Eden weint im Grab – Na(c)htodreise

Eden weint im Grab - Na(c)htodreise

Eden weint im Grab – der dritte Kontakt… Nachdem das in physikalischer Form wiederveröffentlichte Debüt „Traumtrophäen toter Trauertänzer“ nicht wirklich hundertprozentig stimmig durch meine Gehörgänge gespült wurde und das jenseitige Kuriositätenkabinett der zweiten Geysterstunde das Gefühl von Leierkasten- bzw. Zirkus-Romantik in mir hervorrief (beides im Hammerheart #9 dokumentiert), liegt mir mit dem zweideutig betitelten Album „Na(c)htodreise“ nun der aktuelle Streich der spielfreudigen Gothic- bzw. Dark-Metal-Truppe um Alexander Paul Blake vor. Wie der Titel es schon eigentlich vorwegnimmt, wird hier das Leben nach dem Tod mit all seinen Facetten, sprich den dazugehörigen jenseitigen, oft seltsamen Hirngespinsten und Vorstellungen thematisiert. Ein sehr schönes Konzeptalbum also, das die Seele eines jeden für diese Materie empfänglichen Menschen ansprechen müsste.

Und los geht’s! Ab auf die Achterbahn des (Ab)Lebens… Die schönste menschliche Vorstellung vom Eintritt in den Geisterzustand ist natürlich ein seliger Einschlaftod mit einem zufriedenen Lächeln im von unzähligen Falten und Furchen übersäten Gesicht. Das Einstiegslied „TraumTod“ widmet sich diesem Wunsch, den sicherlich die meisten Menschen stets im Herzen mit sich herumtragen. Oder möchte doch jemand lieber blutüberströmt und x-fach aufgespießt aber „ehrenvoll“ auf einem Schlachtfeld sterben, wie es oft in diversen Metal-Songs glorifiziert wird? Wohl kaum, nehme ich ganz sicher an. Beim bloßen Anblick eines Schwertes an der eigenen Kehle würden doch die meisten sofort die Hose voll haben – garantiert! – aber bestimmt nicht mit Ehre, haha… Aber wir wollen nicht noch weiter abschweifen und vom eigentlichen Thema abweichen.

Es tönt ein altes Trauerlied,
die Orgel orgelt zum Abschied
Wenn der Leib ins Erdreich reist,
Sind wir endlich wieder Geist
Bon Voyage…

Ist die Leibeshülle endgültig abgelegt und das Licht am Ende des Tunnels passiert, kann man der glücklichen Seele nur noch eine gute Reise wünschen. „Bon Voyage (Ein sonderbares Begräbnis)“ fetzt dabei derart melodisch und fröhlich durch den Äther, als ob es in der Geschichte der Menschheit nie irgendeine Ungewissheit in Bezug auf das „Leben“ nach dem Tod gegeben hätte. Die Stimmung des Refrains gleicht schon irgendwie einer Art Urlaubsvorfreude, und auch die schönen deutschen, oft gereimten Texte, welche sich eher poetisch und nie kitschig anhören, vermögen einem oft ein Lächeln aufs Gesicht zu schnitzen. Wenn ich den Bogen gar ein wenig überspanne, dann habe ich beim Hören der Sprechgesangspassage dieses Tracks sogar Assoziationen mit dem lustigen Oogie-Boogie-Song von „The Nightmare Before Christmas“. Echt! Der elftplatzierte und tanzfreudige Song „In der Toten-Taverne“ schlägt in dieselbe Bresche. Ein Soundtrack, passend – warum auch nicht? – zu einem Comic wie „Unter Knochen“ von Éric Liberge oder auch zu der Buchreihe wie „Flavia de Luce“ von Alan Bradley. Zumindest kamen mir diese bekannten Lesewerke ganz spontan beim Hören in den Sinn… Doch von einem Jenseitstroll, von dem der vierte Song handelt, habe ich allerdings noch nie etwas gehört. Ob da die Kreativität mit EwiG durchgegangen ist? Frohsinnig ist dieser Song aber allemal, was beweist, dass sich die Band selbst bei diesem todernsten Thema nicht wirklich ganz ernst nimmt und auch den Gevatter Schnitter mal veralbern möchte.

Wir atmen Sternenstaub,
durchkreisen das All
Das Lebenswunder blüht überall
Wir atmen Sternenstaub,
die All-Energie
Das Lebenswunder verblüht nie

Die anderen Songs wirken dagegen etwas weniger heiter und beschwingt, wenn auch die Violine oder das Keyboard oft die Zügel zu Gunsten einer melodiösen Führung übernehmen. Mal ernsthaft, mal zum Nachdenken anregend, mal finster und angsteinflößend. Dieses Werk ist definitiv um einiges näher als die anderen Veröffentlichungen von EwiG am Metal dran. Neben dem die Marschrichtung angebenden Klargesang, kommen hier auch vereinzelt Growls und schwarzmetallisches Gekrächze zum Einsatz: Alexander entfesselt hier die komplette Bandbreite seiner Stimmbänder. Das kommt natürlich der Abwechslung sehr zugute, ebenso wie der stetige Wechsel aus knallharten Riffs, Doom-artigen Tempodrosseln und den vielen anderen verwendeten Stilmitteln. Einige der Songs wie z. B. „Die astrale Wildnis“ oder „Sternenmenschen“, meine bevorzugten Nummern, hätten auch glatt von Aethernaeum sein können. Aber das ist auch kein Wunder, sind doch einige EwiG-Musiker in beiden Bands aktiv. So sind die vielen Parallelen natürlich nicht verwunderlich. Einen groben Einschnitt bildet, in meinen Ohren zumindest, der zehnte Song „Die verwaiste Wüstenstadt“, welcher sich nach einem Western-Soundtrack anhört und so gar nicht zum Rest der Scheibe passen will. „Spiel mir das Lied vom Tod II“ wäre sicherlich ein passenderer Titel für ihn gewesen, aber so oder so, mir weiß er am allerwenigsten zu gefallen… Es wird aber gewiss auch Hörer geben, denen gerade dieser Song am besten zusagen wird, wetten?

Insgesamt wurde hier aber ein sehr unterhaltsamer und toller „Todestrunk“ komponiert, der fast so bekömmlich wie der Schierlingsbecher ist. Einmal probiert wird man zum Mitsingen animiert. Garantiert! Und auch die Vorfreude auf den Tod wird geweckt. Denn wer möchte nicht auch in der Toten-Taverne eine Ewigkeit lang Bier-Humpen, Wein und Nektar zechen?

Und niemals hört
die Feier auf!
Mein toter Freund,
drum sauf!
Mit Blick auf all
die Sterne,
hier in der
Toten-Taverne!