Moonreich – Fugue

Moonreich - Fugue

Les Acteurs de l’Ombre Productions sind ein kleines Label, deren reichhaltiges Angebot an modernen Black-Metal-Bands aus Frankreich aktuell seinesgleichen sucht und seit einigen Jahren regelmäßig Löcher in meine Geldbörse pflügt. Neben einigen großartigen Vinyl-Veröffentlichungen glänzt man durch beeindruckende Limited Editions, Bundles und Sammlerboxen und hat mit Gruppen wie In Cauda Venenum, Regard Les Hommes Tomber oder The Great Old Ones so ziemlich die komplette Bandbreite der modischeren Black Metal Avantgarde abgedeckt. Das Label hat es sich zur Aufgabe gemacht, die düsteren Künste französischer Bands zu verbreiten und vielen neugierigen Ohren vorzustellen, auf dass diese Musik mehr Gehör finde. So auch das neue Werk einer Band aus Paris…

Moonreich, die anders als das Gros ihrer Kollegen mutig die Fahne des klassischen Black Metals hochhalten, schicken mit „Fugue“ ihr viertes Album in Vollspielzeit für LADLO ins Rennen („Curse Them“ aus September 2012 stellt nur eine EP dar, das Material von vor 2015 erschien noch auf anderen Labels). Sieben teils überlange Songs zwischen jeweils fünf und zehn Minuten zieren das Werk und wollen in die Gehörgänge genagelt werden, um dort ihre fauligen Kreise zu ziehen. Unnötig zu erwähnen, dass Aufmachung und Artwork (welches durch ein Herz geprägt ist, dessen Hauptschlagader eine Giftschlange darstellt) hervorragend auf den folgenden par force Ritt durch die schwarzmetallische Schlacht einleiten und auch das menschliche Auge erfreuen…

Los geht es mit den beiden titelgebenden Stücken „Fugue, Pt. 1: Every Time She Passes Away“ und „Fugue, Pt. 2: Every Time the Earth Slips Away“, das erste rasend schnell und peitschend, das zweite überlegter, atmosphärischer und dennoch durchschlagskräftig. Die Prägung vieler Jahre in der Szene und den hohen Reifegrad erfahrener Musiker hört man Moonreich schon in der Eröffnungsphase an. Die Band profitiert von einer amtlichen, ausreichend klaren und druckvollen Produktion und gerade die Vocals schaffen durch ihre Entrücktheit und Intensität die bittersüße Gewissheit, dass man etwas Wichtiges verpassen würde, hörte man hier nicht aufmerksam zu. „With Open Throat for Way Too Long“ manifestiert diese Stärken weiter, so galoppieren die Drums durch die Ohrmuschel, variierend im Tempo und unterlegt mit furiosen Riffs, immer wieder aufgelockert durch einige Arpeggios und ruhige Gitarrenmelodien. „Heart Symbolism“ rockt dann überraschend gemächlich los, das Trommelfell wiegt ob der Abwechslung fröhlich im Takt und der Song gibt Raum und textliche Anregung, das Artwork und den dahinterliegenden Symbolismus erneut zu erkunden. Um die Vierminutendreißigmarke entfesselt der Song eine rhythmische Dichte und Intensität, die man getrost als Weltklasse im Black Metal umschreiben kann. Hier zeigen Moonreich, dass auch gemäßigtere Tempi Gehör finden können und präsentieren uns im gleichen Atemzug den heimlichen Hit des Albums.

„Rarefaction“ perfektioniert daraufhin das Spiel mit gediegenen Tempi und durchdachter Dynamik, um den Hörer in angenehmer Sicherheit zu wiegen, nur um sich wieder und wieder in ekstatischen Ausbrüchen zu ergehen und zu zeigen: Black Metal ist nichts für Sicherheitsfanatiker! So überrascht auch „Carry That Drought Cause I Have No Arms Anymore“ mit mehr Atmosphäre und Gänsehaut-Riffs, als man einer alteingesessenen Black-Metal-Combo zutrauen würde. Abgeschlossen wird das Album mit der Feuerwalze „The Things Behind The Moon“, welches auf etwas mehr als zehn Minuten noch mal alle Tugenden der Band zusammenfasst, das Album bockstark beendet und die Gehörgänge nach erfolgter Infektion loslässt, nur um sich mit lautem Klingeln wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Moonreich gelingt mit „Fugue“ das Kunststück, ehrlichen, rauen und bisweilen brutalen Black Metal abwechslungsreich, dynamisch und mit hoher kompositorischer Klasse darzubieten, ohne in Klischeefettnäpfchen zu treten oder sich moderneren Tönen anzubiedern. Produktion, Sound und Selbstverständnis erinnern an die Zeiten, als Immortal ihre Hochphase hatten, genau dort setzen Moonreich an, schaffen eine logische Weiterentwicklung und sind ihren Genrekollegen zumeist mindestens einen Schritt voraus. Es würde mich sehr wundern, dürfte diese Scheibe schon nach einmaligem Hören aus dem Gehörgang verschwinden, ist das, was Moonreich hier geschaffen haben, doch zu sehr Balsam und Reibeisen geschundener Seelen gleichermaßen.