Isgalder – The red Wanderer

Isgalder - The Red Wanderer

Nachdem ich Isgalder auf dem diesjährigen, bereits zehnten Dark Troll Festival endlich auch live erleben durfte, was eine recht stimmige Angelegenheit war, auch wenn die Band nur zu dritt auftrat, wurde es allerhöchste Zeit, deren zu „The red Wanderer“ betiteltes Full-Length-Debüt einer genaueren Dauerrotationsprüfung zu unterziehen. Auf dem in einer Auflage von 300 Stück (200 im Jewelcase und 100 in einem speziellen A5-Digiformat) produzierten Album wurden neun Tracks eingeritzt, davon zwei wiederverwendete („Soaring Mountains“ aus der EP „To the Hall of the Stars“ an dritter sowie „Sirius Ablaze“ aus der 4er-Split mit Bestia, Urt und Zornestrieb an fünfter Stelle), die eine recht kalte musikalische Landschaft aufleben lassen. Fröstelnd ist schon der Bandname, der in Althochdeutsch verfasst ist und so viel wie „Eisige Gesänge“ bedeutet. Dieser, eine zeremonielle Würde versprühender Name wie das einen Hauch von Magie verheißende Logo machen somit schon auf Anhieb klar, was auf diesem (wahrscheinlich in einer hellen Vollmondnacht aufgenommenen) Silberling zu erwarten ist: Epische Naturverehrung in reinster Pagan-Metal-Form.

Ein schönes „Isthro“ mit dezenten Synth-Geräuschen, vorsichtigen Trommelschlägen, sanfter Violine sowie dem von Grimwald bereits bestens bekannten Ohhhhouuoo-Gesang zu aufwachenden und sich reckenden E-Gitarren geleitet uns in die Welt des roten Wanderers, der in einem wunderschönen Artwork das Cover des Albums ziert. Ich finde es ausgesprochen gut, dass hier dem Rotfuchs, einem Tier, das alleine schon wegen seiner berüchtigten Schlauheit aus unserem täglichen Wortgebrauch nicht mehr wegzudenken ist, ein Lied gewidmet wurde, und das in einer Zeit, in der die grausame und verboten gewesene Baujagd immer wieder stärker befürwortet und erneut praktiziert wird. Schämen sollte sich das Menschenpack! Aber das steht hier jetzt nicht zur Debatte…

„Funeral Fire“ lädt mit der sogleich einsetzenden, eiskalten Keyboard-Melodie – ähnlich wie diese in den 90ern oft zum Einsatz kamen – und den nachfolgenden Gitarren zu einem furiosen Ritt durch schneeverwehte Felder, welche sich vor meinem geistigen Augen zu stetig neuen Gebilden formieren und derart ihre unzähmbare Wildnis offenbaren. Grimwalds fauchende Stimme passt selbstredend verdammt gut dazu und unterstreicht schärfend diese majestätische Vorstellung. „Soaring Mountains“ trumpft dagegen mehr mit der klaren Stimme, volltönender Erhabenheit, wie es im thüringischen Pagan Metal seither Tradition ist und ein markantes Qualitätsmerkmal der Musik aus dieser weit über die Grenzen von Deutschland bekannten Region ist. Stimmlich geht es in den anderen Songs ähnlich zur Sache, ein stetes Auf und Ab zwischen stolzer Würde und notwendiger Härte, wobei sich hier, was irgendwo ganz natürlich ist, diverse Parallelen zu den anderen Bands von Grimwald nicht von der Hand weisen lassen. Für die Schwingungen der Gitarrensaiten gilt zum Teil dasselbe, was aber auch kein Wunder ist, wenn man bedenkt, dass selbst VRCHTR lange als Live-Member von Winternaht aktiv gewesen war. Doch spätestens beim nächsten Song, dem Titeltrack „The red Wanderer“, lösen sich solche Gedanken in Rauch auf, man lässt sich von der Epik des subtil gesponnenen Melodieleitfadens erquicken, man schwelgt in der mystischen Aura mit. Ob das Keyboard oder die Gitarren hier die Oberhand haben, das ist, wie bei fast allen Isgalder-Kompositionen übrigens, nicht immer leicht feststellbar. Letztendlich ist es das Zusammenspiel aller Instrumente, ebenfalls aus dem urwüchsigen Schlagzeug und strukturierten Bass bestehend, welches die Musik macht. Alles ist gleichbedeutend und -berechtigt und steht im harmonischen Einklang zueinander, so wie es in der Natur der Sache oder besser gesagt in der Natur der Natur liegt. Das Interessante ist auch, dass es diesen Song auch gleich zweimal auf der CD gibt. Noch einmal an der vorletzten, achten Stelle, diesmal jedoch mit dem deutschen Titel „Der rote Wanderer“ versehen und in einer entschleunigten, viel stärker vom Keyboard dominierten Spielweise dargereicht. Die drei schwungvollen, mit klirrender Energie geladenen Songs dazwischen, „Sirius Ablaze“, „Ulterior Worlds“ sowie „Empire of Ice“, bilden eine funkelnde und stabile Brücke, welche das gesamte, zuweilen fragil vorkommende Soundgebilde auf festem Untergrund ruhen lässt.

Ein sehr langes mit Ambient-Klängen behaftetes Stück zum Schluss lässt uns noch abschließend in aller Seelenruhe das eben gehörte verarbeiten. Schamanistische Trommeln und naturmystisch raunende Windgeräusche zu sanften Keyboard-Klängen lassen den gerade beschrittenen Weg vor dem inneren Auge nochmals Revue passieren. Man fühlt sich erfrischt, eins mit Mutter Natur, man möchte am allerliebsten den Rucksack packen und augenblicklich irgendwohin aufbrechen, gänzlich neue – obgleich uralte – Pfade beschreiten, den kompletten Wahnsinn des aktuell modernen, ökonomischen Hamsterrads mit der Leichtigkeit des Fingerschnippens hinter sich lassend. Wer diese über 19-minütige Gedankenwanderung durchhält, wird zum Schluss noch mit dem nahtlos sehr unerwartet aufgefahrenen und gelungenen Darkthrone-Cover des Songs „Valkyrie“ vom 2013er Album „The Underground Resistance“ belohnt. Diese, sich am Ende von „Galthro“ versteckende Nachspielzeit ist aber nur auf den originalen, physikalischen (so wie es seit Anbeginn der Musikindustrie der Fall ist) Tonträgern zu finden. Geizläuse gehen hier leer aus. Recht so!

Isgalder ist ein tolles, ehrliches und fernab des Mainstreams agierendes Pagan-Metal-Projekt, dem man definitiv unbedingt seine beiden Ohren leihen sollte, wenn man sich auf ernst gemeinte, naturverbundene Musik einlassen möchte. „The red Wanderer“ könnte der perfekte Einstieg in dieses nicht leicht zu ergründende, dafür aber mit den schönsten Schätzen lockende Domizil sein! Und bitte auch nicht gleich bei der ersten Hürde aufgeben (die Flinte könnt ihr dagegen getrost ins Korn werfen)! Das Album wie die Eisblumen benötigen Zeit, damit sie wachsen, blühen und euer Gemüt noch mehr erfreuen können!