Hangatyr – Kalt

Hangatyr - Kalt

Nachdem der Winter dieses Jahr fast komplett bei uns ausgefallen ist (eine Handvoll Frosttage und ein paar wenige Schneeflocken an einem Tag kann man wohl nicht als Winter bezeichnen!), muss man sich diesen denken oder woanders suchen. Verreisen wäre die eine Alternative, Musikhören die andere und natürlich auch viel kostengünstigere. Und wie man es sich nur unschwer ausmalen kann, wird man in der eiskalten Musiklandschaft des Black Metals am ehesten fündig, wie etwa im vorliegenden dritten, auf „Kalt“ benannten Album von Hangatyr. Der Titel ist hier selbstverständlich volles Programm, und so sausen uns beim „Niedergang“ ohne jegliche Vorwarnung gleich die kältesten Winterstürme um die Ohren. Bei einer entsprechenden Lautstärke muss man hier schon echt aufpassen, dass man von dieser winterlichen, aus den Boxen strömenden Akustikmacht nicht von der Stelle weggeweht wird, ähnlich wie es sich auf dem recht kargen, doch präzise auf den Punkt gebrachten Artwork des edlen Digipak-Covers präsentiert.

Fruchtbar wie ein Grabtuch
liegt das Schweigen in der Senke
tonlos lähmende Weite
zu nah ist, was entfernt geglaubt

Die acht ineinandergreifenden Kompositionen des Albums wirken allesamt wie unter einer hohen Schneedecke begraben, scheinbar ohne irgendwelche auf Anhieb sichtbaren, aus dem kalten Weiß herausragenden Tiefen und Spitzen, und glänzen vielmehr mit der im Black Metal oft dominierenden Enthaltsamkeit der möglichen Stilmittel. Doch dieser Schein trügt. Unter der rasenden und dichten, aus Rhythmusgitarre und grollendem Schlagzeug bestehenden Oberfläche ist nämlich noch um einiges mehr verborgen, als es anfangs den Anschein hat. Aus diesem Schneegestöber dringen immer deutlicher, je öfters man die Scheibe hört, die vielseitigsten und natürlich auch schnell dahinfließenden Melodieriffs und Gitarrenharmonien ans gespitzte Ohr, und ab dem zweiten Track „Entferntes Ich“ werden auch mehr und mehr verschiedene Rhythmus- und Tempowechsel vollzogen, die der klirrenden Thematik eine noch stärkere, lebendigere Dynamik verpassen und ein sehr rundes musikalisches und eiskaltes Gesamtbild ergeben. Mit der dahinbleichenden Zeit wird man immer mehr von dieser Musik eingenommen, man fühlt sich in ihr wohl, man glaubt sich zu Hause! Diese vorherrschende, heimische Kälte wird auch stimmig von der sich passenderweise irgendwie heiser anhörenden Stimme des Sängers Silvio begleitet, welche die auf Deutsch vorgetragenen, von alter Mythologie inspirierten und somit recht anspruchsvollen wie einigen Spielraum für Interpretationen belassenden Texte zeilenweise in die Weiten von Midgard hinausschreit. Diese Zusammenwirkung entfaltet letztendlich eine enorme Kraft, die sich bis hin zum letzten Song „Verweht“ zu einer immer dichter und dichter werdenden Atmosphäre in dem stürmisch gepeitschten Sound verfestigt. Dies macht „Kalt“ zu einem wirklich herausragenden Album des deutschsprachigen Black Metals. Sollte man definitiv kennen bzw. sich gleich auf seine Liste setzen!