Tir – Urd, Skuld & Verdandi

Tir - Urd, Skuld & Verdandi

Bei „Urd, Skuld & Verdandi“ von Tir machte mir schon der erste Höreindruck des über Repose Records veröffentlichten Tapes (CD ist auch erhältlich) sofort klar, dass es sich hier um etwas ganz Besonderes handeln muss. Die nicht von ungefähr aufkommende musikalische Nähe zu Empyrium – schließlich wurde hier Thomas Helm für den Gesang der beiden Tracks „Song of the Rain“ und „Memories in the Shadow“ verpflichtet – erweckt wohlig heimelige und heimatliche Gefühle und dürfte das Herz eines jeden Neofolk- und Dungeon-Synth-Fans vor Freude höherschlagen lassen. Ja, der hinter diesem Projekt agierende Musiker Oytun Bektas weiß sehr geschickt diese beiden verwandten Musikstile zu einer leicht abgewandelten, jedoch – seinen weltbekannten Vorbildern nacheifernd – ebenso sehr emotionsgeladenen Erfahrung zu kombinieren. Neben Empyrium werden auch noch Wongraven, Burzum, Nhor und die früheren Mortiis-Werke genannt. Von etwaiger paganer Grundstimmung, was man dem Albumtitel nach evtl. erwarten könnte, ist hier dagegen nicht wirklich direkt etwas zu spüren bzw. zu vernehmen, zumindest nicht so, wie die meisten Zuhörer „pagan“ definieren würden, schätze ich. Diese vorsichtig gesponnenen Musikstücke wirken zerbrechlich wie Schneeflocken, welche bei dem Versuch, sie besitzen zu wollen, sofort dahinschmelzen und sich der materiellen Welt entziehen. Nebelverhangene Burgruinen auf einsamen Berggipfeln entstehen vor dem geistigen Auge und enthüllen uns für kurze Zeit ihre jahrtausendelang gehüteten Geheimnisse, ehrbare Himmelswesen umgarnen den Geist und entführen den wachgerüttelten, auserwählten Zirkel in eine uns unbekannte Welt – so der spontan entstandene Eindruck nach dem Genuss des Intros sowie des zweiten Tracks „Ancient Spirits“. Das von Thomas Helm eingesungene, von einer ruhigen, aber das Herz bewegenden Piano-Melodie begleitete dritte Lied setzt den Gefühlspegel aber noch um eine weitere Stufe nach oben. Hier gewahrt mal wieder erneut ganz deutlich, was für eine starke und eklatante Stimme der Empyrium-Sänger doch besitzt. Nachfolgend bringt „Tyr“ einen schneidenden Kontrast ins Spiel, mit den übersinnlichen Chorgesängen und dem eine dunkle Grundstimmung einer Gewitterwolke verbreitenden Sprechgesang. Dieses sich anbahnende Unheil ist aber bei „Giant’s Tragedy“ direkt wieder vergessen. Heroisch fängt dieses Stück an, wechselt aber bald in eine sehr Empyrium-artige, von einer Violine begleitete Schlagseite über, die sicherlich nicht ganz unbeabsichtigt an das Referenzwerk „Songs of Moors & Misty Fields“ erinnert. Scheint beinahe so, als ob Markus Stock hier nicht nur beim Mixen und Mastern seine Finger im Spiel hatte. Es ist gewiss eine sehr gelungene Hommage an einen der einflussreichsten Vorbilder von Tir, denn soviel dürfte mittlerweile jedem klar geworden sein. Die zweite Hälfte von „Urd, Skuld & Verdandi“ ist ähnlich mit bezaubernder Intensität aufgeladen und besticht, wie bereits erwähnt, noch ein weiteres Mal mit dem Gesang von Thomas Helm. Sie bietet eine gleichermaßen umfangreiche nostalgische sowie kraftvoller Naturerfahrung auf einer ätherischen Ebene, die den Hörer auf eine überraschende Reise durch das Unbekannte und darüber hinaus mitnehmen wird – so die ungefähre Übersetzung der Beschreibung auf Bandcamp. Den Abschluss des Albums bildet das majestätische und auch längste Lied „Rhön“ – eine wundersame Melodie auf einem wunderschönen Album. Absolute Empfehlung, und das nicht nur für Empyrium-, Dark-Folk- oder Neofolk-Fetischisten!