Au-Dessus – Au-Dessus

Au-Dessus - Au-Dessus

Selten zuvor hat mich eine Band live so in ihren Bann gezogen wie es Au-Dessus in diesem Jahr getan haben, als wir zusammen auf dem Wolfszeit Festival gespielt haben. Die Band aus Vilnius (Litauen) erschafft mit stoischen Riffs, subtilen Melodien und einer entrückten Live-Performance unter überdimensionierten Kapuzen eine Atmosphäre und Intensität, wie sie nur wenige Metalbands dieser Tage noch entfachen können.

Der Band und ihrem Schaffen wird nun langsam aber sicher die Anerkennung zu Teil, die ihr zusteht, und so kam beim aktuellen Label LADLO (Les Acteurs de l’Ombre Productions) die Idee auf, den neu dazu gestoßenen Fans des Quartetts mit einem Re-Release eine Chance zu geben, das zumeist längst vergriffene und ursprünglich auf Witching Hour Productions erschienene Debüt der Band zu erstehen.

Im schicken Digipak oder auf schwarzes (limitiert auf 400 Einheiten) beziehungsweise silbernes (100 Einheiten) Vinyl gepresst, hat die Band zusätzliche neue „mystische und verstörende“ Interludes für die Wiederveröffentlichung ihres auch „Au-Dessus“ betitelten Werkes beigesteuert, welche die eh schon dichte Atmosphäre noch weiter auf die Spitze treiben sollen.

Die Band möchte mit ihrer Musik unter anderem Unwohlsein und kognitive Dissonanzen heraufbeschwören, die letztendlich zur Selbstzerstörung und dem Erschaffen von etwas Neuem führen sollen. So lässt auch der erste Song „I“ keinen Zweifel an der Absicht der Band aufkommen. Zu Beginn ein pfeilschneller Einstieg, dann intensive Black-Metal-Riffs vor einer „angenehmen“ und dennoch durchdringend-kehligen Stimme.

„II“ ist mit neun Minuten Spielzeit deutlich länger, intensiver und gegen Ende teils schon progressiv für einen Black-Metal-Song. Die Litauer verstehen es, mit schnellen und markdurchdringenden Riffs eine dichte Wand um den Hörer zu ziehen, und dann mit gediegeneren und rhythmisch anspruchsvolleren Parts diese Mauern immer mehr gen Hörer zu schicken. Wie ein Labyrinth legt sich die Musik um den Gehörgang. Die Produktion ist für dieses finstere Genre angenehm klar und gleichwohl trocken genug, um noch als true durchzugehen.

„III“ ist mein persönliches Highlight der Scheibe. Abwechslungsreiche Gitarren und beeindruckendes Drumming versprühen die Intensität, die Au-Dessus auch live entfachen. Die Parts alternieren oft genug, um spannend zu bleiben, und gerade selten genug, damit man aus der Dunkelheit nicht entkommen kann. Die Vocals klingen niederträchtig und betten sich tief in die Klänge, die hier noch deutlich weniger dissonant sind, als die Band es selber zugeben mag. Das klingt toll und zeigte schon vor einigen Jahren, wozu die Band heute imstande ist.

„IV“ ist rhythmisch sehr variabel, das Schlagzeug steht im Vordergrund, und die Band klingt progressiver als zuvor. So würde man sich schwarzmetallisch Mastodon vorstellen, wenn man jedweder Farbe beraubt ein dunkles Gemälde der Zerstörung in Schwarztönen malen müsste.

„V“ schließt den Reigen der Songs tatsächlich noch mit einem sehr dissonanten Hauptriff ab und verfällt Mal um Mal in Raserei. Plötzlich klingen Au-Dessus wie Behemoth in ihren besten Momenten. Ein würdiger Abschluss für ein tolles Album! „V“ ist aber auch der einzige Song, dem sich kein Interlude anschließt. Alle anderen Songs werden durch die Stücke „I.II“ bis „IV.II“ beschlossen, wobei nur letzterer durch die gesampelten Wortfetzen und das Gefühl einer hängenden Schallplatte bei mir ansatzweise Gruselatmosphäre aufkommen lässt. Die anderen Interludes klingen synthetischer, teilweise sind es nur Woodwinds und andere künstliche Instrumente und Samples, die Zeit zum Durchatmen geben und Assoziationen wecken sollen. Auf diese hätte ich durchaus verzichten können, denn auch ohne diese Zwischenstücke entfaltet das Debüt von Au-Dessus eine ganz besondere Magie. Ein wertvolles Stück Black-Metal-Kunst und ganz sicher auch ein guter Einstieg für Neugierige, die Au-Dessus noch nicht kennen.