Aîn – Stance I

Aîn - Stance I

Noch bevor das Intro von „Stance I“, dem ersten, bereits letztes Jahr über Pest Productions erschienenen Album von Aîn, verklungen ist, kamen mir gleich Bands wie Cult of Fire oder Batushka (hier möge sich der geneigte Leser selbst die für ihn einzig wahre bzw. richtige Batushka-Band einsetzen) als mögliche Vergleichskandidaten in den Sinn. Doch das alleine würde den französischen Post-Black-Metal-Okkultisten auf gar keinen Fall gerecht werden. Denn schon beim Song „II“ wird hier was das Zeug hält auf den atmosphärischen Tremolo-Putz gehauen, weshalb man Aîn vielleicht als eine interessante Bastard-Band, die neue Wege zu ergründen versucht, klassifizieren könnte. Das aus neun Stücken bestehende Konzeptalbum basiert auf dem Buch „Die Geheimlehre“ bzw. „The Secret Doctrine“ der russisch-amerikanischen Okkultistin Helena Petrovna Blavatsky, und das bietet wahrlich genügend Stoff, um sich jahrzehntelang musikalisch oder auch anderweitig austoben zu können. Genaueres zu dieser Lehre und der aus ihr hervorgegangenen Theosophischen Gesellschaft möchte ich erst gar nicht versuchen hier wiederzugeben, dann dies würde wohl schnell den eng gesteckten Rahmen dieser Musikbesprechung sprengen, und um ganz ehrlich zu sein, hab ich da auch nicht viele Aktien drin. Macht euch also selber schlauer, wenn dieses Thema euer Interesse erregt haben sollte. Die Musik dürfte es auf jeden Fall tun, wenn man gutem Black Metal nicht abgeneigt ist.

No religion is higher than truth… let’s be it disciple.

Zumindest dürfte es mit der universellen Sprache, als welche die Musik betrachtet werden darf, jedem ein wenig leichter fallen, sich auf die endlose Suche nach der ultimativen Wahrheit, welche auch mit dem Begriff Gott gleichgesetzt werden kann, zu begeben. Ob man nun diese für sich selbst findet oder nicht, dass ist letztendlich eine ganz andere Frage. Die Church of Aîn ist da den meisten sicherlich schon einen recht großen Schritt voraus, doch als Hörer bekommt man die Gelegenheit geboten, sich ihr anschließen zu dürfen. Und man darf sich auch in der Musik verlieren. Bei den fest zum okkulten Programm gehörenden, aus den unmöglichsten Hörwinkeln eingeworfenen Beschwörungsformeln bzw. in Mantras verpackten buddhistischen Gebeten dürfte dies einem auch nicht wirklich allzu schwer fallen. Eine verblasste Erinnerung an den schwer süßlich duftenden Weihrauch oder einen anderen Räucherstäbchengeruch wird einem hierbei womöglich auch unter Umständen in der Nase aufkeimen. All diese Wahrnehmungen werden bestens vom Artwork des Vokalisten C.VII optisch untermauert, welches das Cover sowie das gesamte Booklet ausfüllt und mit einem Haufen an sehr mystischer und magischer, miteinander verflochtener Symbolik bis zum Gehtnichtmehr ausgeschmückt ist. Auf diese Art kann die Phantasie sehr leicht in unbekannte Sphären des Unterbewusstseins abdriften und mit den schwärmerischen Anflügen von Melodie, wie z. B. im Song „VII“, zu einer neuen Größe heranwachsen, weit über sich hinaus oder womöglich noch weiter. Der Höhepunkt wird natürlich im neunten und letzten Song erreicht, wo die wilden Tremolo-Attacken nochmals auf einen wie gepeitscht herniederklatschen, etwa wie auf den blanken Rücken bei einer Selbstkasteiung, und die soeben erlebte Ekstase einfach nur perfekt machen.

Mit „Stance I“ liegt uns eine sehr gelungene okkulte und absolut atmosphärische Klanglandschaft vor, die sich mit den bekannteren Genre-Vertretern (von Räuber-Batushka mal abgesehen) auf eine Stufe stellen kann. Einziger Wermutstropfen dürfte die relativ billige Produktion des Digipaks sein, doch von Pest Productions ist man ja so etwas gewohnt.