihr Verhalten als das der anderen regelmäßig zu hinterfragen und zu reflektieren. Ebenso sollte der Begriff „gesunde Demut“ wieder mehr Gewicht bekommen als Gegenpol zur Dekadenz.

Ich habe es bewusst so hart formuliert. Ihr wisst ja selbst, dass das geschriebene Wort oftmals zu ganz radikalen Interpretationen führen kann. Beste Beispiele dafür sind ja die „heiligen Bücher“, bei denen teilweise nichts von den Gläubigern hinterfragt oder reflektiert und vieles blind als bare Münze genommen wird. Und das führt zu einem ungesunden Extremismus. Weise Männer sagten schon immer, dass man die Extrema stets meiden sollte. Ihr habt also einen gesunden Mittelweg eingeschlagen und seid zu Wanderburschen geworden? Wohin zieht es Euch denn bevorzugt hin? Und um noch auf die „gesunde Demut“ als Gegenpol zu Dekadenz zu kommen: Könnt Ihr hierzu ein konkretes Beispiel aufführen?

Da hast Du Recht und es verwundert einfach immer wieder, dass der Mensch beim Thema Religion keinerlei geistige Evolution bzw. Revolution durchläuft. Warum man sich eines der höchsten Güter, die eigene Freiheit, durch Dogmen und Gebote selbstgewählt einschränkt, werde ich wohl nie verstehen.

Wenn wir unterwegs sind, dann zieht es uns weg von der Zivilisation auf möglichst unpopuläre Wege inmitten der Natur.

Demut vor der Natur ist wohl unser Hauptaspekt. Dazu gehört sowohl der Respekt gegenüber Flora und Fauna als auch unsere Einstellung bzw. Überzeugung, dass der Mensch gegenüber anderen Lebewesen keinen höheren Stellenwert besitzt. Er mag vielleicht das intelligenteste Lebewesen sein, aber das gibt ihm nicht das Recht einen Besitzanspruch auf die Natur zu stellen und über sie zu herrschen. Deshalb erkennt der moderne Mensch nicht mehr, dass die Natur in Wirklichkeit die höhere Macht ist, nach der er zeitlebens sucht. Offensichtliches durch Abstraktes zu ersetzen und kompromisslos an das Abstrakte zu glauben, das kann man durchaus als „dekadent“ bezeichnen, oder?

Das Adjektiv „dekadent“ lässt sich wahrscheinlich sehr unterschiedlich auslegen, doch Ihr habt definitiv Recht, der fehlende Respekt vor der Natur führt mitunter dazu, dass der Mensch sich langsam selbst zerstört, nicht zuletzt wegen dem exponentiellen Bevölkerungswachstum. Gerade auf diesem Feld müsste sich langfristig etwas tun, denn die Erde kann nicht unendlich viele Menschen aufnehmen und ernähren. Irgendwo ist einfach Schluss, nicht wahr? Wir sind ja schon fast genauso zahlreich wie die Ameisen, haha… Apropos Demut vor der Natur: Rein natürlich betrachtet ist es ganz einleuchtend, dass das Leben eines Insekts ebenso viel wert wie das eines Menschen hat. Die Natur macht da keinen Unterschied, was vielen einfach nicht bewusst ist.

Die Natur wird sicher eine Lösung finden, sollte der Mensch eine zu große Bedrohung für sie darstellen. Sie hat globale Eiszeiten, Dürren, Kometeneinschläge, Erdbeben, Sintfluten etc. überstanden, warum nicht auch das im Vergleich zur Erdgeschichte kurzzeitige Phänomen Mensch.

Abgesehen davon, dass Ihr Euch temporär in die abgelegene Natur zurückzieht, wie lebt Ihr Eure Überzeugung im Alltag aus? Gibt es für Euch irgendwelche kleinen täglichen Dinge, irgendwelche Rituale, die für Euch dennoch sehr wichtig sind und Eurer Meinung nach etwas bewirken können? Bzw. lässt sich diese Überzeugung teilweise so ausleben, wie sie in Euren Texten dargestellt wird? Was meint Ihr?

Diese Fragen kann ich Dir leider nur kurz und knapp mit einem Nein beantworten.

An dieser knappen aber eindeutigen Antwort ist nichts auszusetzen. Man kann aber davon ausgehen, dass Ihr sehr umweltbewusst seid, oder? Die ganzen aktuellen negativen Schlagzeilen z. B. wegen dem ganzen Plastikmüll müssten Euch auch nahegehen. Trotz seiner überlegenen Intelligenz ist kein Lebewesen schlimmer und dümmer als der gemeine Mensch. Habt Ihr manchmal das Gefühl Euch für das Menschsein schämen zu müssen?

Solche Schlagzeilen bestätigen unsere Sicht der Dinge. Für das Menschsein schämen wir uns nicht, denn dann müssten wir uns ja dauerhaft für uns selbst schämen, da wir nun einmal Menschen sind, so seltsam das auch klingen mag.

