Dreamarcher – The Bond

Dreamarcher - The Bond

Mit der LP „The Bond“ haben Dreamarcher ein interessantes Werk weit außerhalb der Grenzen des klassischen Metals auf Vinyl aufgelegt. Im September 2019 veröffentlicht, fallen die Norweger mit den acht intensiven Songs dieses Albums irgendwo zwischen Deafheaven und Baroness über den Hörer her. Auch Mastodon und SunnO))) zählen zu den gern zitierten Vorbildern, ergo reiht man sich stilistisch in den Blackened Progressive Metal ein.

Das Album handelt textlich vom Zusammenleben und dem Kampf der Natur mit der Spezies Mensch. Zwar ist die vierköpfige Band aus Hardanger an einem der schönsten Orte der Welt aufgewachsen, doch sind sie sich umso mehr der permanenten Schädigung der Umwelt durch uns Menschen bewusst. Neben diesem Thema greifen sie viele Geschichten aus der Hardanger-Region auf und vertonen diese in einem spannenden Stilmix ihrer Vorbilder.

Und „Mastodon“ klingen bereits schon im Opener „Coal“ an: Der Sound ist druckvoll, transparent und vergleichsweise verspielt. Während die Rhythmusfraktion akzentuiert und punktiert in wilde Eskapaden verfällt, brillieren die Gitarren in den hohen Lagen, und die cleanen Vocals dominieren die vereinzelten Schreie eindeutig, wobei mit „Schreien“ hier eher punk- denn metalartige Screams gemeint sind. Das Ganze ist melodisch, träumerisch sowie intensiv und steht auch in den instrumentalen Ausbrüchen den vorgenannten Sludge-Rock-Helden in nichts nach.

„Black Water“ beginnt verträumt, die Instrumentalfraktion spielt minimalistisch, der Gesang steht im Vordergrund, dann folgt ein intensiver Refrain, der ein bisschen an Sabbath erinnert. Hier und dort werden elektronische Einsprengsel in die Songs mit eingewoben, ein wenig The Mars Volta hier und da und dann wieder dieser Sabbath-artige Refrainriff. Das klingt so, als würde es nicht funktionieren, tut es aber extremst gut.

„A Fail of Design“ ist schneller, bedient sich aber auch eines so epischen Refrains, dass man sich fragen muss, wie abgebrüht cool eine Band auf ihrem zweiten Album sein kann („The Bond“ gingen eine EP und ein Album voraus, beide ebenfalls auf Vinyl erhältlich). Die ausgedehnten, nach Improvisationen oder Jams klingenden Instrumentalpassagen verleiten zum Träumen. Die Stimmung ist von Melancholie und Traurigkeit geprägt, ohne aber ins Jammern zu verfallen. Dann ein brutaler, disharmonischer Breakdown zum Schluss, wo kam das denn jetzt her?

„From Which We Came“ beginnt mit Screams der Marke As I Lay Dying. Die Lyrics sind sehr gut verständlich, drehen sich um Selbstentfremdung, Sehnsucht, Zwischenmenschliches und die Natur. In gewisser Weise ist das Konzept des Albums Mensch gegen Natur, Natur gegen Mensch und nicht zuletzt Mensch gegen Mensch. In diesem Track wird das Ganze zum ersten Mal in Post-Black-Metal-Manier umgesetzt, schnell und hart, ein Hauch Deafhaven.

„Folgefonna I“ ist ein kurzes, instrumentales Zwischenstück und lenkt die Atmosphäre in zerbrechliche, friedliche Bahnen, nur um mit „The Body“ in das bisher härteste Stück des Albums überzugehen. Hier wird es sowohl was die Vocals als auch die instrumentalen Passagen angeht deutlich ruppiger, progressiver und aggressiver, die Musik bleibt aber immer nachvollziehbar und der große Refrain nur ein bis zwei Takte entfernt.

„Dominance“ toppt „The Body“ dann doch noch, hier werden klassische Songstrukturen weitestgehend aufgelöst, Polyrhythmen wechseln sich mit disharmonischen Arpeggien und Drone Tones ab, die Schreie stehen nun endlich vor den cleanen Vocals, dahin ist die Nachvollziehbarkeit und die Gefühle regieren vollends. Lässt man sich auf „Dominance“ ein, bekommt man hier ein Stück Crossover-Exzellenz in der Schnittmenge aus Black Metal, Progressive, Drone und synthetischen Einwürfen, das so keine andere Band bietet. Ganz ganz großes Kino!

„Folgefonna II“ beschließt instrumental ein spannendes und unerwartetes Album: Dreamarcher finden zwischen all den Vorbildern ihren eigenen Ton, sind ob ihres Konzeptes und der cleanen Vocals vielen ihrer Helden sogar weit voraus und scheuen sich nicht, im Laufe des Albums Risiken einzugehen. Wer sich „The Bond“ gibt, wird mit 6 herausragenden Songs und zwei kurzen instrumentalen Intermezzi belohnt, die es in sich haben und in ihre eigene Welt einladen. Besonders toll kommt das natürlich auf dem schön aufgemachten Vinyl. Hier sollten Fans des Außergewöhnlichen und Vinyl-Enthusiasten sowieso zugreifen!