Old Sorcery – Realms of Magickal Sorrow

Old Sorcery - Realms of Magickal Sorrow

Ein finsteres Gemäuer am Horizont, der Regen prasselt auf den getränkten Waldboden, ein eisiger Wind durchzieht das Land, und Old Sorcery vollführt den Soundtrack zur mittelalterlichen Kulisse. Zwischen all den Blendern, Stümpern und Nichtskönnern tauchen im Mini-Genre Dungeon Synth doch immer wieder Projekte auf, die mehr sind als nur ein Drei-Tasten-Bontempi-Kinderorgel-Gedöns, welches leidlich atmosphärisch, viel zu oft nur dilettantisch dargebracht wird. Ganz anders arbeitet der Finne Vechi Vrăjitor mit Old Sorcery. Dass der Mann Mortiis mit der blutverkrusteten Muttermilch aufgesogen hat, wirkt klar. Immerhin hat der Nasenmann neben einem mittlerweile in Frankreich lebenden, norwegischen Mörder und Rassisten, wohl auch den meisten Einfluss auf das aktuell auflebende Genre. Vechi hat scheinbar noch dazu den Plattenschrank des Herrn Papa geplündert und irgendwo in einer der hintersten Ecke 70er Electro-Musik gefunden, die dem Papa irgendwann zu verschroben geworden ist. Tangerine Dream und vor allem Klaus Schulze haben den Finnen in irgendeiner Form wohl beeinflusst. Neben den dahin gleitenden Melodien, die in Sachen Synth-Sounds alle Register ziehen, tauchen diverse Sequenzer-Elemente auf, welche die langen Stücke noch stärker voran fließen lassen. Das ist ein recht neuer und vor allem eigenständiger Ansatz, der so noch nicht zu hören war.

Anders als so manch andere Kollegen setzt Old Sorcery nicht auf ewig gleich bleibende Tonabfolgen, keine stundenlangen Wiederholungen wie bei Burzums „Tomhet“, sondern ein stetes Verändern und Variieren. Aufflackernde Melodien, zerbrechlich und bisweilen herrlich archaisch, liefern Stoff für Zauberer, Legenden und uralte Schlösser. Old Sorcery erzählt ohne Worte eine Geschichte, klingt sogar in eher rudimentären Abschnitten wie dem Ende von „A Lost Soul Amid the Listening Trees“ deutlich mächtiger als so viele Kollegen. Anders als die anderen Speerspitzen des Genres – Murgrind und Barak Tor – wirkt Old Sorcery im wahrsten Sinne magisch. Wo die anderen weit heroischer auf dem Schlachtfeld zu Werke gehen, bleibt Vechi Vrăjitor im kleinen, stillen Kämmerlein, hintergründig wie ein Alchemist, der im Verborgenen nach wundersamen Gebräuen forscht.

Jedes der fünf Stücke ist liebevoll arrangiert. Den Mortiis-Einfluss kann der Finne nicht leugnen, Old Sorcery gelingt aber das, was dem ehemaligen Emperor-Bassisten jedoch abgeht. Der Finne erschafft Epen, die sich jedoch nicht in die Länge ziehen. Selbst das dreizehnminütige „Further Beyond the Melancholic Horizon“ vergeht ohne Längen wie im Fluge. Letztendlich bleibt der Wiederhörwert sehr hoch, der melancholischen Atmosphäre sei Dank.

Neben einer Split mit dem Projekt Haxan Dreams (ebenso aus Finnland) ist im Juni dieses Jahres eine neue EP mit dem Titel „The Path Lies Hidden“ erschienen, welche sogar noch mehr Abwechslung in guten zwanzig Minuten abliefert. Für mich ist Old Sorcery aktuell das interessanteste Dungeon-Synth-Projekt weitab aller Low-Fi-Stümper dort draußen. In Ton-Form gegossene Magie.