Immorior – Ciel Noir

Die von außen eher schlicht anmutende Scheibe „Ciel Noir“ von Immorior gehört für mich zu den kleinen Überraschungen in diesem Jahr. Wie bitte, beim Namen Immorior klingelt was? Nein, es handelt sich nicht um die gleichnamige italienische Black-Metal-Band aus den späten 90ern. Hier sind die deutschen Atmospheric-Post-Black-Metaller aus dem Saarland gemeint, deren letztes Lebenszeichen allerdings schon fünf Jahre zurückliegt. Obwohl „Ciel Noir“ lediglich eine EP mit fünf Songs ist, würde ich trotzdem sagen, dass sich hier das Warten gelohnt hat. Denn die mit einer knappen halben Stunde Spielzeit angenehm kurze Scheibe geht ebenso angenehm und schnell ins Ohr. Fast schon würde ich ihr einen gewissen Ohrwurmfaktor unterstellen.

Wenn ich recht darüber nachdenke, ist „Ciel Noir“ stellenweise sogar ziemlich groovy. Na ja, das Rad wird von den Saarländern zugegebenermaßen nicht neu erfunden. Was mich jedoch angenehm überrascht hat, ist der große Raum für Experimente, den sich Immorior auf dieser doch recht überschaubaren Fläche nehmen. Es sind zwar höchstwahrscheinlich gerade die speziellen Post-Elemente, welche den richtig schwarzen Seelen auf den Magen schlagen werden. Diejenigen, die den Rand ihres musikalischen Tellers allerdings gerne überschreiten, könnten an „Ciel Noir“ ihre Freude haben.

„But even if god may forgive
It would never be forgiven“

Trotz subtilem Ohrwurmfaktor: Ein Hort der Freude ist „Ciel Noir“ nicht. Denn so sehr Gitarre und Schlagzeug den Nacken auch zum leichten Mitwippen veranlassen, sind es abermals die Post-Elemente, die sich dezent in den Vordergrund drängen und maßgeblich an der bedrückenden Stimmung beteiligt sind. Stimmlich gibt es neben kreischenden Wutausbrüchen auch einiges an klarem Gesang, der wohlplatziert eingesetzt wird. Gleiches gilt für die Mischung aus verzerrten Gitarren und Akustikparts, welche den Hörer mal sanft und gemächlich, mal treibend und fordernd an die Hand nehmen. So beweisen Immorior in meinen Augen ein gutes Gespür für den passenden Einsatz der einzelnen Elemente.

Den Anfang von „Ciel Noir“ macht „Underneath a Broken Sky“ und lässt sich erst mal vor allem eines: Jede Menge Zeit. Auf eine völlig entschleunigte Art und Weise beginnt der Song eher unerwartet. Aus einer bedrohlichen Atmosphäre heraus, die durch dumpfes Dröhnen, Trommelschläge und mit Rückkopplungsgeräuschen erzeugt wird, steigert er sich hin zu einem beinahe schon alltagstauglichen, rockigen Song, der mich ein wenig an Gothic erinnert. Da wirkt das in der Mitte des Songs geflüsterte „Who am I?“ beinahe schon ein bisschen augenzwinkernd und selbstironisch. Erst knapp vor dem Schluss bricht „Underneath a Broken Sky“ mit seiner zurückhaltenden Art, und eine Welle von Wut und – wie ich finde – auch Trauer türmt sich vor einem auf. Letzten Endes entschwindet der Song beinahe so wie er begonnen hat und trägt seine Hörer sanft in die zweite Nummer hinein. „If God May Forgive“ beginnt stilistisch ein bisschen so wie sein Vorgänger, kommt dabei aber schneller zur Sache und macht nun endgültig dem atmosphärischen Black Metal Platz. Mit einem repetitiven Gitarren-Riff und dem nicht ganz unverständlichen Kreischen steht „If God May Forgive“ ganz gut für die Grundstimmung der EP. Auf eine ähnliche Art und Weise geht es auch in dem wütenden „Monument of Time“ sowie dem rockigen „Dim the Light“ weiter. In beiden wird stimmungsvoll zwischen Growls und Clean-Vocals sowie ruhigen und treibenden Parts gewechselt. Mit dem abschließenden Titeltrack „Ciel Noir“ wird es noch einmal sehr experimentell. Das viereinhalbminütige Instrumentalstück wird lediglich von einer einzigen gesprochenen Zeile untermalt, die dafür aber mehrmals wiederholt wird. Insgesamt finde ich, dass auch diesen Song mehr der Hauch anderer Genres umgibt, als dass er etwas mit Atmospheric oder Post-Black Metal zu tun hat.

Liest man sich die Texte dieser EP durch, erkennt man schnell, dass es sich bei „Ciel Noir“ um eine Geschichte handelt, die in den einzelnen Songs erzählt wird. Wie zu erwarten, handelt es sich dabei um eine traurige Geschichte, in der Licht und Hoffnung wenig Platz haben. Ich möchte das Entdecken und Erfahren dieser Geschichte allerdings jedem selbst überlassen, ohne jetzt großartig darauf einzugehen. Recht häufig wird der Begriff „God“ genannt, der dem Ganzen einen Hauch Religiosität vermitteln könnte. Ich würde dies jedoch mehr aus einer spirituellen Sicht heraus betrachten. Man könnte sich theoretisch selbst aussuchen, welcher Gott hier gemeint ist. Aus dem Kontext heraus tippe ich hier jedoch auf einen christlichen Hintergrund, auch wenn das Thema Christentum auf „Ciel Noir“ keine Rolle spielt und die EP meiner Ansicht nach eher generell Tod und Trauer thematisiert.

Wie bereits gesagt, war „Ciel Noir“ für mich eine echte Überraschung. Was unter der Haube dieser EP steckt, das hatte ich so nicht erwartet. Ich hoffe, dass Immorior sich für die nächste Veröffentlichung nicht ganz so viel Zeit lassen, denn die Truppe hat auf jeden Fall Potenzial!