Evangelion – Sacro Macello

Evangelion - Sacro Macello

Letztens ist uns eine schöne kleine Überraschung ins waldheilige, grüne Häuschen geflattert: Das erste, über 20 Jahre alte Lebenszeichen von Evangelion aus der Schweiz mit dem Titel „Sacro Macello“. Bei diesem Evangelium handelt es sich um ein Black-Metal-Projekt, welches bereits 1999 ein paar reife Ideen fertigstellte, diese aber unwissentlich in die Verbannung in die engen Räume einer MiniDisc (wer kennt noch dieses Format?) schickte, wo sie in Vergessenheit gerieten und seitdem geduldig ihrer ungewissen Veröffentlichung ausharrten. Diese wurde nun kürzlich Gewissheit und fand endlich, am 8. November 2019 statt, nachdem die MiniDisc 2016 wiederentdeckt und das Material anschließend aufbereitet worden ist. So darf man sich nun über diese 3-Track-EP freuen, welche den ersten Teil einer Trilogie darstellen soll. Das freut mich ungemein, weil die Thematik des 30-jährigen Krieges definitiv eine sehr interessante ist, und weil die drei ausgegrabenen Songs einen sehr frischen und unverfälschten Spirit des melodischen Black Metals aus den 90er Jahren verströmen. Und das gefällt meiner Wenigkeit!

Knisternde Feuergeräusche und helle Glocken läuten das heilige Gemetzel vielversprechend ein, bevor sich die aufkommende Schwärze zielsicher wie ein aufs Herz gerichtetes Schwert auszubreiten beginnt. Die impulsive, kurz daraufhin einsetzende, göttlich melodisch austeilende, quasi wie ein Flitzebogen gespannte und losgelassene Gitarre ist dermaßen messerscharf gewetzt, dass ich dem Titelsong sofort auf Gedeih und Verderb verfallen bin. Und wenn das Label Auric Records hier auch so bekannte Namen wie Dissection oder Unanimated als grobe Peilrichtung angibt, so erinnerten mich die fließende Gitarrenarbeit, Rhythmusführung sowie vor allem die sehr spezifische Gesangsfarbe augenblicklich an die wohl kaum jemandem bekannte und leider einzige EP der schottischen Schwarzmetaller von Morlich mit dem Titel „Tempest“, auch wenn Evangelion ganz ohne Keyboard zur Tat schreiten und dieser Vergleich sicherlich etwas hinken mag. Das spielt aber gar keine wichtige Rolle, denn was wem ähnlich ist, das ist nur zweitrangig, wenn überhaupt. Das hohe, in der Musik aufflammende Feuer, die spürbare Leidenschaft, das alleine zählt. Und davon wurde viel in dieses mit nur etwas über 19 Minuten relativ kurze Output gepackt. Wie schon (hoffentlich) deutlich genug ausgedrückt, lässt die Leitmelodie des Titelsongs die Herzen aller Blackmetaller höher schlagen. Der in mehrere Fragmente unterteilte Song hat aber noch einiges mehr zu bieten. Nach ca. fünfeinhalb Minuten wird die Richtung in relativ ruhigere, mehr epischere, leicht an die klarsangliche Ausrichtung von Ereb Altor erinnernde Bahnen gelenkt. Die Stimmung wird konzentrierter, fast schon wie auf ein weitaus höheres, himmlischeres Ziel ausgerichtet, wodurch die Spielzeit von acht Minuten und fünfzehn Sekunden jedes Mal wie im Fluge vergeht. Einfach nur top!

Die beiden anderen Tracks „Signum Sanguis“ und „Proclamation“ sind da etwas anderer Natur. Um beim Stichwort Gemetzel in Kontext mit heilig zu bleiben, möchte man dem heroischen Grundklang des ersten Songs einen Martyrium-Anstrich verpassen, während man sich bei „Signum Sanguis“ gedanklich in einer Folterkammer wiederfinden könnte. Der Song ist um einiges weniger verspielt und melodiös, eher geradlinig wie ein Hammerschlag, doch mit vielen interessant klingenden lateinischen Sakralgesängen meisterhaft verziert. Da kann schon einem die Vorstellung eines Exorzismus oder Ähnliches in den Sinn kommen. Evangelions Stimme wirkt hier auch irgendwie anklagend, die Schlagbatterie klingt stellenweise etwas schleppend, während die Gitarre fast unentwegt in zügelloser Manier foltert – kurze Pausen gibt es nur, wenn das Gluteisen mal wieder ins Feuer gehalten werden muss. Die Komposition endet sehr passend in einem emotionalen Chor. Im Gegensatz dazu ist „Proclamation“ ein reinrassiges Ambientstück ohne Gitarren, das den Fokus des Zuhörers nach innen kehrt. Schöner Abschluss einer sehr schönen EP. Bin jetzt schon mehr als gespannt auf weitere Kapitel dieses Evageliums!