Strix Nebulosa – Erbauliche Andacht

Strix Nebulosa - Erbauliche Andacht

Strix Nebulosa, das ist der lateinische Name des Bartkauzes, des größten, bei uns leider nicht beheimateten Vertreters seiner Gattung. Als Hobby-Zoologe ist mir diese Großeulen-Art natürlich schon längst bekannt, auf das gleichnamige schwarzmetallische Musikprojekt traf das bis jetzt allerdings noch nicht zu. Wer sich aber nach einer Eule benennt, der muss auch eine gewisse Affinität zu diesen majestätischen Vögeln haben, nicht wahr? Genauso wie ich. Nicht nur dem allgemein zugesprochenen Weisheitsattribut und ihres interessanten Aussehens sondern auch der perfekten und lautlosen Jagdtechniken wegen fühle ich mich den Eulen irgendwie sehr verbunden. Und auf die hier zelebrierte „Eulenmusik“ trifft genau dasselbe zu. Schon der Erstkontakt machte mir deutlich klar: Die Musik dieses Solokünstlers aus Garmisch-Partenkirchen liegt absolut voll auf meiner Wellenlänge! Der Starter „Malice is My Name“ fackelt auch nicht lange (nur ganz kurz zu Beginn, mit knisternden Feuergeräuschen) und legt sofort alles in Schutt und Asche. Ein sich stark einbrennender Riffkomplex allererster Güte katapultiert den Song durch die Ohrspiralen direkt ins Langzeitgedächtnis, wo sich dieser mit seinen scharf gewetzten Klauen für immer festzukrallen vermag. Auch die Gesangsintonierung ist sehr angriffslustig geladen, von den wütigen Lyrics, welche so spitz wie eine Vorrichtung zum Pfählen ausfallen, gar nicht erst zu reden! Pure Atmosphäre trifft auf Wut – und diese Beschreibung passt verdammt gut, was nur selten auf die eigenen Promo-Texte der Labels zutrifft.

Wer aber jetzt denkt, dass hier gleich zu Beginn der größte Teil des Pulvers verschossen worden ist, der irrt gewaltig. Im zweiten Song „Zweigesicht“ geht es nämlich in demselben, hoch definierten Standard weiter, schnell und rasanter, mit richtigen, blitzgeladenen Gitarrengewittern voller aufpeitschender Tremolo-Abfolgen und voluminöser Licks. Und das alles wird mit vielen verzwickten Arrangements und einer absoluten Melodieverliebtheit veredelt. Hier wird regelrecht auf wirklich vielen Tonspuren in Richtung Atmosphäre einfach nur gebolzt und gehetzt, Verschnaufpausen gibt es nur wenige, ganz unüberhörbar in der Tradition vieler diverser und unsterblicher Warmaster-Vorbilder aus dem hohen europäischen Norden, aber auch Frankreich und Kanada. Das Ergebnis ist ein äußerst vielseitiges und reichhaltiges Klangerlebnis, wie man es in dieser geballten Anhäufung nur noch selten auf einem einzigen Album vorfindet. Der Titelsong „Erbauliche Andacht“ erinnert mich z. B. in den ersten Tönen jedes Mal ein wenig an „Danermordet“ von Angantyr, entwickelt sich aber flugs in eine ganz andere und selbstständige Richtung. Trotz vieler Referenzen, die man hier aufführen könnte, hat dieses Album, das wegen der Überlänge gleich zwei CDs in Anspruch nehmen musste, einen sehr individuellen und prägnanten, von Selbstsicherheit nur so strotzenden Charakterzug. Und das gefällt! Aber sowas von!

Wer sich mit den spitzzüngigen Texten des Albums, welche sehr kritischer Natur sind und eine fortwährende Anklage gegen die Dummheit des Menschen darstellen, anfreunden kann, der bekommt mit dieser Auskopplung ein echt erbauliches Ventil nach Hause geliefert. Ein Ventil gegen die sich anstauende Wut und Hoffnungslosigkeit des „kleinen“ Mannes (oder auch der „kleinen“ Frau und der „kleinen“ Diversität, haha) bzw. des Volkes, was zum Nachdenken anregt und das immer ungerechter werdende Geschehen unserer Welt vor Augen führt. Eine wahrlich bombige Doppel-CD, die keine Langeweile oder Überdruss aufkommen lässt und ungelogen von morgens bis abends in Dauerschleife rotieren kann, ohne auch nur die geringsten Verschleißerscheinungen zu zeigen. Ich habe dies in der Tat wochenlang an mir selbst ausprobiert. Schwatze euch also keinen Bären sondern nur eine Eule auf, haha… Hier ist jeder Song besser als der andere, egal wie herum man es dreht und wendet!