Nachtlieder – Lynx

Nachtlieder - Lynx

Hinter dem zu Nachtlieder benannten Musikprojekt verbirgt sich, dem zu solchen Gedanken womöglich verleitenden Bandnamen entgegen, nicht etwa eine Sammlung von mit allergrößter Sorgfalt ausgewählten wie traditionellen Gutenacht- oder Wiegenliedern, sondern wirklich das, was den Namen in seiner einfachsten Bedeutung ausmacht: Eine in akustische, pure Nachtschwärze verschnürte Auslese von wütenden Black-Metal-Ausbrüchen! Rau, primitiv, knüppelhart, wie man es halt von einer Horde junger, gerade der Pubertät entwachsener und sehr grimmig dreinschauender Bartträger aus dem hohen Norden Skandinaviens erwartet. Doch halt, irgendetwas ist hier doch anders… Spätestens nach einem flüchtigen Blick ins Booklet wird man feststellen müssen, dass hier keine junggesichtige Corpsepaint-Meute am Werk ist, sondern nur eine einzelne Person, welche zudem noch dem weiblichen Geschlecht angehört! Ui, eine echt ungewöhnliche und überraschende Tatsache. Wobei so ganz alleine ist die schwarze Hexenkünstlerin nicht unterwegs, denn am Schlagwerk erhält sie tatkräftige Unterstützung vom Gastmusiker Martrum, und stimmlich wird sie ein wenig von einem gewissen Déhà, welcher zudem für den Mix und das Mastering verantwortlich ist, entlastet. Für den Rest ist jedoch Dagny Susanne, die Initiatorin dieses Projektes, selbst verantwortlich. Und das klangliche Erlebnis des Invulnerable Swedish Black Metals kann sich wirklich hören lassen!

„Claws and Bone“ ist noch ein etwas zurückhaltender Mid-Tempo-Crawler, wie eine schnüffelnde Bestie halt, die ein neues Terrain mit einer gehörigen Prise Vorsicht in Beschlag nimmt. Der Titeltrack sprintet dagegen schon wie ein Luchs viel sicherer in dem aufkommenden Blastbeat-Gewitter umher und lässt bei der flink surrenden Gitarre die Lauscher spitz werden. Ja, mit nur einer recht kargen Zutatenliste wird hier dennoch eine sehr dunkle und dichte Atmosphäre heraufbeschworen, die von der krächzig-fauchenden Stimme gekonnt umrandet wird. Dies ist beim ersten Hördurchlauf vielleicht noch nicht ganz so offensichtlich, aber mit wiederholten Rotationen wird man gewiss in der Musik aufgehen können und dieses Album doch als einen ziemlich starken Stoff anerkennen müssen. Die Musik knallt auf jeden Fall besser als das Rauchen von getrockneten Pilzen! Melodiegewürze werden in Dagnys Hexenküche ebenfalls nur ganz sparsam eingesetzt, aber dafür entfalten diese wohldosierten Prisen die gewünschte, schwarzmagische Wirkung, was vor allem im vierten Lied „Nameless, Faceless“ bestens ausgerollt wird. Auffallend sind auch die recht vielen Death-Anleihen in den Kompositionen, wie nachfolgend bei „Law of Decay“ zum Beispiel, die hier gut herauszuhören sind und das gestrickte Gesamtwerk zwar etwas simpler als so manch andere neuere Black-Metal-Scheibe erscheinen lassen, doch Hand aufs Herz: Muss es immer komplex bis zum Gehtnichtmehr sein? Nö, muss es nicht! Gelegentlich braucht man doch gerade so einen einfacheren Zaubertrunk, um sich den Kopf von viel zu viel an unnötigem Ballast gehörig reinwaschen zu können. Wer die älteren Aeternus wie „Shadows of Old“ mag, wird auch hiermit glücklich!

Insgesamt ist es eine echt gute Scheibe, die unter dem Dach des schwedischen Labels Nigredo Records veröffentlicht wurde und auch optisch einiges was hermacht. Eine direkte Verbindung zwischen dem tollen, das Cover zierenden Artwork „Guldnyckeln“ (übersetzt „Goldene Schlüssel“) des in Deutschland geborenen schwedischen Künstlers, Malers und Märchen-Illustrators John Bauer und den Songs des Albums kann ich allerdings beim besten Willen nicht herstellen. Es ist sicherlich als eine Hommage an die geliebte und altehrwürdige wie geschichtsträchtige Heimat gedacht, vermute ich. Das passt und ist zudem auch gut so!