Nebelwind – Ruinen – Der Verfall des Seins und die Angst vor dem Vergessen

Nebelwind - Ruinen

„Ruinen – Der Verfall des Seins und die Angst vor dem Vergessen“ von Nebelwind erwuchs aus der Zusammenarbeit von Schattenpfade und Wolfmond Production. Die mir hier vorliegende CD ist die Nummer 115 von den insgesamt 150 streng limitierten Pappschubern, und sie vermittelt schon recht gut, mit welchem Herzblut hier ans Werk gegangen wurde. Die stimmige Aufmachung, das Booklet mit den Songtexten, die Songtitel, das wirkt alles schön aus einem Guss. Das Highlight der Veröffentlichung ist aber natürlich die Musik.

„Abbilder in Schwarz-Weiß“ eröffnet das Album intensiv und eindringlich. Klassischen Black Metal deutscher Prägung legen die Dresdner auf ihrer vierten Veröffentlichung und ihrem ersten Langspielalbum seit Entstehung des Projekts vor. Der Openingtrack zeigt sogleich die Stärken des Duos, klare Songstrukturen, eine intensive Atmosphäre und Abwechslungsreichtum trotz hoher Stilsicherheit. Ködarnyeks Vocals sind sehr präsent und – egal ob kehlige Schreie oder narrative Textpassagen – gut in das musikalische Konzept eingebettet. Zusammen mit den dystopischen Texten und der sehr zweckmäßigen Produktion macht der Song einen hervorragenden Gesamteindruck.

„Von Wehmut und stiller Klage“ geht aggressiver nach vorn; mit stimmigen Rhythmus- und teils hektischen Leadgitarren versehen wird der Umgang mit Verlust und den Wunden, die er hinterlässt, bitter, zynisch und hoffnungslos vertont. „Schattenbrandung“ ist dann wieder epischer und getragener. Betörende Leadmelodien treffen auf die klagenden, schmerzverzerrten und dennoch sehr gut zu verstehenden Schreie.

Das Intro von „Wenn der Tod das Leben küsst“ lässt den Hörer kurz zur Ruhe kommen, bevor der Song dann mächtig intensiv voranschreitet. Wieder gehen die Vocals durch Mark und Bein, aber unerwartet gesellen sich mächtige Melodien und Harmonien zur schroffen Klangästhetik. Das steht dem schwarzmetallischen Duo extrem gut und unterstreicht erneut die Qualität der Audioproduktion. Die Instrumente und Vocals sind sehr differenziert zu hören und nichts ist zu prominent platziert, als dass es sich störend bemerkbar machen würde. Gerade die Produktion der Drums gerät auf Black-Metal-Produktionen ja gerne mal zum Fiasko. Davon ist auf „Ruinen“ nichts zu spüren, ganz im Gegenteil, das Album zieht den Zuhörer förmlich in seinen Sog.

Der Titeltrack des Albums ist zugleich eines der Highlights. Majestätisch, erhaben und unerbittlich. Dem steht „Im Schatten der Sonne“ leider etwas nach, die Leadarbeit fällt stilistisch an der einen oder anderen Stelle aus dem Rahmen und wirkt deplatziert. Der Track „Erinnerungen“ wäre hinter „Ruinen“ atmosphärisch besser aufgehoben, hier kommt der Hörer kurz zur Ruhe, kann während des Songintros erstmal das Gehörte verarbeiten und auf sich wirken lassen. Auch nach dem Intro bleibt es vergleichsweise melodisch und der Track kommt experimenteller und gediegener daher.

„Was bleibt…“ lebt von seinem intensiven, für den Black Metal typischen Groove und dem Aufbau von Dynamik zwischen hektischen, intensiven Strophen- und gediegeneren, groovenden Refrainparts. Einer meiner Favoriten auf dem Album!

„Der Weg ins Nichts“ beschließt das Album und bringt noch einmal eine Neuerung mit sich: So wechseln die Vocals zwischen narrativen Textpassagen, Gollum-artigem Keifen und gutturalen Growls, wie Peter Tägtgren von Hypocrisy sie gerne nutzt. Auch das steht Nebelwind gut zu Gesicht.

„Ruinen“ ist ein schönes und sehr kurzweiliges Genießermenü für Black-Metal-Fans mit einem Faible für die klassische Genre-Ausprägung. Das Dresdner Duo ist über sehr weite Teile des Albums stil- und trittsicher, ohne die Genre-Avantgarde komplett zu ignorieren. Vielmehr kommen nur die Filletappen in der Art der neumodischen Black-Metal-Kunst auf den Tisch, der Kern ist und bleibt schroffer, intensiver und atmosphärischer Black Metal mit viel Liebe zu den Texten und den aufgebauten Stimmungen. Auch bei der schönen Aufmachung der Tonträgerverpackung gibt man sich keine Blöße, lediglich die Songtexte sind durch Druckstärke und die gewählte Druckfarbe Rot etwas schwer zu erkennen. Aber die gut zu verstehenden Vocals sorgen dafür, dass der Hörer dennoch tief in die „Ruinen“ hinabsteigen und sich darin verlieren kann.