Stvannyr – Valley of Shadows

Stvannyr – Valley of Shadows

Die musikalische Wildnis Ungarns ist ja bereits seit einer Weile Tummelplatz meiner Gehörgänge. Vor allen Dingen habe ich mich hier in eine Gruppe von Künstlern „verbissen“, die so illustre Bands wie Realm of Wolves, Vvilderness und Silent Island hervorgebracht haben. Und weil der Mensch nun einmal ein Gewohnheitstier ist, verleibe ich mir abermals ein Projekt aus diesem Dunstkreis ein: Diesmal gebührt die Ehre dem 2019er Album „Valley of Shadows“ des Realm-of-Wolves-Masterminds Stvannyr. Unterstützt wird Stvannyr hierbei von Ghöul, der bereits bei Realm of Wolves den Bass schwingen durfte, und den man auch von seinem eigenen Projekt Ephilexia kennen könnte.

Irgendwo angesiedelt in einer Grauzone zwischen Atmospheric Black, Post-Black, Melodic Black und Doom Metal würde ich dem Album trotz seiner absoluten Gesangslosigkeit grundsätzlich die Fähigkeit zu einem Konzeptalbum unterstellen. Konkreter werden kann ich an dieser Stelle allerdings nicht. Denn zum einen bin ich mir nicht sicher, ob dieses von mir empfundene Konzept Absicht ist, und wenn ja, ob es mehr als die Natur im Allgemeinen zum Thema hat. Die Songs gehen jedenfalls wie aus einem Guss ineinander über und sorgen unter anderem deshalb für ein angenehmes Kurzweil. Das liegt aber vielleicht auch daran, dass die einzelnen Songs – für dieses Genre doch einigermaßen untypisch – relativ kurz gehalten sind und das Album insgesamt mit etwas mehr als 35 Minuten nicht zu den „Spielzeit-Brocken“ gehört, die man oft im atmosphärischen Black Metal vorfindet.

Faszinierend finde ich, wie im Übrigen bei vielen der genannten Bands aus besagtem Dunstkreis, die Fähigkeit Stvannyrs seiner Musik Kontraste und angenehme Überraschungen zu verleihen. „Valley of Shadows“ beginnt nicht, wie andere Alben in diesem Genre es oft vormachen. Die Wanderung ins Tal der Schatten beginnt auf leisen Pfoten. Nach dem ruhigen, beinahe meditativen Intro folgt mit „Death in the Ravine“ ein beinahe von vergleichbar ruhiger Stimmung getragener Song, dem man nicht viel vom namensgebenden „Tod in der Schlucht“ anmerken möchte. Mag sein, dass das nur eine Illusion ist und der einst fröhliche Wanderer tatsächlich sein jähes Ende in einem finsteren Abgrund fand. Mag auch sein, dass es der erhabene „Emperor Eagle“ ist, der hoch über den ausbleichenden Gebeinen des Wanderers seine Kreise zieht und zwischen seinen Schwingen eine „Threnody of Wind“ spielt. Da wäre ich also doch meinem Konzept auf der Spur und träume mich in eine wilde Welt hinein, die nur ganz langsam ihre schwarzmetallischen Schrauben andreht, ohne dabei jedoch wirklich wütend zu werden. Schließlich sinkt die Stimmung mit sanften Gitarren in „Dusk“ beispielsweise abermals auf einen entspannenden Punkt hin, wie die Sonne unweigerlich auf ihr Verschwinden hinter dem Horizont. Nur um mit „Wandering Mountains“ und „Stvannyria“ einer Nacht entgegen zu steuern, in der sich die Raubtiere der Finsternis auf unseren Kadaver stürzen, sich um das bisschen Fleisch an unseren Knochen balgen, um dann in den Schatten zwischen den Bäumen zu verschwinden. Was bleibt, ist der Abschluss, der mit „Carved Upon Black Stone“, dem zugleich längsten Song des Albums, ein bisschen schwermütig ausfällt. Vielleicht auch nachdenklich.

Trotz der Geschichte, die ich hinter all diesen Songs für mich entdecke, fehlt der Scheibe letzten Endes die notwendige Komplexität, um einen dauerhaften Eindruck zu hinterlassen, der sich fest ins Gedächtnis einbrennt. Was Stvannyr und Ghöul abliefern, ist ohne Zweifel faszinierend. Das zugrunde liegende Konzept, welches ich dem Album unterstelle, muss nicht mal unbedingt vorhanden sein – die Wirkung bleibt trotzdem. Vor allen Dingen bei jemandem wie mir, der hinter jeder Ecke eine Geschichte lauern sieht. Ich kann demnach nicht behaupten, dass mir „Valley of Shadows“ keinen Spaß bereitet hat – im Gegenteil. Insbesondere die vielen eingesprenkelten Melodien, die wie ein Blumenteppich im finsteren Tal für Farbkleckse sorgen, haben es mir angetan. Trotzdem wirkt die Scheibe auf mich wie ein flüchtiger Schmetterling, der viel zu schnell an einem vorüberflattert, als dass man ihn einfangen könnte.

So stehe ich am Ende vor einem Widerspruch. Einerseits sehe ich die Kürze von „Valley of Shadows“ als Schwäche an, da es mir zu schnell durch die Finger rinnt. Andererseits erweist sich gerade dies als Vorteil; ist insbesondere die Leichtigkeit des Albums der entscheidende Faktor, es eher häufiger in die Playlist zu schieben. Die bleichen Knochen, die dort unten im Tal verrotten, stört das freilich nicht. Sie werden immer ein Zeugnis dieser Geschichte sein – auch wenn sie sich nur in meinem Kopf abgespielt hat.