Schattenvald – IV & Der Winterkönig

Schattenvald - IV & Der Winterkönig

Mit ihrem letzten Album „V“ ist Schattenvald auf meiner Top-10-Liste des vergangenen Jahres gelandet. Aus dem Grund ist es nun an der Zeit, sich etwas näher mit dieser bayerischen, im Umfeld des Symphonic Black Metals agierenden Band zu beschäftigen. Ich starte aber nicht mit „V“ (eine Rezi zu diesem Album wird, um es schon vorwegzunehmen, zusammen mit einem ausführlichen Interview in unserer dritten Print-Ausgabe abgedruckt werden), sondern mit der im Jahre 2013 erschienenen Scheibe „IV“ und der aus 2016 stammenden EP „Der Winterkönig“.

IV

Ein wahnsinnig irres Teufels Gelächter am Anfang von „Morgenstern Luzifer“ eröffnet den vierten akustischen Dauerspaziergang über die überaus schwarzmetallisch scheppernden Eskapaden von Schattenvald. Bereits in diesem Song sind schon fast alle Schattierungen zu vernehmen, welche den Sound des Duos, bestehend aus Nachtsturm (alle Instrumente) und Iskharian (epische Screams), zu etwas ganz Besonderem machen. Auffällig ist die unheimlich große Klangdichte, die hier auf den Hörer einwirkt und ungeübten Ohren vielleicht sogar mehr oder weniger chaotisch vorkommen kann. In meinen Ohren ist es aber das perfekte, wenn nicht gar strukturierte bzw. gepflegte Chaos, so dass ich eher dazu tendiere, Schattenvalds Arrangements mit Improvisationsmusik zu vergleichen. Die meistens rasend schnellen und überladen wirkenden Songs sind perfekte Momentaufnahmen, sie sind wie Eintagsfliegen, die sich wohl nicht ein zweites Mal exakt gleich wiederholen lassen. Dies wird nur durch die moderne Aufnahmetechnik möglich; nur so lassen sich diese scheinbar spontan entstandenen Ergüsse dauerhaft konservieren. Aber egal wie nun der genaue Sachverhalt dazu ist, Fakt ist, dass dadurch die Musik fortwährend sehr spannend bleibt. Selbst beim scheinbar tausendsten Mal entdeckt man hier immer wieder noch etwas Neues, wodurch die Scheibe nie langweilig wird. Und das ist die größte Stärke von Schattenvald, wie auch die wundersamen, vom Keyboard erzeugten melodischen Klänge, welche das scheinbar chaotische Gewirre zusammen halten und dem ganzen Gefüge eine gewisse Leichtigkeit verleihen.

Der Winterkönig

Die überlange (mit einer Spielzeit von über 50 Minuten) EP „Der Winterkönig“ schlägt dagegen einen Bogen in Schattenvalds Vergangenheit, setzt sich doch das auf ihr gebündelte Liedgut aus unterschiedlich alten, bis dahin jedoch noch nie veröffentlichten Songs zusammen. Die ersten drei sind auch die neuesten (zwischen 2009 und 2011 entstanden) und behandeln den titelgebenden Winterkönig. „Der Winterkönig (Teil 1)“ kracht gleich wie ein Schneesturm sehr wuchtig in die unvorbereiteten Gehörgänge und geht ziemlich schnell zu einer elegischen Gitarrenmelodielinie über, welche den Track zu einer wirklich eingängigen und runden Sache macht. Anknüpfend folgt mit „Einzig die Stimmen verstummen nicht“ der abwechslungsreichste sowie (für mich zumindest) erhabenste Song dieser Demo-Sammlung, wie Nachsturm sich wohl ausdrücken würde. Allein schon das hier bisweilen aufkommende Keyboard-Soundgewand vor dem Hintergrund der langsamen Begleitgitarren erweckt die Vorstellung einer absolut klirrenden Kälte und schafft es eine vereiste Grotte mit unzählig verschlungenen Eiszapfen über einer reinweißen und unberührten Schneedecke, auf denen sich der morgendliche Wintersonnenschein glitzernd und funkelnd bricht, vor meinem geistigen Auge zu manifestieren. Dies könnte man als zauber-, märchen- und sagenhaft, und das im wahrsten Sinne der Wörter, bezeichnen, gäbe es auf der anderen Seite nicht die vielen namenlosen Kriegsgefallenen, welche nie wieder nach Hause zu ihrem Familien zurückkehren werden und stattdessen nun reglos unter der Schneedecke liegend dem Winterkönig als Fraß dienen. Die gedämpften Kanonensalven im Sound unterstreichen dies nur allzu deutlich. Dieser Zusammenhang erschloss sich mir aber erst beim Lesen des Textes zu „Der Winterkönig (Teil 2)“, dem nachfolgenden und längsten Song der EP. Ein ebenfalls tolles Lied, beinahe durchgehend von einem andächtig melodischen Leitmotiv getragen, das ebenso wie der Track davor von der Stimme des Gastsängers Ronny Dörfler von Cryptic Wintermoon bestens vorgetragen wird. Alleine schon wegen dieser winterlichen Trinität ist diese CD jeden dafür ausgegeben Pfifferling wert!

Die weiteren Songs, die zu „Nachtvolk“ zusammengefassten nächsten drei aus dem Jahre 2002 wie das als Bonus fungierende englischsprachige Lied „Tale of Asgard’s Foray“ von 2001, atmen dagegen noch sehr viel stärker den Zeitgeist der 90er Jahre. Dimmu Borgir zu Zeiten von „For all tid“ lassen hier grüßen, würde ich ohne groß überlegen zu müssen einfach mal behaupten. Es ist überdeutlich spürbar, dass in Schattenvalds Frühphase dem Wirken des Keyboards noch weitaus mehr Dominanz zugesprochen wurde als den anderen Instrumenten. Aber auch damals schon stand die Errichtung einer sehr dichten Grundatmosphäre, die den Zuhörer mit ihren finsteren Schwingen zu umklammern vermag, im Fokus der Musik von Schattenvald. Und bis heute hat sich nicht viel daran geändert, davon mal abgesehen, dass die kreativen Arbeitsprozesse nur noch weiter vervollkommnet wurden, was man an diesen Zeitsprüngen sehr gut erkennen kann.