Ritualia Hominis – Von Sinnen und Gezeiten

Manchmal ist es einfach so, man wartet auf die Erscheinung einer CD, und dann, am geplanten Veröffentlichungstermin, muss man feststellen, dass man sich zu früh gefreut hat. Aus irgendeinem Grund ist der Release-Termin geplatzt. Manchmal hüllt sich das Label dabei in Schweigen und gibt selbst dem betroffenen Künstler nicht mal eine Auskunft, wie beispielsweise im vorliegenden Fall bei dem von uns bereits im Vorfeld angekündigten Debütalbum „Von Sinnen und Gezeiten“ des Ein-Mann-Projektes Ritualia Hominis. Eine echt blöde Sache, wie sie mir auch schon bei der EP „Tempest“ von Morlich passiert ist, die bis heute nicht in physikalischer Form zu haben ist. Nun ja, die schottische Band wie auch das Label scheint es auch gar nicht mehr zu geben. Ole von Ritualia Hominis ist aber trotz des erlittenen Rückschlags fest entschlossen sein Album doch noch als CD herauszubringen. Da er sich nun erneut nach einem Label umsehen muss (was verständlicherweise wieder einige Zeit in Anspruch nehmen wird), greife ich hier schon etwas vorweg und möchte mich auf die bereits seit einer Weile auf Bandcamp für kleines Geld erhältliche digitale Version des Albums berufen. Ausnahmen bestätigen schließlich die Regel.

Oles Projekt hat einen untypisch scharfkantig klingenden lateinischen Namen, welcher „Die Rituale des Menschen“ bedeutet und viel Raum für Spekulationen aller Art beinhaltet. Auch der Assoziationen hervorrufende Albumtitel „Von Sinnen und Gezeiten“ sowie das mit einigen starken Zeit-Symboliken behaftete Albumcover weckten sofort sehr viel Interesse bei mir. Mit sehr viel Neugierde habe ich mich deshalb hier ans Eingemachte gemacht.

Die „Einleitung“ des Albums, ein über drei Minuten andauerndes Instrumentalstück, ließ bereits den zaghaften Rückschluss bei mir aufkeimen, dass die uns hier kredenzte Musik mit eigentümlichen Merkmalen ausgeschmückt sein muss. Die sieben weiteren Songs, die sehr homogen eine konstruktive Einheit bilden, bestätigen dies auch letztendlich mit einer sich natürlich abgrenzenden Individualität, auch wenn Ole nichts Neues erfunden hat, wie er es schon im Vorfeld zu Protokoll gegeben hat. Mit der Reise „Zu den Sternen“, zum grenzenlosen Firmament, wird quasi zur Eingewöhnung ein noch relativ konstant verlaufender Song aufgefahren, bei dem jedoch die ausbrechenden, schnell aufsteigenden Gitarren für einen direkten Schub nach vorne sorgen. Und mit diesem kommt nachfolgend „Wo sich das Sein ergießt“ viel besser zur Entfaltung: Eine geheimnisvolle Dunkelheit, welche von der dominanten, größtenteils sehr erzählerisch und leicht vordergründiger als die Instrumentierung aufgesetzten Stimme beherrscht wird, umschließt den aufmerksam lauschenden und sich dort verlierenden Zuhörer mit ihren weiten, den Anfang und das Ende beherbergenden Händen und will ihn nicht mehr loslassen. Eine sehr intensive Vorstellung, die von den gedichtartigen, zum Nachdenken anregenden Lyrics gekonnt vorgegeben wird. Stimmungstragende Synth-Geräusche reichern diese Perspektive noch zusätzlich mit kosmischen Phantasien an. Diese benötigt zwar ein paar Zyklen, um die Gehörgänge in ihrer Ganzheit entfaltet zu durchwandern, aber dann manifestiert sie sich umso konkreter.

Endlos sind jene Straßen, die wir gezogen sind;
unzählbar sind die Lieder, gesungen in den Wind.
Und doch ist noch kein Ende und noch ist keine Ruh,
wir müssen weiter ziehen und fragen nicht, wozu.
So, wie die Wolken ziehen, ruhlos am Firmament,
so ziehen Wanderburschen und finden nie ein End.

Die weiteren Songs, „Wanderburschen“, „Zeugnis eines Traumes“, „Der Chronist“, „Diener des Ende“ sowie „Weihrauch und Myrrhe“, setzen die Inszenierung mit weiteren sehr interessanten Aspekten und Wechseln fort, mal etwas trabend und doomig, mal etwas schneller und dynamischer. Und auch wenn ich im Laufe meines Metal-Lebens bereits sehr vieles gehört habe, muss ich hier doch gestehen, dass ich in derartige Form gegossenen Schwarzmetall so noch nicht erfahren durfte. „Von Sinnen und Gezeiten“ ist in der Tat ein sehr gutes Beispiel dafür, dass gerade die winzigsten Akzente manchmal doch viel mehr als vermutet ausrichten können. Besonders der sehr spezielle Gesang gibt der Musik sehr viel Einzigartigkeit. Schöne ruhige Gitarreneinsprengsel – die Anfangspassage von „Der Chronist“ erinnert mich zum Beispiel an die geniale „Dämmerelbentragödie“ von Autumnblaze – bilden dabei die Zacken in der Krone des auf dem Cover zu sehenden Skeletts. Ein wirklich sehr gelungenes Artwork, welches bestens zu der originellen Musik passt! Die Originalität könnte aber auch das Problem sein, warum Ritualia Hominis bis jetzt nur wenig Interesse bei den Metalheads erweckte, denn viele möchten lieber neue Bands entdecken, die wie ihre Lieblingsband X oder die allseits beliebte Kultband Y oder der sich viel zu früh aufgelöste Publikumsmagnet Z klingen. Der Mensch ist nun einmal ein Gewohnheitstier. Ich empfehle aber dennoch jedem ein genaues Reinhören und hoffe, dass dieses Album in Bälde doch noch in handfester Form zu haben sein wird.