Deviate Damaen – In Sanctitate, Benignitatis Non Miseretur!

Deviate Damaen - In Sanctitate, Benignitatis Non Miseretur

Als ich dem italienischen Label Masked Dead Records eine verbindliche Zusage einer Rezension (ein Mann sollte immer zu seinem Wort stehen, auch wenn sich der Sachverhalt hinterher als unbequem herausstellen sollte) zu ihrer neuesten Veröffentlichung machte, wusste ich noch gar nicht, auf was für eine Art von Musik ich mich da eingelassen habe. Von Epic Black Metal und Doom – alles klar, so etwas sagt mir doch eigentlich immer zu – und dem Wiederauferstehen einer Kultband war die Rede, deshalb machte ich mir da gar keine Gedanken… bis der Silberling von Deviate Damaen mit dem Titel „In Sanctitate, Benignitatis Non Miseretur!“ bei mir ankam. Junge, Junge, was ist das denn? Unter epischem Black Metal und Doom stelle ich mir doch etwas ganz anderes vor, aber da sieht man es, wie weitläufig selbst die gängigen Genredefinitionen noch gestreckt werden können. Hier sind also die wahren Meister der auditiven Crossover-Inquisition und -Folter am Werke. Schon der erste Track machte mich mehr als stutzig: Anstelle von Musik wird hier ein ellenlanges, fast zehnminütiges Hörspiel-Intro abgespult, das natürlich tutto auf Italienisch. Außer „Dio“ und „Diavolo“ ist für mich hier nicht mehr herauszuhören, doch die Dramatik lässt auf eine Tragödie größten Ausmaßes schließen. Dennoch frage ich mich hier ebenso wie Herbert Grönemeyer: „Was soll das! Was soll das! Womit hab ich das verdient…“ Und er ist sicherlich viel Schlimmeres als so einen „Song“ wie „L’Angelo Preferito, Il Primo Insorto, Il Più Antico Dannato“ gewöhnt. Doch Herbert ist doch gerade wegen seiner besonderen Art so einzigartig und deshalb auch so beliebt. Kann hier womöglich ein ganz ähnlich gelagerter Fall vorliegen? Nun, mal sehen, wie es weiter auf der Deviate-Damaen-CD geht…

Das zweite Stück, “Tethrus (Movimento I „Carnatus Meus”; Movimento II „La Vendetta Del Bel Soldato“; Movimento III „Forza Flutti, Avanti Spume“; Movimento IV „Santo Assassino“; Movimento V „Odio Al Sole“)“. Ja, ihr merkt schon, die in Häppchen unterteilten Songs und deren Titel sind hier vom Allerfeinsten! Und sì, hier wird’s auch endlich metallischer! Laut Label wurde dieses Machwerk auch an den verschiedensten spirituellen Orten geschmiedet, in denkmalgeschützten Ortschaften, hallenden Kathedralen und gruftigen Krypten, in tiefen Bergschluchten, Bunkern und sogar am Strand mit Meeresrauschen. Klingt echt crazy, und so kling auch das Ergebnis. Sowohl auf der instrumentalen Ebene wie auch vom Gesang, nur man darf jetzt nicht denken, dass hier ein Dilettant zur Tat geschritten ist. Das Ganze hat doch irgendwie Hand und Fuß. Verschroben sowie gespenstisch ist der hier gebotene musikalische Knuddelmuddel. Wohl beabsichtigt nichts für Hörer, die stets geordneten Strukturen und den üblichen Strophenaufbauten folgen mögen und einen sich nur im kleinen Klangfarbenradius ausdehnenden Gesang lieben. Hier findet man fast alles auf engstem Raum zusammen eingekerkert, und das in einem breiten Spektrum von total normal bis absolut wahnsinnig erschallend: Ruhig gesprochene und gesungene Texte, herausgekreischte Wortfetzen, ausgekotzte Growls, irres Gelächter, weinerliches Gejammer, weiblicher Operngesang und noch viel mehr, in allen nur erdenklichen Intonationen. Dazu gesellen sich zahlreiche Nebengeräusche und Samples, es wird auf viele verschiedene Instrumente zurückgegriffen, so dass sich manch einer ganz gewiss überfordert fühlen wird. Dazwischen kommen aber auch wirklich ganz nette Melodiestränge in die Ohren hereinspaziert, vorausgesetzt man bringt die nötige Geduld auf, um überhaupt erst dorthin zu gelangen, haha… Beim dritten Song „Sacre Gesta Cavalcano Il Metallo“ bzw. „Heilige Taten reiten das Metall“ wird sogar auf Deutsch gesungen, was mich stark an das erste Sturmgeist-Album erinnert. Das ist gar nicht mal so übel! Die nachfolgenden Stücke machen eine ganz ähnlich gute oder schlechte Figur, je nachdem wie man es hört; nur Song Nr. 6 ist wieder so ein italienisches Hörspiel wie der Opener, während es an fünfter Stelle etwas schnulzig wird. In der Gesamtheit ist es ein sehr kruder Mix, der ein total offenes Musikverständnis voraussetzt. Die Krönung dieses Albums stellt das Folter-Outro „L’Urlo Del Cappuccino“. Der Cappuccino-Schrei ist eine echte auditive Folter, ein künstlich hergestellter Tinnitus, den man sich absolut nicht anhören kann. Ob das nun ein wahnsinniges Fun- oder Bonus-Liedchen sein soll oder doch eine ernste, dem Konzept zugehörige Nummer, das erschließt sich mir nicht… Ist auch egal…

Wenn ich nun alle Fakten zusammenwirkend betrachte, dann kann ich „In Sanctitate, Benignitatis Non Miseretur!“ weder dem Black noch dem Doom Metal eindeutig zurechnen. Für mich hört es sich vielmehr wie ein sehr spezieller, experimenteller Gothic Metal mit Black und Doom Einflüssen an, oder, was noch besser passt, wie ein Mix aus sakraler Klassik und Black Metal, die hier zu einer Einheit fusioniert worden sind, die man am ehesten noch als eine Black-Metal-Operette bezeichnen könnte. Moment mal, dieser Begriff fand ja bereits früher Verwendung, und zwar bei dem Debütwerk „Die Liebe Gottes“ von Samsas Traum. Wenn ich es recht in Erinnerung habe, so wurde das Thema Samsas Traum damals selbst in großen Kioskblättchen wie zum Beispiel dem Rock Hard sehr hitzig und kontrovers ausdiskutiert, man hat sich damals verbal förmlich die Köpfe eingeschlagen – sehr unprofessionell seitens der Redaktion. Hier dürfte es genauso sein: Die einen werden es lieben, die anderen hassen. Einen Weg dazwischen werden nur weise Männer und Frauen finden… Sammler von musikalischen Kuriositäten, alle vielseitig Interessierten sowie Fans von den traumatischen Samsas-Traum-Klängen greifen bei diesem Anti-Trend zu! Alle anderen können zumindest reinhören, sollten sich vor dem lauernden Wahnsinn aber in Acht nehmen, haha…