Hag – In Traumschwebe erstarrt

Hāg - In Traumschwebe erstarrt

Im zehnten Jahr ihres Bestehens sind Hāg eigentlich keine Band mehr, sondern das Soloprojekt von Multi-Instrumentalist Thorn, der momentan auch eine Hälfte des Wiener Duos In Crucem Agere ausmacht. Bei „In Traumschwebe erstarrt“ handelt es sich um seinen ersten Langspieler unter eigener Flagge.

„Verhallende Schritte im Herbst“ könnte in seiner Dramatik keine besser gelungene Einleitung sein. Der majestätische Charakter des auf einem einprägsamem Riff beruhenden Stücks stellt die atmosphärischen Weichen für alles weitere auf „In Traumschwebe erstarrt“. Es beginnt mit Dornenreich-verdächtigem Geflüster, pfiffig von links nach rechts im Stereo-Panorama wandernd, wobei sich der Künstler Zeit lässt, um aus den Puschen zu kommen. Erst nach ungefähr der Hälfte der fast achtminütigen Spielzeit zieht er das Tempo ein wenig an, damit die schreitenden Parts, auf die sie immer wieder zurückfällt, umso prägnanter wirken. Ein leicht unbeholfen dudelndes Lead führt zum Klimax hin, bei dem es sich im Grunde um eine Reprise des Anfangsmotivs handelt.

„Im Fluss der Zeit“ ist melodischer und rasanter ausgerichtet, wozu das leicht hysterische Geschrei des Projektkopfs besser passt als zur ersten Nummer der Platte. Trotz seines überwiegend hohen Tempos macht das elfeinhalb minütige Lied zahlreiche Wandlungen durch, womit sich Thorn einmal mehr als versierter Songwriter herausstellt, der etwas von Dynamik versteht – man höre speziell das mittig gesetzte Break ohne Verzerrung und mit Sprechgesang. Dass „Zyklus“, die kürzeste Komposition auf „In Traumschwebe erstarrt“, daraufhin nur wieder das Gleiche in dichter gedrungener Form bietet, ist sein einziger kleiner Schönheitsfehler.

Deshalb fällt während „Gedankenflut“ umso deutlicher auf, dass sich hierin der erste Track des Albums widerspiegelt, was Gangart, Aufbau und sogar die Länge betrifft. Im Gegensatz zur vorangegangenen Komposition fällt dies aber weniger erschwerend ins Gewicht, weil die „Band“ das Prinzip im zweiten Anlass direkter auf den Punkt bringt. Das abschließende Titelstück, ein Monstrum von einer Viertelstunde, vermählt schließlich heroische Momente, nach der sich viele drittklassige Pagan-Kapellen die von Honigwein verklebten Finger lecken würden, mit sämtlichen Merkmalen, durch die sich Hāg bisher ausgezeichnet hat.

Die entrückt um sich selbst kreisende Gitarrenfigur, mit der sich Thorn wie fast zu erwarten in einen zwischenzeitlichen Geschwindigkeitsrausch steigert, ist neben den fragilen Zwischenspielen eine wesentliche Eigenheit, aus welcher der Österreicher in Zukunft gezielt mehr Kapital schlagen sollte. In Hinblick darauf wächst hier eine originelle Formation heran, deren Facettenreichtum eine noch unflexible Gesangsstimme und jene Sippenhaft überschatten, die junge Musiker davor zurückschrecken lässt, Konventionen eines Genres respektive einer Szene zu ignorieren. Beim nächsten Mal darf man dann auch die Gestaltung des Tonträgers etwas liebevoller vornehmen als im Fall dieser nur zweckmäßig aufgemachten Jewelcase-CD.