Mosaic – Harvest / The Waterhorse

MOSAIC - Harvest / The Waterhorse

Zugegeben, ich tue mich schwer, bei Mosaic den Durchblick zu bewahren, denn diese augenscheinliche neue Veröffentlichung in Form einer Kassette, die vorerst exklusiv dem Live Eclipse Magazin beiliegt, enthält Aufnahmen älteren Materials. Einiges davon stammt wohl sogar aus den letzten Tagen der grandiosen Alchemyst (siehe Hammerheart #7) und ist in der Entstehung somit vor „Old Man’s Wyntar“ anzusiedeln. Es mag sein, dass ich mich da irre, doch das ist mir einerlei, denn wenn sich bei Mosaic kein Raum für Wunderliches findet, dann weiß ich nicht, wo in der nahe gelegenen Musiklandschaft überhaupt noch so etwas zu finden sei…?! Die „Harvest“ Seite entführt den geneigten Hörer mit dämmrigen Folk-Klängen in abendliche Spätsommerszenarien, wobei die Inszenierung so gespenstisch wie fabelhaft gelingt; fast so, als ob Dornenreich und Empyrium sämtlichen Schnickschnack an Bombastproduktion und (ab?)gehobenem künstlerischen Anspruch beiseite geschoben hätten, um auf freiem Felde die Erdgeister zu beschwören. Das ambiente Dröhnen und Klingen, mit dem „Harvest“ den Hörer begrüßt, spottet dem Reinheitsgebot des Genres, um in das erste Kapitel namens „Feuerspuk & Tannenreben“ überzuleiten – eine Variation von Georg Trakls „Der Gewitterabend“, die wahrhaft abenteuerlich vorgetragen wird. Eine Zeile wie „Kranke kreischen im Spitale“ würde von vielen Bands ungelenk bis peinlich in ein dummdreistes Korsett von Attitüde und Konformität gezwängt, bei Mosaic hingegen kommt das Abgründige menschlich zum Tragen; und vielleicht mag sich der eine oder andere Nachtwandler hier an den „Tiefenrausch“ von Trist (das Projekt von Benjamin König/Lunar Aurora mit dem Dichter und Philosophen Timo Kölling) erinnern.

In den folgenden neun Abschnitten verdichtet Martin von Falkenstein das Klanggeräum, durch welches er die Gedichts-Variationen geisterhaft weben und wabern lässt, sie mit Spinnenfingern zu umgarnen scheint und in neofolkloristischen Passagen weite Landschaften in kargen Farben malt, in denen sich der Mensch als kleine Gestalt bewegt und verliert. Tor Lundvall hat dieses demütige und allzumenschliche Wundern und Schaudern einst mit anderen Mitteln vertont, im Geiste jedoch liegt hier vieles nahe beieinander. Das Alchemystische wirkt wohl nach, denn Mosaic tönt in puncto Performanz und Produktion keineswegs sauber: Pulverstaub wirbelt hier bei jedem Anschlag auf der Gitarre auf, die Luft ist schwer und dumpf, dem nahenden Tod gibt der Wahnsinn Geleit. „Der letzte Atem“ neigt zum Metallischen und verbindet die Herbstdichtung von Georg Trakl, Max Dauthendey und Christian Morgenstern mit Martin von Falkensteins eigenen Zeilen – eine Vision nahe am Größenwahn und gerade deshalb absolut packend und gelungen. Wer hat sich solcherlei Anmaßung in letzter Zeit erlaubt? Wenn den ursprünglichen Black Metal etwas ausgezeichnet hat, dann doch einen mächtigen Willen zur Freiheit verbunden mit dem Streben nach etwas den Menschen weithin Überragenden.

Mosaic zeigt sich in dieser Hinsicht mutiger, vielleicht auch verrückter als viele leider recht ideenlose Gestalten, die ihr Heil in der Rückkehr zum Heavy Metal suchen, der zwischen Bierbüchse und Horrorfilm stattfindet. „Harvest“ ist die persönliche Ernte eines Musikers, der offenbar dem Schnitter mehr und mehr abringen will, bevor dieser ihn holt und er einige Aufnahmen unter vielen hinterlässt. Die Novelle „The Kelpie Riders“ des kanadischen Dichters William Bliss Carman stand Pate für den Liederreigen auf der Seite „The Waterhorse“, die ebenfalls versponnene Visionen enthüllt, jedoch mehr noch zum Schwarzmetallischen neigt. Ähnlich wie bei Paysage d’Hiver handelt es sich hier um Musik wie gemacht für Magnettonbänder: Nichts geht über eine alles ummantelnde Atmosphäre… Dieses Tape beherbergt eindringlicheren Klangmystizismus als ganze Regalreihen von zeitgenössischem Black Metal und Neofolk. Nach der Auflösung von Alchemyst und dem (einstweiligen?) Abschied von Lunar Aurora liegen nach diesen zauberhaft wylden Aufnahmen die Hoffnungen dunkler deutscher Tonkunst vor allem auf Mosaic. Anzumerken bleibt zudem, dass die Gestaltung der Kassette und des Beiblatts traumwandlerisch „erdnah“ geraten ist. Eine Veröffentlichung in anderen Tonträgerformaten ist angedacht, meines Wissens nach jedoch noch nicht in konkreter Planung.

(auch veröffentlicht im Hammerheart Fanzine #10, Mai 2016)

Anmerkung der Redaktion: Die zweite Auflage der Kassette ist jetzt auch seperat über Eisenwald und den Mosaic Bandcamp Store erhältlich.