Saor – Aura

Saor - Aura

Genau wie der Vorgänger „Roots“ hat der neueste Streich von Saor (vorher „Àrsaidh“ benannt) die wunderbare Gabe, mich wieder in meinen vergangenen Schottlandurlaub, den ich mehr als genossen habe, zu versetzen. Wer einmal den schottischen Nebel, die grünen Wiesen (die im übrigen tatsächlich dort viel grüner sind als bei uns) samt Schafen und uralten Steinkreisen erlebt hat, weiß wovon ich schreibe. Es gibt nicht viele Musiker, die es vermögen Bilder im Kopf durch ihre Musik wieder hervorzurufen. Das ist das Besondere an „Aura“. Natürlich bin ich in der Hinsicht befangen, als dass ich tatsächlich schon einmal dort war und die Melodien/Instrumente dieses Albums auch mit der Natur und ihren Eindrücken dort assoziieren kann. Für alle, die noch nicht dort waren, mag dies vielleicht ein Anreiz sein – so von Naturfreund zu Naturfreund – die Highlands einmal zu besuchen…

Wie dem auch sei, Andy Marshall, Ex-Mitglied der Band Falloch, hat hier ein kleines Meisterwerk geschaffen. Glücklicherweise verzichten Saor im Gegensatz zu Falloch nicht auf dunkle Growls und Black-Metal-Attitüden und gehen mit einem ganz anderen Feeling an die Sache. Diese Musik ist energiereich, melodieverliebt und verträumt zugleich. Die Songstrukturen an sich sind stellenweise schon etwas progressiv. Durch viele Breaks und eine hohe Anzahl an Geschwindigkeitswechseln wirken die Songs aber trotz ihrer Länge niemals langweilig und strotzen nur so vor Dynamik. Die Mischung macht’s: Hier prallen Einflüsse wie schottischer Folk, Atmospheric Black Metal und Post-Rock in Kombination mit traditionellen Instrumenten wie die Tin Whistle, Bag Pipes und Bodhrán (Rahmentrommel) aufeinander. Der Titelsong beginnt beispielweise mit einem kleinen Intro, das auch aus der Feder von Neige von Alcest hätte stammen können. Schaut man sich dabei vorbeiziehende Wolken an, dann hat das eine recht beruhigende Wirkung. Im weiteren Verlauf besticht der Song durch die vordergründige Melodie der Flöte sowie schneller und langsamer kombinierte Parts. Der Song „Farewell“ erinnert (meiner Meinung nach) außerdem sehr an das bekannte Lied „Auld Lang Syne“ und dürfte zugleich auch das emotionalste Stück des Albums sein.

Ich möchte aber nicht zuviel zu den einzelnen Songs verraten und sage nur noch, dass „Aura“ definitiv ein Album zum Träumen, aber ebenso voller Kraft ist. Veröffentlicht wird es am 6. Juni über Northern Silence Productions, die ja schon ähnliche Acts wie Gallowbraid oder Caladan Brood veröffentlicht haben. Ende des Jahres sind auch noch Vinyls beider Alben geplant. Die einzige Sache, die etwas befremdlich auf „Aura“ sein mag, ist der etwas distanzierte Gesang. Genau dieser ist aber Intention des Musikers und somit als gelungenes Stilmittel zu sehen, denn es klingt so, als würde der Gesang von einer leichten Anhöhe herunterschallen. Deshalb mein Tipp: Laut, am Stück und mit einem torfigen Scotch in der Kehle genießen! Sláinte!

(auch veröffentlicht im Hammerheart Fanzine #8, Mai 2014)