Vindkast – Archaic Collapse

Vindkast - Archaic Collapse

Mit einem Re-Release von „Archaic Collapse“ beehren uns Avantgarde Music und ihre Künstler Vindkast: Die Stuttgarter vertonten bereits 2015 auf 100 bei Urtod Void erschienenen Tapes ihren atmosphärischen Black Metal, erzeugt in totaler Finsternis und textlich zwischen der Leere des Kosmos und dem Füllhorn menschlichen Versagens.

Ein solcher Re-Release birgt immer die Chance, seine künstlerischen Vorstellungen zu konkretisieren, das Artwork auf das nächste Level zu heben und die eigene Vision direkter, ja, kompromissloser zu formulieren. Das sehr ansprechende 6-Panel-Digipak ist geprägt von stellaren Körpern in einer Flucht. Beim Aufschlagen der ersten Seite gleitet die Perspektive auf die Erde und der Blick schweift zum Himmelsgestirn. Erst das Aufklappen der zweiten Seite offenbart die CD und die Texte zu den beiden Kernstücken „Under This Dying Sun“ und „Unto the Earth“. Vindkast nehmen uns also mit auf eine Reise ins unendliche Weltall und zurück auf unseren Planeten…

Nach dem sphärischen, von Synthesizern und Hallfahnen geprägten „A Lament Beneath the Fiery Sky“ wähnt man sich bereits im Atmospheric-Black-Metal-Gefilde. Assoziationen des Gleitens durch die Schwerelosigkeit kommen auf, wenn man den weichen Vibrationen folgt und die sachten Klänge sich wie Ringwellen auf einem ruhigen See ausbreiten. Das Stück lässt den Hörer sogleich in die dichte Atmosphäre des Albums eintauchen und wiegt erst einmal in Sicherheit. Genauso wie das zu Beginn archaisch anwachsende „Under the Dying Sun“. Das dreizehnminütige Epos lässt sich Zeit, kommt langsam – aber dann mächtig – in Fahrt und will so gar nicht schnell konsumiert werden. Als würde sich das Auge erst einmal an die Sichtweite gewöhnen müssen, stellt auch das Gehör nur langsam scharf. Sprachsamples deuten das Ende der Besinnlichkeit an und das Stück kippt binnen Millisekunden in wildes Drumming und flirrende Gitarren um. Der ganze Sound ist dennoch vom Hall und der räumlichen Tiefe geprägt. Hier gelingt Vindkast der schmale Grat zwischen einer atmosphärischen, sehr räumlichen und dennoch dichten Produktion. Die Cymbals sind extrem freigestellt, Snare und Basedrum bilden mit den Hallfahnen einen intensiven Teppich, auf dem die Vocals angenehm zurückgenommen thronen, während die Gitarren deutlich die Richtung vorgeben. Nahezu cineastisch kippt das Stück noch vor der Zehnminutenmarke zurück in synthetische Klänge, nicht konstruiert, sondern logisch und nachvollziehbar.

Mit „Archaic Collapse“ nehmen Vindkast weiter Tempo raus, die Synthesizer klingen weltlicher, bedrohlicher, dissonanter. Wir scheinen uns nun der Erde zu nähern, und es scheint nicht gut um sie bestellt zu sein. „Unto the Earth“ lässt interessante rhythmische Reflektionen der Gitarre auf einen weichen Untergrund aus künstlichen Klangebenen treffen, und abermals nimmt die Band sich Zeit, richtet sich auf unseren Heimatplaneten aus und gleitet erst langsam, dann immer schneller in den Orbit. Nochmals wird die Zehnminutenmarke durchbrochen: Während das geistige Auge nun den Erdkörper streift, galoppieren die Gitarren der Erdkruste entgegen. Der Fallschirm öffnet sich erst nach sieben Minuten freien Falls, Arpeggien erzeugen eine etwas entrückte, geisterhafte Atmosphäre, und man wähnt sich nun am Ende seiner intergalaktischen Reise, während die Raumkapsel langsam gen Boden gleitet. Wie ein Nachruf wirkt dann „Death’s Other Kingdom“ mit seinen außerweltlichen Klängen und bedächtigem Sprachsample-Einsatz. Ich verspüre eine gewisse Wehmut, denn die Reiseroute war äußerst gut gewählt, und man möchte so gleich noch einmal zurück ins All.

Vindkast erschuffen mit „Archaic Collapse“ ein anachronistisches Werk, welches weitaus unwirklicher, unweltlicher und zeitloser wirkt, als das Gros der atmosphärischen Black-Metal-Kollegen agiert. Der Sound wirkt weniger dringlich, die Stücke wollen in der richtigen Reihenfolge und langsam goutiert werden. Wer auf der Suche nach dem schnellen Song für Zwischendurch ist, wird ebenso wenig fündig werden, wie Fans knackiger, kurzer Singles. Den geduldigen Hörer belohnt „Archaic Collapse“ aber mit einer Reise, die ihresgleichen sucht.