Saxorior – HEM

Saxorior - HEM

Fast zwanzig Jahre hat es gedauert, dass ich Saxorior endlich eine Chance gebe. Merkwürdig eigentlich, denn das Stück „Hagen von Tronje“ hat mich damals auf dem Ablaze-Sampler (selig sei das einzig wahre(!) Ablaze) im Jahre 2000 überzeugt, und dennoch habe ich die Band völlig aus den Augen bzw. Ohren verloren. Damals entfachte sich langsam aber sicher die (deutsche) Pagan-Metal-Welle mit Bands wie Riger, Menhir und eben Saxorior, welche es aber nie so richtig an die Spitze der Szene zu schaffen vermochten. Meine Vermutung dabei ist, dass Saxorior eben dann doch zu sehr im Black Metal verankert waren, vielleicht hatte man auch schlichtweg keinen Bock auf den ganzen Pagan-Zirkus, der schließlich 2005 mit Equilibriums Debüt auf deutscher Seite zu schwelen begann.

Hauptgrund für meine vergrößerte Aufmerksamkeit vermag wohl aber letztendlich die Zusammenarbeit der Band mit dem Label Einheit Produktionen sein, welches wohl in Sachen Aufmachung der deutlich potentere Partner als G.U.C. oder Battlegod Productions sein dürfte; zum anderen sind zwischen „Völkerschlacht“ und „Saksen“ gute sieben Jahre ins Land gegangen und das merkte man dem 2015er Album durchaus an. Für mich wirkte es als Startschuss in die Diskographie der Sachsen, denn sowohl inhaltlich als auch musikalisch wusste das Werk absolut zu begeistern. Historie, Epik und spielerisches Können paaren sich zu einem grandiosen Album, welches sich meiner Ansicht nach vor einer Band wie Moonsorrow nicht zu verstecken braucht. Jetzt, vier Jahre später, kehren Saxorior mit dem zweiten Streich auf Einheit Produktionen zurück und schaffen es diesen Status für mich nicht nur zu bestätigen, sondern vollends auszubauen.

„HEM“ besitzt das mit Abstand schönste Cover aller Veröffentlichungen Saxoriors bisher, ziert es eine Landschaftsaufnahme aus dem sächsischen Elbsandsteingebirge (welches sich als Ausflugsziel unbedingt lohnt!), über welchem der Titelschriftzug prangt, verwurzelt wie die Band in ihre Heimat. Textlich sammeln sich unterschiedliche Bezüge zur Heimat, von der Pest über Sagenschätze oder historische Religionsschlachten (im Song „Hussiten“), Saxorior beackern ihre heimatlichen Gefilde in einer ganzheitlichen Art und Weise.

Musikalisch sticht für mich ganz besonders „Land aus Stein“ hervor, welches nach dem gut hinführenden Instrumental „Ursprung“ bereits den Höhepunkt des Albums darstellt. Beinahe verschwenderisch gehen die Sachsen mit dem Stück an vorderste Position, denn das restliche Material hat letztendlich Mühe das unheimlich hohe Niveau des Liedes zu halten. Grandioser Songaufbau, der zwischen epischem Rhythmus und harten Blasts alles auffährt, was im Genre ankommt, trifft auf hervorragende Chöre, welche man nach kürzester Zeit mitsingen kann. Absoluter Live-Garant! „Hexenpest“ dagegen lässt die Epik etwas los und knallt einem mit heftigen Blasts viel mehr Black statt Pagan Metal entgegen. Keyboard-Bläser bringen etwas Epik zurück, insgesamt braucht „Hexenpest“ jedoch etwas, um völlig aufzugehen. Wo „Saksen“ noch sofort zündete, braucht „HEM“ tatsächlich etwas länger, um sich vollends zu entfalten. Wiederhörwert ist dabei garantiert.

Traumhaft schön ist das Instrumental „In Waldes Flur“, welches perfekt in „Hussiten“ übergeht. Dies sind die Momente, die aus „HEM“ nicht nur ein gutes sondern ein hervorragendes Album machen. Eine der Melodien erinnert gar ein bisschen an In Extremos „Vollmond“. In dem Stück passiert so viel, Heavy-Metal-Soli, ruhige Abschnitte, Double-Bass-Passagen, und und und… Abwechslung ist es, was „HEM“ ausmacht, so konnte man „Saksen“ vielleicht etwas Gleichförmigkeit ankreiden, bei „HEM“ ist davon nichts zu spüren.

„Ewig Gang“ beschließt auf eher ruhige Art und Weise ein wertvolles, abseits jeglicher Klischees atmendes Album, welches für mich dank der historischen Bezüge so richtig interessant wird. Wer sich für regionale Geschichte(n) und Mythen interessiert, darf gespannt sein. Saxorior haben sich in den vielen Jahren ihres Bestehens zu einer Band entwickelt, die man im Pagan- und Black-Metal-Bereich unbedingt auf der Rechnung haben muss. Sollte der Weg wie bei „Saksen“ und jetzt „HEM“ weitergehen, darf man noch einige Großtaten erwarten.