In Cauda Venenum – G.O.H.E.

In Cauda Venenum - G.​O​.H.E

Zweites Album, zwei monströse Tracks mit jeweils über zwanzig Minuten Spiellänge, zwei Künstler, die auf dem Foto wie Geister der zukünftigen Weihnacht aus dem Klassiker von Charles Dickens aussehen. Das sind vielleicht die augenscheinlichsten Eckdaten zu „G.O.H.E.“, wobei man sich nun gleich fragen kann, wofür diese Abkürzung steht. Ein Blick in die mir leider völlig unverständlichen französischen Lyrics befördert zumindest den in Großschrift prangenden Namen Geneva Odelia Hilliker Ellroy zutage, und man darf davon ausgehen, dass In Cauda Venenum sich hier mit dem ungeklärten Verbrechen an der Amerikanerin Jean (so ihr Spitzname) Ellroy, der Mutter des bekannten Kriminalromanschriftstellers James Ellroy, beschäftigen. Zugegeben, das ist jetzt zwar nicht viel an Infos, aber den Rest erledigt die Phantasie und die sehr voluminöse Musik, welche allein für sich stehend ganze Bände spricht. Im Grunde genommen haben wir hier einen orchestral angehauchten Post-Black Metal vorliegen, was dann in etwa wie Lunar Aurora auf Summoning-Droge klingt. So war zumindest mein erster Gedanke. Doch genauer ausformuliert, trifft hier ein ganz und gar pechschwarzer Sound, um einiges dichter und düsterer als der vermeintliche Black-Metal-Standard, auf einen orchestralen, aus Kontrabass, Cello sowie Piano bestehenden Hintergrund. Das nicht durchgehend, aber schon sehr regelmäßig und der Musik einen ganz besonderen Stempel aufdrückend. Während sich das düstere Metallgerüst wie ein enges Korsett mit den klebrigen, aber äußerst atmosphärischen Gitarrenflows an den Hörer anschmiegt, sind die aufflammenden Darbietungen der orchestralen Instrumente wie weiße Rosen, dem schwarzen Mutterboden entwachsen und mit ihren zarten Blüten kontrastreiche Akzentuierungen setzend. Diese Vorstellung trifft vor allem auf den ersten Song „Malédiction“ bzw. „Fluch“ ziemlich hundertprozentig zu. Bei „Délivrance“ bzw. “Befreiung” ist die Metal-Schiene merklich heruntergeschraubt und, um bei meiner bildhaften Imagination zu verbleiben, von den orchestralen Rosen quasi überwuchert. Die melodische Schlagseite – ja, die beiden Songs sind aufs Äußerste mit wirklich grazilen, nicht unbedingt direkt wahrnehmbaren Melodien ausgeschmückt – macht diesen Song zu einer richtig unter die Haut gehenden Grabeshymne. So eine Band wie Ferndal könnte hier vielleicht sogar mehr als Vergleich dienlich sein. Stimmig eingebaute Sprechpassagen, welche die Ereignisse, so wie ich es verstehe, aus der Sicht des damals 10-jährigen Sohnes wiedergegeben werden, geben der morbiden Atmosphäre noch den letzten Feinschliff. Im Grunde genommen ist dies eine echt mehr als gelungene musikalische Rekonstruktion eines mysteriösen Mordes. Folglich dürfte diese Scheibe für Freunde derartigen Thematik einfach zum Dahinschmelzen sein. Aber auch all diejenigen, die sich gerne mal in verträumte Musiklandschaften entführen lassen, sind bei In Cauda Venenum genau an der richtigen Adresse. Mich hat die Scheibe zumindest sofort gepackt!