Waldtraene – Al daz Jar

Waldtraene - Al daz Jar

Heidnisches Liedgut, das nicht nur die ihm zugrunde liegenden Mythen, Legenden und Traditionen ernst nimmt und dabei gleichzeitig noch völlig glaubwürdig rüberkommt, ist durchaus keine Selbstverständlichkeit. Vielleicht ist das nur meine Ansicht, aber häufig kommt es mir so vor, dass Gruppierungen aus diesem Genre sich den typischen Trinkhorn-Schwinger-Song nicht verkneifen können. Das Zweiergespann Waldtraene aus dem Harz gehört hier seit jeher zu den ernsthaften Vertretern ihrer Zunft. Ihr neuestes Werk „Al daz Jar“, was so viel wie „Das ganze Jahr hindurch“ bedeutet, macht da nicht nur keine Ausnahme, sondern ist in meinen Ohren auch noch ein gewaltiger Schritt nach vorne.

Die Scheibe, die sich ganz grob umrissen mit dem Lauf der Jahreszeiten beschäftigt, ist wahrlich ein starkes Stück. Atmosphärisch durch und durch, nimmt man dem Album seine heidnischen Wurzeln mit jedem Ton ab. Hier hat sich jemand wahrlich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Wer bereits die Vorgängeralben von Waldtraene kennt, der wird sich darüber nicht wundern, denn die beiden Waldtraene-Musiker Knoepchen und Horda haben sich eine besonders glaubwürdige Auseinandersetzung mit dem Erbe unserer Ahnen auf die Fahne geschrieben. Ich muss zudem gestehen, dass das Album perfekt in die „dunkle Jahreszeit“ passt. Hätte ich einen Kamin, würde ich es mir zu den Klängen von „Al daz Jar“ gerne davor gemütlich machen und vielleicht auch ein Gläschen Met verköstigen.

Ein Großteil der grandiosen Atmosphäre von „Al daz Jar“ ist den Stimmen von Knoepfchen und Horda zu verdanken, die gut miteinander harmonieren. Der Gegensatz zwischen tiefem männlichen und kräftigem weiblichen Gesang, bei dem mitunter auch mal die Rollen getauscht werden, passt wirklich hervorragend. Neben den klassischen Instrumenten wie Akustikgitarre, Flöte und diversen Rasseln gibt es aber auch erstmals eine Ergänzung durch Schlagzeug und Bass. Besonders das Schlagzeug, dezent und auf den Punkt verwendet, ist auf „Al daz Jar“ ein echter Gewinn.

Thematisch wird, wie bereits gesagt, unter anderem der Lauf des Jahres erzählt. In eingängigen, melodischen Stücken wird ein bestimmter Abschnitt des Jahres und seine Bedeutung für die Menschen dargestellt. Zum Beispiel die mythologische Wilde Jagd in „Winterwode“ oder die Rückkehr der Sonne in „Sowilo“. Darüber hinaus erzählen Songs wie „Holuntar“ (ein Song, der mit seiner düsteren Art fast schon aus dem Rahmen fällt und doch absolut passend ist) von den mystischen Aspekten des bereits von den Germanen verehrten Holunders oder wie „Nerthus“ von der gleichnamigen Göttin. Wirklich gut gefällt mir auch das Zusammenspiel der beiden Songs „Wintersonnenwende“ und „Sommersonnenwende“, die sich nicht nur thematisch hervorragend ergänzen, sondern ähnlich wie die beiden Zwillingsstücke „Ich weiß von dem Rad“ dem Gesamtwerk einen gewissen Rahmen verleihen.

„Al daz Jar“ ist ein Album, das rundum Spaß macht. Mit seiner erzählerischen Struktur, dem rituellen Charakter und seinen einprägsamen Melodien geht es hervorragend ins Ohr, denn auf den beiden CDs gibt mehr als nur einen Song, die dort auch sicherlich länger verweilen werden (Anspieltipp: „Aequinox“). Waldtraene präsentieren wieder einmal ein Beispiel für heidnisches Liedgut fern jedes Kitsches und aller Klischees. In seiner Harmonie und Ruhe, die es auch in den kraftvolleren Momenten ausstrahlt, passt es perfekt in die Winterzeit und zu einem entspannten Abend. Mit der dem Album innewohnenden Kraft wird es aber sicherlich auch live so manches Mal punkten.