Higurd – Egozentrik

Higurd - Egozentrik

Die deutschen Black Metaller von Higurd sind tiefst im Underground verwurzelt, und aus der tiefsten Finsternis des menschlichen Daseins graben sie sich mit ihrer dritten Offensive „Egozentrik“ nun ans verblassende Tageslicht, um ihre misanthropischen Botschaften voller Hass und Dunkelheit lauthals zu verkünden. Frohlockende Weihnachtskunde kann man auf deren Album demnach nicht erwarten. Vielmehr wird hier dem Hörer der Spiegel des in unserer ach so tollen Gesellschaft vorherrschenden menschlichen (Weihnachts)Geistes vor die Augen gehalten. Der Begriff „Egozentrik“ bezeichnet die Unfähigkeit, sich in die Lage anderer Menschen hineinversetzen und auch die eigene Sichtweise als nur eine unter mehreren auffassen zu können. Eine nicht gerade positive Eigenschaft, die zwangsläufig zu egoistischen Handlungen führt und gerade in den momentanen Krisenzeiten sehr stark und überall zum Vorschein kommt. Viele kürzlich stattgefundene Ereignisse zeigen ganz deutlich, dass unsere Gesellschaft schon längst nicht solidarisch, stattdessen aber unerbittlich und einfach nur krank ist. Jeder ist sich selbst der Nächste. Das spürt man beispielsweise nicht nur im großen Ausmaß an einigen politischen Übereinkommen oder dem zum einen die Arbeitskraft ausbeutenden und zum anderen bei Verweigerung gnadenlos in die Arbeitslosigkeit hinabstoßenden Arbeitsmarkt, sondern auch täglich bei so unscheinbaren Tätigkeiten wie dem Einparken oder dem Anstehen an der Kasse, wo oftmals jedwede Rücksichtnahme und Höflichkeit, Tugenden, aus denen unter anderem das Fundament der menschlichen Würde gebildet wird, einfach nicht mehr da zu sein scheinen. Hier kommen nun solche sich abstrakt anhörende Songtitel wie „Minusmensch“ oder sich sofort einprägende Textphrasen wie „die pure Anarchie, gelebt wird krank, gestorben nie“ zum Tragen. Sie lassen nämlich unvermittelt derartige, eben beschriebene Gedanken in meinem Kopf herumschwirren, auch wenn die beiden Jungs Nargathrond (alle Instrumente) und Morbid (Gesangsdarbietung) dabei sicherlich noch etwas extremere Vorstellungen des menschlichen Irrsinns vor Augen haben dürften – man werfe nur einen Blick ins Booklet und schaue sich die von Morbid wahrlich sehr morbid vorgetragenen Texte etwas genauer an.

Lasst uns nun aber etwas genauer auf die Musik eingehen. „Minusmensch“, der dritte Song der Scheibe, dürfte wohl das Aushängeschild dieses Albums sein, auch wenn der hier von Nattulv von Festung Nebelburg eingesungene Deutschrock-Refrain einen sehr starken Kontrast zu der vorherrschenden schwarzen Kunst bildet, was erst bei mehreren Hördurchgängen verdaut werden muss. Immerhin passt dies aber sehr gut zum Experimental Black Metal, und eben solcher wird hier gespielt. Dies merkt man auch den nächsten Songs an, wenn auch die beiden ersten Tracks im Großen und Ganzen noch so sind, wie Black Metal nach Lehrbuch zu klingen hat: Relativ geradlinig mit zügigem Rhythmusgefüge und einer gerade noch so durchschimmernden Melodik versetzt. Der vierte Song ist dagegen recht langsam und schwerfällig, während dem fünften ein Marschtakt angeheftet wurde, der sich verdächtig nach Rammstein anhört. So wird aber auf jeden Fall für Abwechslung gesorgt. Nach dem kurzen Instrumental-Cut „Innere Unruhe“ geht es dann etwas klassischer zur Sache, drei schöne Songs, die Higurd am besten zu Gesicht stehen – bei „Herz“ mit Unterstützung des zweiten Gastsängers Nero von Day’s End, was dem Album zusätzliche Extra-Punkte beschert. Ja, und der letzte und einzige auf Englisch verfasste Song „I am the night“, bei dem auch ein dunkler Sprechgesang bestens gekonnt zum Einsatz kommt, prügelt uns auf die beste Art und Weise, die Higurd zu bieten haben, aus dem Album heraus! Und da ich jedes Mal nicht genügend Prügel dabei beziehe, gebe ich ihm mir noch ein zweites oder gar ein drittes Mal hin. Erst dann habe ich so richtig blutunterlaufene Ohren und ein zufriedenes Grinsen… Hehe…

Auch wenn Higurd weder das Kreuz noch das Pentagramm neu auf den Kopf gestellt haben, so ist „Egozentrik“ ein recht gutes, wenn auch ein etwas eigenwilliges Album geworden. Der Hall ist roh und natürlich (das Schlagzeug kracht hier vor allem sehr ordentlich) und halt so, wie man es von einer dreckigen Black-Metal-Band erwartet. Alle, die auf pechschwarzen Sound aus dem Underground stehen, sollten hier zugreifen so lange es noch geht, denn das Teil ist auf schlappe 100 Einheiten limitiert. Dies gilt auch für diejenigen, die zum Wachwerden jeden Morgen eine starke akustische Keule brauchen. Ist besser als zig Tassen Kaffee… Der wichtigste Grund ist aber stets derselbe: Support the Underground!