Licht- und Schattensaiten – Weißbunter Rabe

Licht- und Schattensaiten - Weißbunter Rabe

Wo Schatten, da auch Licht oder umgekehrt, und dieser Umstand findet sich auch oft in der Musik projiziert wieder, besonders auffällig und sichtbar in dem zu Licht- und Schattensaiten getauften Projekt des Einzelplayers Stefan Johannes. Das aktuelle Album „Weißbunter Rabe“, das als Tape über Narbentage in der üblichen Kleinstauflage von 66 Stück veröffentlicht wurde, ist bereits das zehnte (!) langläufige Werk dieser Formation, mit der ich hier allerdings meine erste Bekanntschaft machte. Rein thematisch ist es eine interessante Kiste, denn dem Albumtitel entsprechend wurde hier der einst auf den Färöer-Inseln beheimateten und von Menschenhand ausgerotteten Unterart des Kolkraben, dem Weißbunten Raben, ein kleines Monument gesetzt. Eine sehr schöne Geste, welche allen naturverehrenden Schwarzmetallern nah ans Herz gehen dürfte. Für den Metal liebenden Ornithologen sollte dies ebenfalls das richtige Musikfutter sein.

Zunächst aber wäre zu klären, ob dieses Rabenmaterial, welches allgemein als Experimental Black Metal durchgeht, überhaupt schwarz und metallisch ist. Dem Bandnamen und dem Titel zufolge, handelt es sich nämlich auch bei der hier dargebotenen Musik um eine relativ buntgemischte Vielfalt aus Schwarz und Weiß. Ein Punkt, welcher bei einigen direkt etwas Skepsis auslösen könnte, ist das Fehlen jeglicher elektrischer Instrumente. Keine E-Gitarre und Co., stattdessen nur Akustikinstrumente (u. a. selbstgemachte Akustikgitarre und ein 5-String-Akustikbass!) zu vernehmen. Rein instrumental erinnern die sieben Stücke des Albums mehr an Dark Folk oder etwas in der Art. Erdverbundene, recht behutsame Percussion, die, gelegentlich auch etwas mehr Fahrt aufnehmend, zusammen mit den sehr ausgeprägt gezupften Gitarren ein recht wildes, mal harmonisches, mal doch etwas verzerrtes Treiben ergibt. Mit der harschen Stimme, die als einzige den Black Metal aufleben lässt, wie dem hintergründigen, archaisch und wehklagend lautendem Chorgesang ist dies ein wahrlich recht einzigartiges, wenn nicht gar stark gewöhnungsbedürftiges Gemisch, welches erst nach und nach seine Genialität offenbart. Meistens scheint die Musik eine gewisse und endgültige Ruhe auszustrahlen, doch in der Umkehr kann sie auch eine Hektik, die einer Fluchtpanik gleichen könnte, heraufzubeschwören. Das lässt sich nur unzureichend in Worte kleiden, doch eines ist klar: So etwas muss man gehört haben. Ich für meinen Teil fühle mich von dieser Musik, die Bilder in meinem Kopf entstehen lassen kann, bestens aufgehoben. Doch für sture Metal-Enthusiasten wird der „Weißbunter Rabe“ sicherlich zu krud und zu wenig Metal sein, obwohl die Einflüsse mit Ulver, Nocte Obducta, Dornenreich oder auch Opeth ohne Frage sehr schwarzmetallisch sind.

Wegen der starken naturbezogenen Thematik wird das Schaffen von Stefan, der hier für alles, auch für das wundervoll gezeichnete Artwork, selbst verantwortlich ist und mit Jahresringe auch noch ein weiteres, nicht minder interessantes Projekt am Start hat, als Wilderness Black Metal bezeichnet, was ich absolut zutreffend finde. Allen mit den guten Erdgeistern in Verbindung Stehenden definitiv zu empfehlen. Als Anspieltipps würde ich die beiden Songs „Spur im Sand“ sowie „Menschen bringen Tod“, das zum Schluss hin eine sehr geniale, melodische Stimmung erschafft, empfehlen.

Licht- und Schattensaiten bei Bandcamp
Freiraum-Fragmente (Homepage von Licht- und Schattensaiten und Jahresringe)