Unmasked – Behind the Mask

Unmasked - Behind the Mask

Küche auf hohem Niveau…

Unmasked aus dem Raum Köln/Bonn sind seit 2015 in der Szene unterwegs und haben sich – eigenen Worten nach – dem progressiven und modernen Metal verschrieben. Nachdem sich das Line-Up des Quintetts im Jahr 2017 stabilisierte, begann die Band mit dem Ausarbeiten der Songs für das Album „Behind the Mask“. Versierte Musiker an ihrem jeweiligen Instrument und ein erfahrener Vokalist sind uns schon mal sicher. Aber wie schmeckt das Potpourri aus fünf Songs denn nun?

„No Regrets“ beginnt den musikalischen Reigen und zeigt bereits eines der auffälligsten Merkmale der Band auf: Keyboards unterlegen die treibende, peitschende Gitarre mit Harmonie- und Melodieteppichen und zaubern beizeiten verträumt-ruhige Passagen. Sozusagen das Salz in der Suppe. Textlich geht es hier darum, nicht aufzugeben und sich immer weiter voran zu kämpfen, ohne Schuldgefühle nach vorn zu blicken. Der Text wirkt auf mich noch etwas blass und repetitiv. Wobei Sänger Chris sein Handwerk hervorragend versteht, sehr verständlich growlt und immer wieder an die großartigen Eternal Tears of Sorrow erinnert. Die etwas mehr als acht Minuten des Songs sind handwerklich besonders durch die tolle Arbeit an den Instrumenten hörenswert, allerdings erscheinen mir die aggressiven, rauen Vocals nicht gut in den musikalischen Kontext eingebunden. Das kann daran liegen, dass die Gitarre überwiegend im Stakkato unterwegs ist, was dazu führt, dass auf der dünnen musikalischen Grundfläche das Fundament für die scharfen und direkten Vocals fehlt. Eine zweite Gitarre würde dem Gesamtklang der Band sicherlich gut tun. Trotz der tollen Produktion fehlt es dem Gesamtsound und dem Speiseplan hier an Eiern.

Der Eindruck setzt sich auch in „Home“ fort. Eine tolle musikalische Leistung und auch sehr abwechslungsreich, doch unter den luftigen Arrangements leidet der Druck. Progressivere Bands füllen die Zwischenräume gerne mit deutlich mehr Noten und – Verzeihung! – Gedudel, so dass die Song-Parts kurzweilig und abwechslungsreich ausfallen, und zumindest die Musiker-Polizei aufhorcht. Gerade das stilprägende „Einlocken“ der rhythmusgebenden Instrumente in den Groove, während ein Musiker soliert, fehlt hier völlig. Unmasked lassen die Zwischenräume zu gerne für sich stehen und schaffen mit vielen Arpeggios und einzelnen stehenden Noten Leerräume in den Arrangements, die für einen Temperaturabfall im Ofen sorgen.

„Gaia“ überzeugt mit dynamischen, mal geflüsterten, mal geshouteten Vocals, die sehr gut verständlich sind. Der Songs nimmt nach einer ruhigen Passage endlich Fahrt auf und erzeugt endlich mal eine klanglich-volle und drückende Dynamik. Nichtsdestotrotz beschleicht mich manchmal das Gefühl, das kürzere Songs, weniger textliche Wiederholungen und ein allgemeines Auf-den-Punkt-kommen der Band besser zu Gesicht stehen würden. Nicht so sehr Fast Food, aber kleinere Portionen einer guten Speise, die Hunger auf mehr machen – das würde mehr Sinn ergeben.

„Drenched in Blood“ lebt von den dynamischen und verspielten Drums, Bass und Gitarre liegen wunderbar tight auf dem Takt, das Keyboard unterlegt das Ganze mit sanften Streichern, bevor alle gemeinsam nach vorne preschen. Eine tolle instrumentale Passage und ein Gitarrensolo verleihen dem Song das finale Sahnehäubchen. Mit ein paar Zwei-Ton-Bendings auf der Gitarre wird diesem Song gegen Ende eine gewisse Dramatik und steigende Intensität verliehen, welche den anderen Songs zum Teil abgehen. Cremig.

„Behind the Mask“ ist musikalisch zurecht der Titeltrack des Albums. Ausladend geschrieben und mit viel technischer Finesse versehen, ist das Niveau, auf dem Unmasked hier ihr Material aufgenommen haben, schlichtweg hervorragend. Bei aller Technik zünden die Arrangements bei mir noch nicht, hier hat die Band noch Luft nach oben für das nächste Menü. Und – aber das ist nur ein persönlicher Eindruck – passt der moderne Keyboard-Leadsound nicht zum restlichen Klangbild, aber das ist in diesem Song Meckern auf hohem Niveau und allenfalls wie falscher und dennoch guter Wein zur richtigen Speise.

Ein tolles Jewelcase mit zwölfseitigem Booklet kredenzen uns Unmasked mit „Behind the Mask“. Vierfünftel der fünf Songs sind mit jeweils über acht Minuten Spielzeit deutlich ausladend und kalorienreich. Die Musiker verstehen ihr Handwerk und haben ihre jeweiligen Parts sehr gut zusammen geköchelt und von Karsten Honsack einen sehr transparenten und modernen Sound auf den Leib geschneidert bekommen. Gerade Keyboarderin Aileen ist ein Fundus an Sounds und Möglichkeiten und könnte gerne noch mehr die Lücken in der Gitarrenarbeit auffüllen.

Die Arrangements auf „Behind the Mask“ sind noch nicht schlüssig genug, um über die Spielzeit der einzelnen Songs hinweg spannend zu bleiben. Zu wenig steigert sich, zu wenig verändert sich tonal und zu gleichförmig sind die dargestellten Emotionen, zu leer bleiben die Zwischenräume. Eine zweite Gitarre, die mehr Basisarbeit verrichtet und mehr Fläche und Geschäftigkeit erzeugt, würde der Band ebenso gut zu Gesicht stehen wie kürzere Songs und mehr Varianz in den Vocals. Die Prog-Komponente ergibt sich bei Unmasked zum jetzigen Zeitpunkt allenfalls aus der Instrumentierung, aber unterschiedliche Genre-Einflüsse, emotionale Motive oder rhythmische Ausbrüche sind auf „Behind the Mask“ ebenso wenig präsent wie mutige Skalenspielereien oder musikalische Risiken. Und so entfaltet „Behind the Mask“ seine kulinarische Stärke besonders in der Qualität der Musiker, der Produktion und der Gleichförmigkeit. Fans der gehobenen Küche und des modernen Rocks/Metals greifen hier bedenkenlos zu. Gourmets des Progressive Metals riskieren einen vorsichtigen Happen, auch wenn das Menü hier noch etwas zu einseitig und nährstoffarm ausfallen dürfte.