Tannöd – In dunkler Stunde

Tannöd - In dunkler Stunde

Nach dem auch so benannten akustischen „Intro“ mit Naturgeräuschen im Hintergrund steigen die anonymen Bayern von Tannöd mit ziemlich gleichförmigem Geholper in den Hauptteil ein. „Bis zum letzten Tag“ trabt im Sinne der alten Schule vor sich hin, ehe Flötentöne aufhorchen lassen, so wie es dem Schreihals bis dahin noch nicht gelungen ist. Dann wird ein kurzes Stück weit galoppiert, wieder an den Zügeln gezogen und erneut aufgegriffen, was die erste Hälfte auszeichnete – die klassische A-B-A-Struktur also.

So kompakt bleibt die Gruppe auch weiterhin. „Ohne Wiederkehr“ ist ein aggressiver Blastbeat- Wahn mit traditionellem Tremolo-Riffing, dezent orchestralem Unterbau und einigen walzenden Passagen, zu deren subtilen Melodien man sich so gedankenvoll wiegen kann, wie es die Musiker selbst in ihren zurückhaltenderen Momenten zu sein scheinen. Diese kommen der Dynamik zugute und machen die brutalen Abschnitte der strenggenommen nicht einen Stunde – es sind nur 44 Minuten – noch drastischer. Tannöd schwingen die grobe Kelle also nie ohne Hintergedanken, was im Titelstück besonders deutlich wird. Hier kombinieren sie Gehämmer mit Oh-Chören aus der Wikinger-Phase von Bathory, wie um auf das nachfolgende „Nornensang“ vorzubereiten, das sich noch unverhohlener bei Zeitlosigkeiten wie „One Rode to Asa Bay“ bedient. Dass die Deutschen zu keiner Zeit am Niveau der schwedischen Urheber kratzen, dürfte indessen klar sein.

Apropos: Die bisweilen eingestreuten Rock-Riffs – obwohl sich hier freilich niemand breitbeinig zum Gitarrenheldensolo in Pose wirft oder lasziv das Becken kreisen lässt – könnte man gewissermaßen als bewusste oder unbewusste Hommage an Quorthons frühes Schaffen verstehen. „Herbst“ enthält ebenso welche wie der bereits erwähnte Opener, bleibt aber in puncto Komposition hinter der bis jetzt gebotenen Qualität zurück. Das Stück wirkt ebenso zerfahren wie „O Melancholie“ danach, auch wenn dieses Stück das eingängigste Hook des gesamten Albums enthält.

Während des zehnminütigen Finales „Traumverloren“ scheitern Tannöd dann auf gehobenem Niveau an ihren eigenen Ambitionen, etwas Progressives, Episches zu schaffen. Die Band schneidet hier zahlreiche Ideen an, ohne sie konsequent durchdacht zu haben. Der Longtrack wirkt wie ein Patchwork, eine schlichte Reihung musikalischer Einfälle ohne nachvollziehbaren Zusammenhang außer der vermutlichen Absicht, das Ergebnis müsse möglichst weit ausschweifen und „anspruchsvoll“ sein. Wie dem auch sei, ein Ärgernis ist das Ding nicht, sondern bestätigt nur die Schwächen, die sich Tannöd bis auf Weiteres vorwerfen lassen müssen. Der Daumen zeigt dennoch unzweideutig nach oben.