Ifernach – Gaqtaqaiaq

Ifernach - Gaqtaqaiaq

Was gibt es denn Grüneres als Indianer, die Black Metal spielen, um auf die Kultur, den Kampf und die Geschichte des eigenen Volkes hinzuweisen. Gerade die Aufarbeitung der indianischen Geschichte ist ja etwas, was auf dem nordamerikanischen Kontinent nicht nur ein bisschen unter den Tisch gekehrt wird. Da werden Migranten als Verbrecher deklariert, Familien auseinandergerissen, aber dass die amerikanische Geschichte (und auch die kanadische im Falle von Ifernach nimmt sich da nichts!) sich stets um Immigration drehte und letztendlich auch mit Vertreibung und Enteignung einherging, woran die aus Europa abstammende Bevölkerung den Hauptanteil trug, wird heute wunderbar verschwiegen. Der Mann mit dem orangen Gesicht scheißt sich da nichts, und wenn er könnte, würde er wohl um die wenigen Reservate auch Mauern bauen. Aus dem Auge, aus dem Sinn, wer davon erzählt, verbreitet Fake News, nur dass davon gar nichts neu ist. Dass der Zweck die Mittel heiligt und man Familien mit Gewalt auseinanderreißt, und dass, wie im Falle der amerikanischen Ureinwohner, die Gewalt eben auch mal tödlich enden kann, ist ja für den, der die Geschichte schreibt, völlig legitim.

Aber genug des Exkurses, kümmern wir uns um die wichtigen Dinge im Leben, nämlich Musik. Ein wenig Eskapismus darf mir dabei ja wohl erlaubt sein. Auch wenn Ifernach vieles sind, doch bestimmt kein Cowboy- und Indianer-Spiel, denn dafür nimmt Finian Patraic seine Sache wohl viel zu ernst. Ob er tatsächlich selbst zu den Mi’kmaq, der Indianerstamm, der im heutige Quebec angesiedelt ist, gehört, bleibt dabei eher verborgen. Finian nutzt jedoch Sprache und Symbole des Stammes bei seinen Publikationen, wobei diese bisweilen recht wild mit dem Französischen vermischt werden. Macht natürlich Sinn die Sprache der „Besatzer“ zu sprechen, wenn man auf bestimmte Situationen aufmerksam machen möchte. Der Appalachian Wolf nutzt dabei eher wenig Raum, setzt mit vier EPs und zwei Splits eher kurze, aber umso heftigere Nadelstiche, welche den punkigen Charme der Musik noch unterstreichen. Passt auch im Endeffekt sehr gut zur Grundhaltung seines Projektes, welches zumindest live mittlerweile als Band fungiert. Ansonsten ist Finian als Einzelkämpfer tätig, spielt nahezu alles alleine ein, verbreitet jedoch dank sehr spielfreudiger Performance schlichtweg Spaß beim Hören. EP Nummer vier nennt sich „Gaqtaqaiaq“, und dank eines Online-Übersetzers der Sprache der Mi’kmaq, kann man das Ganze wohl in etwa mit „Ende des Pfades“ ins Deutsche übertragen. Hier kann man schon erkennen, dass Finian sein Ziel wohl erreicht, immerhin habe ich mich, wenn auch eher oberflächlich, mit der Kultur und der Sprache des Stammes auseinandergesetzt. Der Ansatz, Interesse durch eine Musikrichtung, die ja wirklich alles aber nicht indianisch ist, zu wecken, könnte durchaus kritisch gesehen werden, aber mittlerweile wird Black Metal in so viele Kulturen verfrachtet und dort verarbeitet, dass einem auch klar wird, dass diese Musik durch ihre archaische Härte und Kälte eben für viele alte bzw. untergegangene Kulturen nutzbar zu sein scheint.

Musikalisch geht Ifernach dabei einen recht typischen Weg des Métal noir québécois, schnell gespieltes Schlagzeug trifft auf flirrende Leads. Wenn man so wollte, könnte man Ifernach als rumpelige Punk-Version von Forteresse bezeichnen und würde damit wohl ziemlich richtig liegen. Ein bisschen schade ist es, dass unter den neun Stücken auf der Platte zwei dabei sind (bezeichnenderweise wurden diese auf der Bandcamp-Seite mit Pfeilsymbolen benannt), welche aus der Feder des französischen Filmkomponisten Georges Delerue stammen. Da stellt sich für mich immer die Frage, welchen Mehrwert es für den Hörer hat, wenn solche offensichtlich nicht von der Band stammenden Stücke auf einer Platte verwendet werden. Der Atmosphäre dient es natürlich, da die beiden Stücke durchaus einen melancholischen Western-Charakter haben, trotzdem wäre da etwas Eigenarbeit spürbar wertiger gewesen. Sei es drum, die schwarzmetallischen Songs sind dafür umso stärker, versprühen reichlich Rotz und wirken durch den Einsatz der französischen Sprache richtiggehend angepisst. Ähnliches kann man ja bei den kaputten Nationalisten Peste Noire und den nicht minder wahnsinnigen Baise Ma Hache erfahren. Die wütenden Texte wirken stimmig im Kontext und verdeutlichen die wilde und energiegeladene, musikalische Darbietung, welche in Sachen Sound äußerst roh, spieltechnisch jedoch über alle Zweifel erhaben erscheint. Rohe Gewalt wirkt eben nur richtig, wenn sie auch gut und präzise gespielt wird. Finian ist bemüht um Abwechslung in den Stücken, im Endeffekt sind die Ausdrucksmittel jedoch leicht limitiert. Das heißt, auf richtiger Albumlänge könnte das Ganze doch recht ermüdend wirken, doch die über 29 Minuten der EP sind hier genau richtig. Ein kurzes Abrissprogramm, welches in der Form sicherlich auch live sehr viel reißen wird. Gerade so ein simpler, aber effektiver Rausschmeißer wie „Métal sauvage gaspésien“ knallt, knirscht und knarzt ohne Ende, und wenn das Ganze dann mit indianischem Geistertanz endet, ist man atmosphärisch voll dabei. „Gaqtaqaiaq“ ist eine kurzweilige, ungewöhnliche und somit absolut wertvolle Platte, weil die Hintergründe von Ifernach spannend und interessant sind. Das hat noch nicht einmal etwas mit Exoten-Bonus zu tun, der starke Black Metal des Projektes hätte diesen überhaupt nicht nötig!