Empyrium – The Turn of the Tides

Empyrium - The Turn of the Tides

Empyriums Wirken in der Metal- und Neofolk-Szene ist sicherlich legendär, hat doch die Band um Mastermind Markus Stock alias Ulf Theodor Schwadorf mit so grandiosen Alben wie „Songs of Moors and Misty Fields“ und „Weiland“ wahrhaftige Musikgeschichte geschrieben. Als scheinbar alles gesagt und getan war, ließ man 2002 die Auflösung der Band verkünden. Der Wunsch der zahlreichen Fans ließ aber Empyrium wieder auferstehen, erst 2010 in Form eines Exklusivsongs, danach 2011 als ein Live Act und im Jahre 2014 wieder als eine feste Größe mit ihrem fünften Werk „The Turn of the Tides“. Als großer Verehrer der Neofolk-Alben hoffte ich auf eine konsequente Fortführung der romantischen Naturmystik, zumal das schon auf der Compilation „Whom the Moon a Nightsong Sings“ ausgekoppelte Lied „The Days Before the Fall“ auf Anhieb meinen Anklang fand und meine Hoffnung auf ein weiteres Empyrium-Meisterstück mächtig anstachelte. Leider sieht die Wirklichkeit aber doch etwas anders aus. Dies liegt gewiss nicht an der Instrumentierung, die unter anderem mit E-Gitarre und Keyboard wieder etwas metallischer ausfällt, sondern an der kompositorischen Seite des neuen Liedgutes. Versprühen die alten Werke noch wahrhaftig starke und unbändige Bauchgefühle wie z. B. die Sehnsucht nach etwas Ungreifbaren, so scheinen der natürliche Reifeprozess des menschlichen Daseins wie die gesammelten Erfahrungswerte für die Einnistung von deutlich mehr Rationalität im Geiste des Komponisten verantwortlich zu sein. Daher ist Schwadorf nach der langen Pause wohl eher mit chirurgischer Präzision als mit einem von allem losgelösten und gänzlich unbefangenen Spürsinn ans Komponieren der neuen Stücke herangegangen, was im direkten Vergleich mit seinen alten Sachen, an denen diese neue Schöpfung sicherlich und unausweichlich von allen gemessen wird, spür- bzw. hörbar ist. Hinzu kommt noch, dass die beiden bereits veröffentlichten Songs „The Days Before the Fall“ und „Dead Winter Ways“ ebenfalls auf diesem Album zu finden sind, wodurch sie ihrer ursprünglichen Exklusivität beraubt werden.

Unterm Strich gibt es hier also nur fünf ganz neue Stücke zu verzeichnen, von denen „We are Alone“ wie auch der als Schlusslicht fungierende Titeltrack „The Turn of the Tides“ extrem ruhig sind und somit nicht jedermanns Geschmack treffen dürften. Gerade von dem längsten, 8-minütigen Titelsong habe ich etwas ganz Besonderes erwartet, aber er ist total unspektakulär und endet so wie er anfängt. Das klingt fast wie ein überlanges Outro, wenn ich es mir so richtig überlege. Den drei verbliebenen neuen Liedern haftet stattdessen etwas von Gothic- und/oder Post-Rock an. Dort dominiert die rhythmische Melodiebetonung, wodurch bei den Songs ein Ohrwurmcharakter herausgebildet wird. Die Lieder sind wirklich als richtig gut zu bewerten, aber es ist definitiv nicht die Art von Musik, die man bisher von Empyrium gewohnt war. Empyrium wären aber nicht Empyrium, wenn sie nicht zumindest versuchen würden sich wieder neu zu erfinden anstatt sich nur selbst zu kopieren (obwohl sie es meiner Meinung nach unüberhörbar mit dem Song „Dead Winter Ways“ tun, was aber eine Ausnahme darstellt). Die Stimmlage von Thomas Helm klingt nun auch nicht mehr so unschuldig und jugendlich frisch wie noch auf „Weiland“, passt aber nach wie vor sehr gut zu der dargebotenen Inszenierung.

Die Soundproduktion ist steril bis zum Gehtnichtmehr und verstärkt noch mehr das Gefühl einer geglätteten Massentauglichkeit, das sich beim Hören beiläufig einschleichen kann. Die erhebliche Stärke des Albums bildet meiner Ansicht nach definitiv der mittlere Kern bestehend aus „In the Gutter of this Spring“, „The Days Before the Fall“ (Für mich nach wie vor der Top-Titel der neuen Ära schlechthin!) und „We are Alone“. Gleichwohl, auch wenn „The Turn of the Tides“ hinter den viel zu hoch geschraubten Erwartungen der alten loyalen Hörerschaft zurückbleibt, ist es für sich alleine betrachtet eine recht eigenständige, solide und wirklich verdammt hörenswerte Platte geworden, welche nicht gleich beim ersten Durchlauf den ganzen auf ihr gebannten Zauber preisgibt. Wäre sie nicht von Empyrium sondern von jemand Unbekannten, hätte sicherlich niemand eine vernichtende Kritik, wie sie zuweilen im Netz zu finden ist, dazu verfasst, davon bin ich überzeugt. Beim nächsten Output, sollte es ein solches überhaupt noch einmal geben, werden Empyrium, wie schon in der Vergangenheit zweimal eindrucksvoll bewiesen, den neu beschrittenen Pfad bestimmt wieder bis zur absoluten Perfektion verfolgen.

(auch veröffentlicht im Hammerheart Fanzine #9, Mai 2015)