Release The Long Ships – Wilderness & Holocene

Release The Long Ships - Wilderness + Holocene

Manchmal bin ich eben einfach zu langsam: „Wilderness“ von Release The Long Ships geistert nun schon ein paar Tage in meiner Playlist und ich wollte viel eher etwas über das Album schreiben. Nun musste ich feststellen, dass das Ein-Mann-Projekt des Ungarn Ferenc Kapiller mit „Holocene“ im Mai dieses Jahres ein neues Album veröffentlich hat. Tja, da bleibt mir wohl die erfreuliche Aufgabe, beide CDs zu rezensieren und gleichzeitig so frei zu sein, dies in einem einzigen Text zu machen.

Ab in die Wildnis – „Wilderness“

„Wilderness“ ist eine kleine (mit etwas mehr als 35 Minuten Spielzeit kann man das ruhig wörtlich nehmen) und vor allem verträumte Sammlung von Songs, die sich naturinspiriert gibt. Ob das wirklich für jeden so deutlich wird, sei dahingestellt. Man kann sich beim Hören der acht Songs jedoch durchaus in die Weiten der unberührten Wildnis versetzt fühlen. Die von einem angenehm im Hintergrund agierenden Schlagzeug untermalten Melodien leben vor allem von der großartigen Gitarrenarbeit, welche Ferenc Kapiller leistet. Sei es nun eine akustische oder eine elektronische Gitarre – die Stimmung, welche Ferenc dem jeweiligen Instrument entleiht, ist mal von herrlich verträumter und mal mystischer Natur; und obwohl das Tempo von schnell nach ruhig und umgekehrt wechselt, wird „Wilderness“ niemals wirklich laut oder leise. So wirken selbst die „aggressiveren“ Stellen des Albums immer noch eher seicht. Seine rockige Seite kann „Wilderness“ indes nicht verschweigen: Die Elemente aus Post-Rock, Acoustic Rock und Shoegaze sind in jeder Spielminute genauso spürbar wie die elektronische Nachbearbeitung der Songs. So klingt „Wilderness“ zwar nicht wirklich naturbelassen, aber eine Spur geheimnisvoller und atmosphärischer. Zum Schluss gibt es noch – sozusagen als Bonus – die Coverversion eines der Songs des Albums: „The Heart Of The Mountain“ wurde vom Künstler heklAa in einer Pianoversion neu vertont.

Die Leistung, welche hinter Ein-Mann-Werken wie „Wilderness“ steckt, wird durch ein Interview bei Arctic Drones mit Ferenc, in welchem er ein paar Details zu seinem musikalischen Schaffen preis gibt, noch deutlicher: „I made Wilderness with a 7-yrs-old PC and a cheap guitar, so it’s far from audiophile quality but I tried to do my best.“ Gute Musik braucht eben nicht immer ideale Bedingungen, sondern vor allem einen kreativen Geist.

Erdabschnittsgeschichte(n) – „Holocene“

Willkommen im Holozän, dem Zeitalter des Menschen. Was die Griechen sinngemäß als „das völlig Neue“ bezeichneten, ist musikalisch seinem Vorgängeralbum „Wilderness“ sehr ähnlich… und doch wieder völlig anders. Mutiger, würde ich sagen. Den Einstieg in „Holocene“ macht eine instrumentale Version der schwedischen Ballade „Herr Mannelig“. Vergleichbares ist auf dem restlichen Album nicht wiederzufinden, weshalb das Stück ein Alleinstellungsmerkmal besitzt und auch nicht so ganz richtig zum Rest der Scheibe passen möchte… und es trotzdem tut. Vielleicht ist dieses Stück damit ein gutes Beispiel, dass sich Kapiller auf diesem Album etwas weiter von der sicheren Küste hinein in unerforschte Gewässer wagt. Ansonsten gibt sich „Holocene“ ebenso harmonisch und atmosphärisch, wie bereits das 2014er Album „Wilderness“. Schon der, sagen wir mal, „echte“ Opener „Rainmaker“ gibt die Marschrichtung der holozänen Reise vor: Das Album darf mehr akustischer Rock sein, als es der Ausflug in die Wildnis seinerzeit war. Die Stimmungswechsel sind vergleichsweise sanftmütig, ähnlich wie bei „Wilderness“ – wenngleich sie stellenweise etwas krasser ausfallen. Ferenc Kapiller leistet wieder einmal hervorragende Arbeit an der Gitarre, bedient sich diesmal – wie bereits festgestellt – aber nicht nur eigener Ideen. Gleich zwei weitere Stücke („Tesla And Tunguska“ sowie „Death in Norlisk“) sind kreative Aufarbeitungen von Songs der Gruppe Erudite Stoner sowie Endless Melancholie, wenn auch unter anderen Namen. Im Gegensatz zu „Wilderness“ traut sich Ferenc auf „Holocene“ diesmal ein Stück tiefer in die härteren Gefilde hinein. Das wohl rockigste Stück des Albums dürfte „Glaciers“ darstellen. Und „Feathers And Bones“ geht mit Gastsänger Cameron Boesch von nullingroots auf faszinierende Art und Weise in Richtung Black Gaze/Black Metal. Das alles ergibt ein höchst interessantes und dynamisches Gesamtpaket, welches zwar unter dem Label Acoustic Rock und Shoegaze läuft, aber unter der Oberfläche weit mehr zu bieten hat.

Also ab in die Ohren damit und auf weiteres Material gespannt sein. Ach so, eines noch zum Schluss, bevor ich es vergesse: Die wunderschönen Cover der Alben mit ihrem ganz eigenen, phantasievollen Stil, sind ebenfalls von Ferenc persönlich gezeichnet.