Ich denke, es gibt trotz alledem noch genügend Ausnahmen, welche unsere Ansichten teilen und in der Lage sind, einen anderen Weg zu gehen als die Masse bzw. eigene, tiefgründigere Gedanken zu entwickeln. Diese sind es, die wir mit unseren Texten und unserer Musik ansprechen und mit denen wir uns verbinden wollen.

Ja, da kann ich Euch zustimmen, es gibt noch genügend Ausnahmen, die bereit sind einen anderen Weg zu gehen, doch gegen die Masse kommen sie letztendlich nicht an. Schließlich hat jeder eine gewisse Freiheit das zu tun, was er möchte, und viele nutzen dies, um den bequemen Weg zu gehen, natürlich auf Kosten der Natur, verbunden mit ihrer Zerstörung. Da Freiheit bei Euch ebenfalls groß geschrieben wird: Fühlt Ihr Euch selbst wirklich frei? Oder fühlt Ihr Euch doch irgendwo eingeschränkt, um Eure Ziele zu erreichen?

Freiheit ist eines der höchsten Güter die wir besitzen. Deswegen sollten wir bewusst damit umgehen und nicht vergessen, wie fragil Freiheit sein kein. Mit Wallfahrer fühlen wir uns tatsächlich sehr frei, da wir in der Lage sind, unsere Musik selbstständig ohne Kompromisse, Vereinbarungen oder Absprachen mit Dritten produzieren und veröffentlichen zu können. Dies gelingt, weil wir nicht den Anspruch haben, damit Geld oder Ansehen zu verdienen. Wir wollen unsere Gedanken und Worte über das Medium Musik kanalisieren. Wenn wir Rückmeldungen bekommen, dass diese gehört werden, Gleichgesinnte damit erreicht werden und diese auch emotional angesprochen werden, freut uns das natürlich.

Das Coverbild Eures Albums, was zeigt es überhaupt? Das Motiv kommt mir irgendwie bekannt vor, doch kann ich es auf die Schnelle nirgends zuordnen. Ist es ein religiöses Motiv? Immerhin ist da ein Engel zu sehen. Und was hat es mit Eurer Botschaft zu tun?

Das Cover zeigt das Denkmal von dem italienischen Bildhauer Antonio Canova, ein Grabmonument für die Erzherzogin Marie Christine, welches in der Wiener Augustinerkirche zu finden ist und dort auch von uns fotografiert wurde. Es soll ursprünglich den Weg ins Totenreich zeigen. Die Figur, welche die Urne trägt, soll die Tugend symbolisieren. Somit wendet sich in unseren Augen die Tugend in einer Kirche von den Betrachtern/Gläubigen ab und schreitet in die Dunkelheit. Die Verbindung zu unserer Botschaft und unseren Texten kannst Du nun sicherlich selbst herstellen…

Alles klar, wer sich die Lyrics Eurer Songs (u. a. auf Bandcamp hinterlegt) durchliest, der wird es dann definitiv verstehen… Ich kann aber allen nur empfehlen sich ein Exemplar der physikalischen, auf nur 200 Stück limitierten Digipak-Edition zu sichern, zumindest so lange es noch möglich ist, denn laut Eurer Aussage wird es von dem Album keine Nachpressung geben. Auch nicht, wenn die Nachfrage da sein sollte?

Nein, denn dann würden wir uns ja selbst und vor allem alle diejenigen betrügen, welche die CD als limitiertes Exemplar erworben haben. Der Begriff „limitiert“ würde dann keinen Sinn machen.

Wie sieht die Zukunft von Wallfahrer aus? Ihr seid doch schon wieder fleißig am Musizieren, nicht wahr? Wann wird man neues Futter von Euch erwarten können?

Das ist richtig. Wir schreiben gerade am Nachfolger von „Anthologie der Abkehr“ und planen die Veröffentlichung für Anfang 2019. Eventuell schicken wir unabhängig von einem neuen Album einen einzelnen Song über Bandcamp vorweg, damit es nicht ganz ruhig um uns wird, aber das ist noch nicht sicher.

Vielleicht könnt Ihr unseren Lesern zum Schluss noch einen Tipp geben, wohin ihre persönliche Wallfahrt am besten hingehen sollte? An der Stelle sage ich auch schon vielen Dank für das nette und sehr informative Gespräch! Gehabt Euch wohl und auf baldiges Wiederhören!

Dorthin, wo man dem Alltag, der täglichen Monotonie und den Ansprüchen anderer entfliehen kann. Orte, die einem die Möglichkeit geben, selbstständig und ehrlich über seine eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nachzudenken und Erfahrungen in Erkenntnisse zu verwandeln, ohne dass andere einem sagen, was man tun, zu lassen und zu denken hat. Wo sich diese Orte befinden, das muss jeder selbst herausfinden. Institutionen definieren den Begriff ähnlich, mit dem Unterschied, dass wir, die gegen den Wind wandern, eine höhere Macht nicht mehr suchen müssen und somit uns selbst finden und reflektieren können.

Danke auch an Dich für die tiefgründigen Fragen und Dein Interesse!

Hail nature! Hail freedom!

Wallfahrer