Greybeard – Oracle

Greybeard – Oracle

Ein Cover, das mich entfernt an Blind Guardian erinnert, und Musik, die mich ein bisschen ratlos zurücklässt. Mit einem Augenzwinkern muss ich mir selbst eingestehen, dass das nicht die idealsten Voraussetzungen für eine Rezension sind. Aber einfach kann ja jeder. Ein Konzept, das sich im Übrigen eins zu eins auf das erste Studioalbum „Oracle“ der kanadischen Truppe Greybeard übertragen lässt. Denn auch hier gilt: Einfach kann ja jeder.

Als ich „Oracle“ das erste Mal anschmiss, hatte ich beim Anblick des Covers nicht nur besagte Reminiszenz an alte Blind-Guardian-Scheiben im Hinterkopf. Ich hatte ehrlich gesagt auch die Erwartung, hier eher etwas in Richtung des Viking Metals aufgetischt zu bekommen. So ganz abwegig war der Gedanke meiner Ansicht nach nicht, und vielleicht ließe sich die dem Album zugrunde liegende Hintergrundgeschichte auch gut in die Zeit der Nordmänner transportieren. Aber erhalten habe ich etwas völlig anderes. Eine gewisse Schwärze kann man dem musikalischen Stil von Greybeard nicht abstreiten. Ebensowenig den fast schon doomigen Groove in Verbindung mit einer sehr langsamen Form von Rock sowie eine ordentliche Portion Progressivität. Auch klassischer Metal ist hier und dort herauszuhören bzw. Einflüsse von selbigem. In dieser nicht unbedingt leicht zu erfassenden Gemengelage befinden wir uns nun mit „Oracle“ und haben es durchaus nicht mit einem Leichtgewicht zu tun. Denn eines muss ich vorweg gestehen: Der Scheibe mangelt es leider an Eingängigkeit. Wer sich daran stößt, nicht gleich von der ersten Sekunde an von einem Album mitgerissen zu werden, der sollte von Greybeards Erstling lieber die Finger lassen.

Alle anderen, welche über die ersten Minuten des Openers „Vision“ bei der Stange gehalten wurden, tauchen erwartungsvoll in eine düstere Geschichte ein, welche, nebenbei bemerkt, dem Album ebenfalls nicht zu mehr Leichtigkeit verhilft. Von Rache ist hier die Rede, von Verrat, Feigheit und dunkeln Mächten. Ziemlich schwere Kost, würde man meinen. Doch mit ihrem ganz eigenen Stil schaffen es Greybeard diese Geschichte glaubwürdig und stimmungsvoll in Szene zu setzen.

Join me in the darkness
We shall rule forever
More powerful than all before
Your fate is now sealed

– Textzeile aus „Heiress of the Night“

Was stellenweise und auf den ersten Eindruck etwas schleppend daherkommt, mich aber durchaus an soliden Doom Metal erinnert, erweist sich beim zweiten und dritten Hördurchlauf als überraschend vielseitig. Was mir anfangs leicht sperrig vorkam, entpuppt sich als angenehm rockig. So z. B. der zweite Song der Scheibe „Unspeakable“. Über allem thront der harsche Gesang von Ross Andersen, welcher dem Hörer die düstere Geschichte offenbart und immer tiefer in die Finsternis lotst. Nachdem wir in der Mitte des Albums mit „Solitude“ einen erstaunlich sanftmütigen Ruhepol erreicht haben, geht es auf der zweiten Hälfte der Scheibe dann eigentlich erst richtig los. Insbesondere die letzten beiden Stücke „Vengeance“ und „Heiress of the Night“ stechen hier hervor. Während „Vengeance“ vor allem durch den Gegenpol von Amanda Bourdons (ihres Zeichens Bassistin der Band) Stimme an Melodie und Dynamik gewinnt, verspricht „Heiress of the Night“ einen epischen Ritt durch die Nacht. Es dürfte nicht überraschen, dass „Oracle“ kein wirkliches Happy End bietet. Das heißt, in gewisser Weise schon. Denn mich lässt diese knapp fünfzigminütige Reise erstaunlich zufrieden zurück. Ein starkes Album, das man nur zu leicht unterschätzen kann!